Beispiel 38: Fachwort in Fussnote erklärt

2. THEORETISCHER TEIL

2.5 Übersetzungs- und textlinguistische Grundlagen

2.5.4 Textinterne und -externe Faktoren

Nicht zuletzt ist das Faktorenmodell von Nord (2010, S. 73), eine Art funktional orientiertes

„Abfrageschema“, für die AT-Analyse von Bedeutung. Die Anleitung beruht auf der Lasswell-Formel (ebd.): „Who says what in which channel to whom with what effect? – Wer sagt was über welchen Kanal zu wem mit welcher Wirkung? [Hervorh. im Original]“ Dabei wird erst nach den Faktoren der Kommunikationssituation und dann nach den Merkmalen des Textes gefragt (ebd.). Das Modell präsentiert sich anhand von Fragen wie folgt:

WER übermittelt WOZU

WEM

Über WELCHES MEDIUM WO WANN

WARUM einen Text Mit WELCHER FUNKTION?

WORÜBER sagt [der Text]

WAS (WAS NICHT)

in WELCHER REIHENFOLGE, unter Einsatz WELCHER NONVERBALEN ELEMENTE in WELCHEN WORTEN in WAS FÜR SÄTZEN in WELCHEM TON?

WELCHE WIRKUNG hat das?

Tabelle 5: Textexterne (l.) und textinterne (r.) Faktoren (Nord, 2009, S. 40, 2010, S. 74) 2.6 Zusammenfassung

Anhand des theoretischen Teils wird ersichtlich, dass das Hamburger Verständlichkeitskon-zept mit seinen vier Merkmalen für die vorliegende Arbeit zentral ist. Die Themenfelder juris-tische Fachsprache, Popularisierung und einfache Sprache liefern ihrerseits nicht nur wert-volle Empfehlungen und Strategien für die Erstellung des ZT, sondern helfen auch die fachex-terne Kommunikationssituation zu präziseren und damit den AT zu analysieren. Die Untersu-chungen von Nord und Brinker et al. liefern theoretische Grundlagen, mit der übersetzungs- und textlinguistisch relevante Aspekte analysiert werden können. So kann erstens der

Über-setzungsprozess im Zirkel-Modell verortet werden. Zweitens liefert die Theorie zu den Text-funktionen die Basis, um die Funktionen des Textes bzw. die Senderintention zu bestimmen.

Drittens wird mit der Textstruktur der theoretische Hintergrund erweitert, um das Merkmal Gliederung/Ordnung des Hamburger Verständlichkeitskonzepts zu analysieren. Und viertens, jedoch nicht zuletzt, erlaubt die Herangehensweise über das Faktorenmodell von Nord, die Kommunikationssituation und die Merkmale des Textes ausführlich zu bestimmen. Es wird in Kap. 3.1 vollständig angewendet.

3. Der Ausgangstext11

Nachdem in Kap. 2 die theoretische Basis für die Arbeit dargelegt wurde, wird in diesem Kapi-tel der AT gründlich auf übersetzungsrelevante Aspekte und mit Fokus auf Verständlichkeit analysiert. Im ersten Unterkapitel wird der Übersetzungsauftrag mithilfe der textinternen- und externen Faktoren formuliert. Dann wird das Thema und der Inhalt des Sachbuches vor-gestellt. Im dritten Unterkapitel werden Textsorte und Textfunktionen im Detail analysiert.

Danach folgt das Kernstück des Kapitels: die Anwendung des Hamburger Verständlichkeits-konzepts am AT anhand der vier Merkmale (Kap. 3.4). Den Abschluss des Kapitels bilden die UN-Erklärung und ihr juristischer Inhalt.

3.1 Der Übersetzungsauftrag

Der Übersetzungsauftrag ist im Zirkel-Modell die erste Etappe im Übersetzungsprozess (s. Kap.

