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Eine Frau

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Academic year: 2022

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Texte intégral

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Eine Frau

Roman von Hanka Grothendieck

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I Matrix 5

II Sich Geb¨aren 51

III Bereitung I 159

IV Bereitung II 377

V Die ¨Ubergabe 569

VI Zu Berlin 691

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Teil I Matrix

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Kapitel 1

Wenn das Kinderm¨adchen mit den Kindern zur¨uckkam vom Spaziergang im Park – Betty vorneweg mit ihren stakigen Beinen und ihrem Trudelreifen, das Baby im Kinderwagen und die zweij¨ahrige Lotti nebenher –, berichtete es manchmal, ganz aufgeblasen von Stolz : heute w¨aren wieder zwei Damen vor Lotti stehengeblieben und h¨atten ausgerufen : “Gott, der s¨uße kleine Junge ! So ein Pummelchen ! Und wie ernst er kuckt ! ”

Die Kleine war wie gew¨ohlich still neben der guten Nina einhergetrottet, ein besinnliches ¨Apfelchen; intensiv in Anspruch genommen von der warmen Luft auf ihren ¨Armchen, von dem Kies, den sie durch die d¨unnen Sohlen f¨uhlte, vom Leuchten der Blumen im Beet dort dr¨uben – und vielleicht auch von irgendwel- chen Gedanklein in ihrem kleinen Kopf. Jetzt hob sie den Blick zu den fremden Gestalten, die l¨achelnd vor ihr standen : mit der einen behandschuhten Hand zierlich die geraffte Masse des Kleides um die Schenkel spannend, daß all die uschen und Volants in einer zartfarbigen Kaskade, sich verbreiternd, herab- rauschten, und in der andern leicht das d¨unne St¨ockchen des Sonnenschirms, der wie ein durchscheinender Seidenkorb das schleierumh¨ullte Gesicht mit den hochfrisierten Haaren und dem darauf nistenden H¨utchen umrahmte.

Eines Tages geschah etwas Be¨angstigendes : die Erwachsenen hatten Angst.

Angst vor etwas, das dick und drohend draußen vor den Fenstern hockte und hereinwollte. Darum wurden die Roll¨aden herabgelassen, in allen Zimmern, am hellen Tage.

“Warum tut ihr das, Nina ? ” – “Sie k¨onnten uns in die Fenster schießen.”

Bis an die Gurgel angef¨ullt von einem erstickenden B¨undel ratloser Ban- gigkeit ließ sie das verst¨orte Kinderm¨adchen mit den andern klagen und rau- nen und verkroch sich in eine Ecke – dort, wo zu Weihnachten der Tannen- baum stand. – Hat sie Geschrei und Sch¨usse geh¨ort, oder erz¨ahlte man es ihr sp¨ater ? – Und immer wieder diese unbekannten Worte : Aufruhr, Revoluti- on —

Der kleine Bruder war kaum ein Jahr j¨unger als Lotti. Aber wie dumm er war ! Und wie matschig ! Wenn er nicht sofort tat, wie sie wollte, pr¨ugelte sie ihn ohne Erbarmen. Und Hansi stand da und pl¨arrte und verstand vor Angst schon gar nicht mehr, was die Tyrannin von ihm wollte. – Dann stand die Mutter in der T¨ur und sah bek¨ummert auf ihren hilflosen kleinen Jungen und

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ihr zorniges kleines M¨adchen.

Onkel Fritz verg¨otterte die G¨oren. Eigentlich war er kein richtiger Onkel, sie nannten ihn bloß so, und sie liebten den lustigen Mann in der pr¨achti- gen Uniform sehr. Manchmal durften sie ihn in der Kommandantur besuchen.

Dann pr¨asentierte der Posten vor seinem Schilderhaus gravit¨atisch das Ge- wehr vor den zwei St¨opselchen von Kindern, und das Kinderm¨adchen, das sie begleitet hatte, ließ sie allein hineingehen.

Die schmale, blasse Frau am Fenster, die mit tr¨ubem L¨acheln den spie- lenden Kindern auf dem Teppich zusieht. Onkel Fritz kommt herein und legt seiner Frau leise die Hand auf den Scheitel. Und bei dieser stummen Geste durchdringt das kleine M¨adchen ein unverstandenes Gef¨uhl von Wehmut und Pein.