2.5.1). Übersetzerinnen und Übersetzer sollen durch die AT-Analyse grundlegende Informati-onen zur Translations- und Kommunikationssituation erhalten. Für die vorliegende Überset-zung fungiert das CETIM als fiktiver Auftraggeber.12

Laut Nord (2010, S. 56) sollte der Übersetzungsauftrag explizit Angaben zu folgenden Punkten enthalten: „Adressat(en) des Zieltextes“, „intendierte Funktion(en) des Zieltextes“, „zeitliche und örtliche Bedingungen, unter denen der ZT voraussichtlich gelesen werden soll“, „das Me-dium, über das der ZT an den oder die Adressaten gelangen soll“ und „den Anlass für die

Pro-duktion bzw. die Rezeption der Übersetzung“. Diese Punkte können allesamt mithilfe des Fak-torenmodells von Nord (2009, S. 39-157, 2010, S. 72-81) und den dazu formulierten Leitfragen bestimmt werden.

3.1.1 Textexterne Faktoren

• WER übermittelt

Der Sender ist das CETIM als publizierender Verlag. Textproduzentinnen und -produzenten gibt es mehrere: die beauftragte Autorin und Juristin Coline Hubert, CETIM-Direktor Melik Öz-den (Introduction) und Jean Ziegler (Préface). Coline Hubert hat das Buch im Anschluss an ein Praktikum beim CETIM auf Mandatsbasis geschrieben.

Das CETIM wurde 1970 als nicht-gewinnorientierter Verein in Genf gegründet und unterstützt durch seinen Beraterstatus im Wirtschafts- und Sozialrat der UNO (ECOSOC) soziale Bewegun-gen (CETIM, o. J., o. S.). Der Verein bietet sich der Öffentlichkeit auch als Dokumentations-zentrum an und behandelt als Verlagshaus in seinen Publikationen die Beziehungen zwischen Nord und Süd sowie Entwicklungsfragen (ebd.).

• WOZU

Zweck der Publikation ist die Bekanntmachung der Erklärung der Vereinten Nationen (A/RES/73/165). Gemäss Verlagsleiter Florian Rochat (Anhang VI, S. 1) ist die Intention des Senders, zu zeigen, wie es zu dieser Erklärung gekommen ist und wie sie angewendet werden kann. Gemäss Hubert (Anhang V, S. 4) verfolgt das Buch insbesondere im zweiten Teil das Ziel, bei der Leserschaft Engagement für die UN-Erklärung hervorzurufen.

• WEM

Der Adressatenkreis ist grundsätzlich ein breites, fachexternes (Laien-)Publikum. Rochat (An-hang VI, S. 1) zufolge haben der erste und zweite Teil des Buches aber zwei etwas unterschied-liche Zielgruppen. Der erste Teil richtet sich an ein breites Publikum, das sich nicht vornehm-lich mit bäuervornehm-lichen Fragestellungen beschäftigt und sich eher für die Arbeit der UNO und einer NGO innerhalb der UNO interessiert (ebd.). Der zweite Teil richtet sich dann vielmehr an Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, Bäuerinnen und Bauern, Politikerinnen und Po-litiker und Leute, die sich für das bäuerliche Schicksal, die Bauern als Gruppe und ihre Opfer-rolle bei Menschenrechtsverletzungen interessieren (ebd.). Rochat (ebd., S. 3) beschreibt die

Leserinnen und Leser als Personen, die eine durchschnittliche Schulbildung haben, jedoch die Mühe auf sich nehmen, sich zu informieren. Erwartet wird weder ein intellektueller Hinter-grund noch eine Ausbildung im Bereich der Landwirtschaft (ebd., S. 3). Deshalb musste sich die Autorin in die Situation eines durchschnittlichen Lesers bzw. einer durchschnittlichen Le-serin ohne juristische Kenntnisse hineinversetzen (ebd., S. 4). Aus dem Interview mit Hubert (Anhang V, S. 1) wird deutlich, dass sie bei der Redaktionsarbeit oft Bäuerinnen und Bauern im Kopf hatte, für die insbesondere der zweite Teil des Sachbuches lesbar und verständlich sein sollte. Ferner dachte sie an Personen wie Mitarbeitende von NGOs, Freiwillige oder Ge-werkschaftsmitarbeitende und spricht von einem sehr breiten Publikum (ebd.). Rochat (An-hang VI, S. 1) zufolge ist im Rahmen der Verlagstätigkeit des CETIM bei einem breiten Publi-kum eine Auflage von maximal 10‘000 Exemplaren vorgesehen – für das vorliegende Buch be-trug die Auflage 1‘500 Exemplare.