Der Kellner, der so offensichtlich eine große Rolle spielte, wenn der Vater nicht da war, und ganz wie er kommandierte (er verstand es nur nicht so gut, und die andern gehorchten ihm nicht so willig), hatte die Kleine eines Morgens in die Weinstube gerufen, mit geheimnisvoller Miene : er wolle ihr etwas zeigen.

Dort setzte er sich in eine Nische, zog das Hosenbein bis zum Knie hoch und die Socke ¨uber den Stiefel hinab und zeigte der Kleinen die Haare, die er auf dem Bein hatte.

Und Lotti hockte vor ihm und sah mit einem Gemisch von Abscheu, Be- klemmung und Faszination auf die schrecklichen schwarzen Haarkringel auf dem fleischigen, bleichen St¨uck M¨annerbein zwischen Hosenwulst und Socken- falten.

Da flog die T¨ur auf, und der Vater brach herein. Er sah das Kind gar nicht, das sich rasch erhob. Er sah auch nicht die hastige Geste seines Angestellten, mit der er das Hosenbein herabließ.

Wie sah der Vater aus – ! Das Hemd aufgerissen und ohne Kragen, die Haare zerrauft, und die Augen flammten ohne Blick in dem kalkweißen Gesicht.

Lotti war indigniert : wie konnte ein Mensch – wie konnte ihr Vater sich in so einem Zustand zeigen !

Mit geballten F¨austen st¨urzte der Vater sich auf den Kellner. “Dieb – Betr¨uger ! ” – mit heiserer Stimme.

Lotti floh hinaus und sah nicht mehr, wie zwei robuste M¨anner in steifen uten den Kellner fortf¨uhrten.

Als Johannes Schwerin – Erbbauer, Erbkrugwirt, Erbschmied – merkte, daß er alt wurde, ließ er sich sein Altenteil bauen und ¨uberließ seinem ¨altesten Sohn den Hof und das ganze Anwesen.

Die Backsteine und Dachziegel zu diesem Haus wurden in seiner Ziegelei gebrannt und der Kies f¨ur den M¨ortel aus seinen Kiesgruben geholt. Er ließ das Haus ger¨aumig bauen, damit seine Enkel – deren er schon einige hatte und noch mehr erwartete – mit ihren M¨uttern in den Ferien bei ihm leben konnten. In den vorigen Jahren waren sie noch zu klein gewesen. Es w¨are auch nicht recht Platz f¨ur sie gewesen in dem alten Haus; der alte Schwerin h¨atte nie geduldet, daß die M¨agde woanders als im Wohnhause schliefen,

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das geh¨orte sich nicht. (Und er war stolz wie auf einen pers¨onlichen Ehrentitel darauf, daß w¨ahrend seiner dreißig Jahre auf dem Hofe nicht eine Magd ein uneheliches Kind gekriegt hatte.)

Nun aber konnten sie kommen, die Enkelkinder.

Und sie kamen.

Als erste kam seine Tochter Anna mit ihren dreien.

In den ersten Jahren hatte es geschienen, als h¨atte sie so eine gute Heirat gemacht, und dieser Babendeerde schien auch ein t¨uchtiger Mann zu sein. Und außerdem : ein Witwer mit einem Kind, das macht immer so einen Eindruck von Gesetztheit. Und dann nach einigen Jahren – der gesch¨aftliche Zusammenbruch; von heute auf morgen. Die ganze sch¨one Mitgift war mit draufgegangen.

Johanna Schwerin wollte gerecht sein : ganz zu verurteilen war der Babendeerde viel- leicht nicht. H¨atte er einen ehrlichen Menschen als Vertreter gefunden, so h¨atte ja alles gutgehen k¨onnen. Aber das war es eben : ein gesunder Mann ¨uberl¨aßt seine Arbeit nicht einem Angestellten. H¨atte er, Johannes Schwerin, h¨atten seine V¨ater nicht ihre ganze Manneskraft dem Hof gegeben, dann h¨atte er nicht seine ¨ubrigen vier S¨ohne auszahlen onnen, damit sie sich in der Stadt ein Gesch¨aft gr¨undeten, und den Hof dennoch unge- schm¨alert und nur leicht belastet dem ¨Altesten ¨ubergeben.

Aber hat man, Gottsdonner, je so etwas geh¨ort : ein Mann, der Frau und Kinder zu versorgen hat und zu Rennen f¨ahrt wie ein Graf oder F¨urstensohn ? Sowas kann kein gutes Ende nehmen.