Was die Erwartungen des breiten Publikums und der bäuerlichen Organisationen bezüglich der UNO angeht, hebt Rochat (Anhang VI, S. 5) die oftmals verzerrte Meinung des Publikums hervor. Entweder sei die Erwartung des Publikums riesig oder es dominiere die Haltung, dass die verabschiedeten Dokumente in irgendwelchen Schubladen verstauben würden (ebd.).

Zwischen diesen beiden Standpunkten sei jede Position denkbar (ebd.). Diese Tatsache musste Hubert bei der Redaktion im Hinterkopf behalten. Weil der Adressatenkreis sehr breit ist, muss davon ausgegangen werden, dass auch das Vor- und Hintergrundwissen der Leserin-nen und Leser sehr unterschiedlich ist. Zudem handelt es sich bei der UN-Erklärung um ein junges Dokument, weshalb nicht davon ausgegangen werden kann, dass es bereits der breiten Masse bekannt ist.

• über WELCHES MEDIUM

Das Trägermedium ist ein 200 Seiten langes einsprachiges, schriftliches Sachbuch mit Klebe-bindung, vorgegebenem Layout, ausschliesslich mit Text und ohne Bilder und Illustrationen.

Die deutsche Übersetzung soll entweder als schriftliches Sachbuch oder als E-Book publiziert werden.

• WO

Das Sachbuch wurde in der Schweiz, weitgehend in Genf, geschrieben und richtet sich an alle Französisch sprechenden Personen weltweit. Der ZT richtet sich einerseits an den deutsch-sprachigen, europäischen Raum (v. a. Schweiz, Deutschland, Österreich) und andererseits an die deutschsprachige Gemeinschaft der ganzen Welt.

• WANN

Die französische Originalversion des Sachbuches wurde im März 2019 durch das CETIM her-ausgegeben, im Sommer 2019 erschien das Buch als E-Book auf Englisch und Spanisch (CETIM, 2019, o. S.). Geplant ist, dass die deutsche Übersetzung im Verlauf des Jahres 2020, spätestens 2021 erscheint. Der Zeitfaktor ist insofern kein Problem, da das Buch ein Thema behandelt, das unlimitierte Gültigkeit hat.

• WARUM einen Text

Als Kommunikationsanlass, der zur Publikation des Buches geführt hat, können die Verhand-lungen an der UNO und schliesslich die Annahme des Dokuments in der UNO-Generalver-sammlung im Dezember 2018 betrachtet werden. Der Grund, warum es eine deutsche Über-setzung des Sachbuches geben soll, ist evident: Der Inhalt soll einem deutschsprachigen Pub-likum zugänglich gemacht werden (vgl. auch Faktor WO).

• Mit WELCHER FUNKTION?

Nach Nord (2010, S. 52 ff.) wird eine funktionskonstante, „instrumentelle Übersetzung“ ange-strebt (s. Kap. 3.1.3). Die in Kap. 3.3.2 analysierten Funktionen gelten auch für den ZT. Im Vordergrund stehen die Informations- und Appellfunktion. Letztere kommt insbesondere im übersetzten Buchausschnitt deutlich zum Vorschein. Als Nebenfunktionen konnten Elemente der Kontakt-, Ausdrucks- und Deklarationsfunktion festgestellt werden.