Und nun hatte sein Anning gar noch angefangen zu kr¨ankeln.

Der alte Schwerin und seine Frau hatten manche bittere Sorgenstunde wegen der unvorhergesehenen Schicksalswendung im Leben ihrer verheirateten Tochter. Sie drehten und wendeten immer noch einmal alles, wie es gewesen und wie es gekommen, und fragten sich, ob sie nicht doch Unrecht getan hatten, die Einwilligung zu dieser Heirat zu geben.

Daß sie unbedingt n¨otig werden w¨urde, hatten sie ja damals nicht geahnt !

Das stand fest : ein Mann, der seine Braut nicht respektiert, darauf war nicht zu bauen.

Als die Geburtsanzeige sieben Monate nach der Hochzeit eintraf – das war ein harter Schlag gewesen f¨ur die Alten. Und da mußten sie doch auf ihre alten Tage noch den Nachbarn und den Freunden in die Augen l¨ugen und von Fr¨uhgeburt erz¨ahlen. Aber man wollte sich und die Seinen nicht in den Mund der Leute bringen. Dennoch – vor ihren Eltern und vor ihrem Gewissen – da blieb doch die Schande.

Und so ein gutes, gesetztes, verl¨aßliches M¨adchen war sie gewesen. Mit neunzehn Jahren hatte sie schon einem großen Gutshaushalt vorgestanden, alle von den Melkerinnen bis zu den Zimmerm¨adchen dirigiert, so umsichtig, daß die erfahrenste und krittligste Person ihr da nichts vorzumachen gefunden h¨atte. Der Alte war stolz gewesen auf sein Anning.

Aber eine Bauerntochter sollte nicht in die Stadt gehen, das hatte er immer gewußt.

Und da f¨uhlte er sich schuldig, daß er sich hatte von dem verlockenden Angebot blenden lassen, das sein Nachbar J¨urgensen ihm von seinem Schwager ¨uberbracht hatte. Ja, es war ganz einfach seine Hoffart gewesen; es schmeichelte ihm, daß die T¨uchtigkeit seiner Tochter so weithin bekannt wurde : da war sie tief unten in Bayern auf diesem Gutshof, und ein Hotelier in Hamburg wollte sie so unbedingt als Wirtschafterin haben, daß er ihr ein ¨uber die Maßen hohes Angebot machte. Das hatte er gut begriffen, J¨urgensens Schwager : nat¨urlich fuhr er selbst am besten, wenn er ein noch so hohes Gehalt zahlte,

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aber sicher war, daß er jemanden hatte, der ehrlich seine Interessen wahrnahm und nie auf den Gedanken kommen w¨urde, in die eigene Tasche zu arbeiten.

Und der Mann hatte auch zu der Heirat mit seinem j¨ungeren Kollegen geraten. “Wenn er sich auch dabei ins eigene Fleisch schnitte,” hatte er gesagt, “aber was Recht ist, muß Recht bleiben. Dieser Babendeerde, der versteht seine Sache aus dem Effeff. Und solide und ernsthaft.”

Solide und ernsthaft – ! Da soll doch gleich –

Aber da fing es immer noch nicht an. Daß er ¨uberhaupt zugegeben hatte, daß seine Tochter Geld verdienen ging – das war es. Als ob sie es n¨otig gehabt h¨atten ! Aber mit ihrer ruhigen Stetigkeit hatte sie immer wieder so besonnen ihre Gr¨unde angef¨uhrt . . .

Else, ja, die war zu Haus geblieben und war ihrer Mutter an die Hand gegangen.

Und erst als sie mit ihren dummen Heiratsgedanken kam, mit diesem Habenichts, und der Alte eisern seine Zusage verweigerte, da hatte sie sich auch eine Stellung gesucht. Es kam weder dem Vater noch der Tochter in den Sinn, daß sie, da sie m¨undig war, h¨atte nach ihrem Kopf handeln k¨onnen. – Else war ein gutes M¨adchen, ohne Frage. Aber sie sah doch immer h¨ubsch auf ihre Bequemlichkeit (ein Grund mehr f¨ur den Alten, sie nie anderswohin als auf einen soliden alten Hof zu geben ! ) und war zu einem kr¨anklich alten Herrn als Haush¨alterin gegangen. Da war sein Anning von einem andern Schlag, die f¨uhlte sich bloß wohl, wenn sie t¨uchtig was zu leisten hatte.