3.1.2 Textinterne Faktoren

• WORÜBER sagt der Text

Die Thematik des Sachbuches ist die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte von Kleinbäuerinnen und -bauern und anderen Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten. Es handelt sich um ein Dokument des Völkerrechts. Die Kernaussage des Buches steht im Buch-titel (La Déclaration de l’ONU sur les droits des paysan.ne.s. Outil de lutte pour un avenir com-mun).

• WAS (und WAS NICHT)

Das WAS an der Textoberfläche wird durch das Inhaltsverzeichnis deutlich. Der erste Teil des Buches (Élaboration de la déclaration) erklärt, wie es zur UN-Erklärung kam, der zweite Teil des Buches (Utilité, rôle et luttes à venir) stellt sieben ausgewählte Artikel der UN-Erklärung vereinfacht dar, kommentiert sie und legt ihren Nutzen dar. Am Ende wird im Kapitel Conclu-sion ein Fazit gezogen. Im Detail wird der Inhalt des Buches in Kap. 3.2 vorgestellt.

Wird unter die Textoberfläche geschaut und der Fokus auf den übersetzten Buchausschnitt gelegt, kann festgestellt werden, dass eine Reihe von Informationen im Text aufgeführt sind:

Die vereinfacht dargestellten und kommentierten Artikel der UN-Erklärung liefern jene Infor-mationen, die zum Grundverständnis der Thematik beitragen. Sie beziehen sich weitgehend auf den Wortlaut der Erklärung, sind aber meistens mit einer ins Thema einleitenden Einfüh-rung versehen. Die kommentierten Artikeln bieten jene Informationen, die der Intention des Senders dienen: Die Leserschaft soll sich die UN-Erklärung aneignen. Der Inhalt ist faktenba-siert und kohärent mit demjenigen der UN-Erklärung. An vielen Stellen wird aus der 3. Person Singular (on) oder der 1. Person Plural (nous) geschrieben. Kohäsionselemente kommen z. B.

durch die vielen Konnektoren zum Ausdruck. Der Text bemüht sich, auf umfangreiche prä-supponierte Informationen zu verzichten und vermeidet implizite Aussagen: Er erklärt, formu-liert konkret und vereinfacht entsprechend oft.

WAS wird NICHT gesagt? Angesichts des breiten Adressatenkreises werden wenig Vorkennt-nisse benötigt. Da aber das Vor- und Weltwissen der Leserinnen und Leser stark variiert, wur-den im ZT z. B. bei Fachausdrücken zusätzliche Erklärungen gegeben und nach Möglichkeit eine konkrete, leicht verständliche Ausdrucksweise gewählt.

• in WELCHER REIHENFOLGE

Der Buchausschnitt, der 26 Seiten lang ist und übersetzt werden soll, ist aus einem Sachbuch entnommen. Die Makro- und Mikrostruktur sowie die äussere Gliederung und innere Ordnung des Textes werden in Kap. 3.4.2 im Detail analysiert und im Kap. 4.1.2 diskutiert. Hubert (An-hang V, S. 4) hält fest, dass sie bei der Beschreibung der Artikel in den Unterkapiteln darauf achtete, einem roten Faden zu folgen und nicht Paragraf um Paragraf zu beschreiben.

• unter Einsatz WELCHER NONVERBALEN ELEMENTE

Da es sich um ein Sachbuch handelt, bestimmt das geschriebene Wort, d. h. die Sprache, die Rezeption des Inhalts. Der Buchausschnitt weist als auffälligstes Gestaltungselement einen Kasten auf. Das Layout insgesamt ist schlicht gehalten.

• in WELCHEN WORTEN

Die Lexik ist insbesondere durch die Verfasserperspektive, die kommunikativen Intentionen des Senders und den Adressatenbezug bedingt. Es handelt sich um einen vereinfachten, aber dennoch an gewissen Textstellen sehr dichten Text. Dementsprechend wurden weitgehend geläufige Wörter gewählt. Juristische Fremdwörter werden meistens erklärt (s. Kap. 4.2.2).

Rochat (Anhang VI, S. 2) bestätigt, dass die Vorgabe war, eine einfache Sprache zu verwenden und Wörter, die womöglich vom anvisierten Publikum nicht verstanden werden könnten, mit einer Fussnote oder einer Periphrase zu erklären. Der Text hat nicht den Anspruch neutral zu sein. Die Haltung der Autorin und des CETIM drückt sich durch die bereits erwähnte Wir-Per-spektive aus, die sich teils in einem umgangssprachlichen Stil ausdrückt. Häufig wird auf die Modalverben pouvoir und devoir zurückgegriffen. Der Text bedient sich durchgehend der Ter-minologie der UN-Erklärung und anderer völkerrechtlicher Dokumente. An einigen Stellen wird direkt zitiert, womit die UNO zum Sender wird (s. Kap. 3.5 und 4.2.1).

• in WAS FÜR SÄTZEN

Hubert (Anhang V, S. 1) zufolge lautete die Vorgabe, ein gut lesbares Buch zu schreiben, das auf komplizierte Satzkonstruktionen verzichtet und vom Stil her zugänglich ist. Die Autorin schafft es, meist kurz und prägnant zu sein, an mehreren Stellen verwendet sie aber auch komplexe, verschachtelte Satzstrukturen. Häufig wird mit mehreren Haupt- und Relativsätzen operiert. Der Indikativ ist vorherrschend. Wie bereits unter IN WELCHEN WORTEN ausgeführt, sind Satzkonstruktionen mit dem Modalverb devoir sehr häufig. In der Häufigkeit dieses Mo-dalverbs lässt sich die Appellfunktion erkennen. Die Verbform des Gerundiums wird punktuell eingesetzt.

• in WELCHEM TON?

Wie schon unter IN WELCHEN WORTEN erwähnt, hat der Text nicht den Anspruch, neutral zu sein, sondern ist im Gegenteil an einigen Stellen wertend, persönlich und personzentriert ge-schrieben. An manchen Stellen im Text drückt die Appellfunktion eine fordernde Haltung aus.

Die kursive Hervorhebung von Wörtern oder Wortgruppen schafft einen Kontrast und betont

Schlüsselbegriffe bzw. -aussagen und markiert die sieben Untertitel. Laut Rochat (Anhang VI, S. 3) sollte eine Sprache verwendet werden, welche die Menschenrechte verteidigt.

Nach der Formulierung der textexternen und -internen Faktoren soll nun die Wirkung erläu-tert werden:

• mit WELCHER WIRKUNG?

Insbesondere in Sachbüchern ist es schwierig, einzuschätzen, ob die intendierte Wirkung des Senders mit den Schlussfolgerungen der Empfängerinnen und Empfänger übereinstimmt. Si-cher ist aber, dass die Rezeption auch vom vorhandenen Vor- und Hintergrundwissen abhän-gig ist. Weil sich der Text an ein breites (Laien-)Publikum mit unterschiedlichem Vorwissen richtet, wird auch die Rezeption sehr unterschiedlich ausfallen. Mit grosser Wahrscheinlich-keit dürften aber die Intentionen des Textes bei den Leserinnen und Lesern nicht untergehen und ihnen den Eindruck geben, dass sie für die Anwendung der Erklärung ihren Teil beitragen können.

3.1.3 Übersetzungsstrategie

Nachdem das „Ist“ des AT durch das Faktorenmodell festgelegt wurde, wird im Folgenden das

„Soll“ des Übersetzungsauftrags skizziert. Daraus ergibt sich das Zieltextprofil und damit die globale Übersetzungsstrategie:

• Mithilfe des AT-Materials und der AT-Analyse soll eine funktionskonstante, „instru-mentelle Übersetzung“ nach Nord (2010, S. 52 ff.) hergestellt werden, die als „ei-genständiges Kommunikationsinstrument in einer zielkulturellen Situation“ funktio-niert.

• Alle verständlichkeitsfördernden Aspekte, die bei der AT-Analyse erkannt werden, sollen in den ZT übertragen werden.

• Der ZT soll durch gezielte (inter- und intralinguale) Eingriffe und Anpassungen auf Text-, Satz- und Wortebene optimiert werden. Dazu wird auf die vier Verständlich-macher des Hamburger Verständlichkeitskonzepts, die Empfehlungen und Strate-gien der Popularisierung und der einfachen Sprache zurückgegriffen.

• Um der Intention des Senders, der Appellfunktion des Textes und der nous/on-Ver-fasserperspektive gerecht zu werden, soll einerseits das Verb müssen anstatt sollen

• Der ZT orientiert sich an der Terminologie der offiziellen deutschen UN-Erklärung (s.

Anhang VIII).

• Im ZT soll die weibliche der männlichen Form vorgezogen werden, um dem Um-stand Rechnung zu tragen, dass hauptsächlich Frauen für die Landwirtschaft verant-wortlich sind (Hubert, 2019, S. 108 f.). Die Anmerkung im Buch zu gendergerechtem Formulieren wird umformuliert (s. dazu Beispiel 24 in Kap. 4.1.3)

• Der ZT soll grundsätzlich der deutschsprachigen Kultur und deren kulturspezifischen Merkmalen entsprechen.

• Der universelle Charakter und die unlimitierte Gültigkeit der Erklärung müssen bei Orts- und Zeitangaben im ZT beachtet werden.

• Der Text übernimmt das Layout des AT und respektiert grundsätzlich die Makro- und Mikrostruktur, wobei sie zur Verständlichkeitsförderung angepasst werden können.

• Stil und Sprachregister werden dem Zielpublikum angepasst.

3.2 Thema und Inhalt des Sachbuches

Das Sachbuch La Déclaration de l’ONU sur les droits des paysan.ne.s. Outil de lutte pour un avenir commun dient als Grundlage dieser Arbeit. Erstens beschreibt es die Geschichte der Erklärung – von der Idee bis zu deren Annahme in der UNO (Partie I.). Rochat (Anhang VI, S. 1 und 5) zufolge war ein Hauptziel des Buches, zu zeigen und zu verstehen, wie ein solcher Pro-zess an der UNO abläuft. Dadurch soll dem Publikum vor Augen geführt werden, dass ein sol-ches Vorgehen auch in anderen Bereichen denk- und realisierbar ist (ebd.). Aus dem Interview mit Hubert (Anhang V, S. 1) geht zudem hervor, dass in diesem Teil auch die erfolgreiche Zu-sammenarbeit des CETIM mit LVC hervorgehoben wird. Sie war für das Unterfangen entschei-dend, um die Erklärung in der UNO durchzubringen. Zweitens kommentiert das Sachbauch ausgewählte Artikel und zeigt Möglichkeiten auf, wie ein Dokument des internationalen Rechts als politisches Kampfmittel für eine gemeinsame Zukunft von Kleinbäuerinnen und -bauern eingesetzt werden kann (Partie II.). Im Anhang des Buches findet sich der exakte Wort-laut der Erklärung und eine Länderübersicht, wer in der UNO wie abgestimmt hat. Im Detail präsentiert sich der Inhalt des Buches wie folgt:

• Préface de Jean Ziegler

• Introduction par Melik Özden, directeur du CETIM

• Partie I.: Élaboration de la déclaration

• Partie II.: Utilité, rôle et luttes à venir

• Conclusion

• Texte intégrale de la déclaration (Annexe I), le vote de l’Assemblée générale de l’ONU et sa représentation démographique (Annexe II) et livres du CETIM sur l’agri-culture et la question paysanne (Annexe III) (Hubert, 2019, S. 207)

Der ausgewählte und zu übersetzende Buchausschnitt findet sich auf den Seiten 99-124, im Teil II S’approprier la déclaration und darin in Kapitel 1. Ses articles phares. Der Ausschnitt behandelt sieben Artikel, stellt sie vereinfacht dar und kommentiert sie: das Recht auf Land und andere natürliche Ressourcen (Art. 17), das Recht auf Saatgut (Art. 19), das Recht auf ein menschenwürdiges Einkommen und eine menschenwürdige Existenzgrundlage sowie Zugang zu den dafür erforderlichen Produktionsmitteln (Art. 16), das Recht auf Nahrung und Ernäh-rungssouveränität (Art. 15), das Recht auf soziale Sicherheit (Art. 22), das Recht auf Mitwir-kung (Art. 10) und die allgemeinen Verpflichtungen der Staaten (Art. 2).13

Die UN-Vollversammlung in New York hatte am 17. Dezember 2018 die Resolution A/RES/73/165 über die Rechte von Kleinbäuerinnen und -bauern und anderen Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten, angenommen (Hubert, 2019, S. 199). 122 Staaten stimmten dafür, 8 dagegen, 54 enthielten sich und 9 nahmen nicht an der Abstimmung teil (ebd.). Die Originalsprache der Resolution ist Englisch und erschien zusammen mit den UNO-Sprachen Französisch, Spanisch, Arabisch, Russisch und Chinesisch im Januar 2019 (Vereinte Nationen, 2019, o. S.). Im Juni 2019 erschien dann eine offizielle Version der Erklärung vom deutschen Sprachdienst der UNO in New York (ebd.).

In der 28 Artikel umfassenden Erklärung der Vereinten Nationen sind zahlreiche einzelne und gemeinsame Rechte für Kleinbäuerinnen und -bauern festgeschrieben. Die Erklärung beginnt in der Präambel mit den Anliegen, die zu ihrer Entstehung geführt haben. Im ersten Teil der Erklärung folgen jene Artikel, die für die Anwendung der Erklärung zu berücksichtigen sind:

die Definition der Anspruchsberechtigten, die allgemeinen Verpflichtungen der Staaten sowie

die Grundsätze der Nichtdiskriminierung und der Geschlechtergleichheit. Danach werden die bürgerlichen und politischen Rechte erwähnt, die für Kleinbäuerinnen und Landarbeiter we-sentlich sind, zum Beispiel die Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit oder die Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit. Im zweiten Teil folgen die neuen Rechte: das Recht auf Land, auf Saatgut, auf biologische Vielfalt usw. Der dritte Teil schliesslich ist den wirtschaftlichen, sozi-alen und kulturellen Rechten gewidmet.14

3.3 Textfunktionen und Textsorte

Das untersuchte Buch wird dem Genre Sachbuch zugeordnet. Die Grundlagen dazu liefern Stolze (2013, S. 209) und Roelcke (2005, S. 46), der sich seinerseits auf Rosmarie Gläser (1990) stützt. Beide ordnen das Sachbuch der fachexternen Kommunikation zu, die nach Stolze (ebd., S. 212) empfängerbezogen und deshalb auf Verständlichkeit ausgerichtet ist. Stolze (ebd.) weist das Sachbuch weiter den „popularisierenden Textsorten“ zu, deren Hauptzweck es ist, Inhalte zu erklären. Der „Duden online“ definiert das Sachbuch als „[populärwissenschaftli-ches] Buch, das ein Sachgebiet, einen Gegenstand aus einem Sachgebiet darstellt“ (Dudenre-daktion, o. J., o. S.).

Im Folgenden werden die Textfunktionen im Detail bestimmt. Die Darstellungsfunktion (Nord, 2010, S. 45) bzw. Informationsfunktion (Brinker et al., 2018, S. 106 ff.) sowie die

Im Folgenden werden die Textfunktionen im Detail bestimmt. Die Darstellungsfunktion (Nord, 2010, S. 45) bzw. Informationsfunktion (Brinker et al., 2018, S. 106 ff.) sowie die

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