Der alte Schwerin hatte auch, weiß Gott, an seinen T¨ochtern nichts gespart. Jahrelang hatte der Schullehrer ihnen Privatstunden gegeben, damit sie besser gebildet seien, als es in den zwei Klassenr¨aumen der Dorfschule m¨oglich war. Und die Frau des Schullehrers hatte ihnen feine Handarbeiten beigebracht. Das alles hatte ein ganz sch¨ones St¨uck Geld gekostet. Aber Hannes Schwerin hatte es ja. F¨ur die Jungens fand er den regul¨aren Schul- unterricht gen¨ugend; die mußten sich durch ihre T¨uchtigkeit in der Welt durchsetzen, was brauchten sie da Gelehrsamkeit und sch¨one K¨unste. Aber wenn seine T¨ochter ihm zu Weihnachten bunt bestickte Pantoffeln schenkten, mit so feinen zierlichen Stichen wie winzigste Perlen, und wenn Grabow vor ihm und dem Herrn Pastor ein Examen seiner ochter abhielt und sie so gut auf alles zu antworten wußten, dann f¨uhlte er, daß seine zwei M¨adchen doch erst so recht der Ziergarten waren, der seine breithingestreckte, derbe und nahrhafte Bauernbeh¨abigkeit schm¨uckte.

Und jetzt hatte nicht die eine und nicht die andere das gefunden, was die Eltern f¨ur sie gew¨unscht und eigentlich auch erwartet hatten.

Ach ja, so war es schon : ein jeder hatte sein Kreuz zu tragen. Wie sollte wohl er davon verschont bleiben ? Da stand der sch¨one alte Hof mit all seinen Nebenbetrieben, und er konnte sich nach des Lebens Last und M¨uhen behaglich zur Ruhe setzen. Aber gerade seine Anna, von allen Kindern ihm die Liebste, und die von Vater und Mutter die besten Anlagen geerbt hatte – um die mußte er sich jetzt graue Haare wachsen lassen.

Aber er grollte ihr nicht mehr. Jahrelang hatte er das Unrecht, das sie sich und den Eltern angetan, nicht verwinden k¨onnen. Erst als das Ungl¨uck ¨uber sie hereinbrach, wurde er andern Sinnes. Da wußte er, daß Gott sie jetzt f¨ur ihren Fehltritt gestraft hatte und daß er, der Vater, ihr darum nicht mehr gram sein brauchte, sondern ihr mit seiner Liebe zur Seite stehen mußte.

Und sie stand treu zu ihrem Mann und ließ nichts Schlechtes auf ihn kommen. Das gefiel dem Alten auch wieder.

Wenigstens w¨urde sie jetzt f¨ur ein paar Wochen mit den Kindern zu ihm kommen.

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Und sie sollte es gut haben zu Hause.

Wenn Anna Babendeerde mit ihren Kindern in den Ferien zum Großvater fuhr, war das immer eine aufregende Sache. Sie konnte nicht wie die Schw¨agerinnen im Schnellzug fahren und ihr Gep¨ack aufgeben. Aber dann gelang es ihrem Mann doch jedesmal, ihr einen Sitzplatz in der 4. Klasse zu erobern, und mit seiner selbstsicheren Zuvorkommenheit hatte der sch¨one, imposante Mann es leicht bei der gr¨oßtenteils weiblichen Reisegesellschaft, fremde Gep¨ackst¨ucke so zu r¨ucken, daß er auch die Kinder auf dem großen Reisekorb in ihrer N¨ahe unterbringen konnte.

Es war eine lange Reise unter der dr¨uckenden Julihitze. Als Anna Babendeerde sie das erste Mal unternahm, fragte sie sich ¨angstlich, wie sie nur beim Umsteigen auf dem Kleinstadtbahnhof fertig werden solle, mit all dem Gep¨ack; es w¨are ein Wunder, wenn sie da einen Tr¨ager finden w¨urde.

Die Stunden zogen sich hin wie ein z¨aher, sachte schmorender Teig. Als der Balken tanzender Sonnenst¨aubchen schon fast wagerecht durch den Wagen ging, saßen die Kin- der m¨ude, wie verwelkt auf ihrem sch¨utternden Reisekorb und starrten mit verstaubten Augen und schwirrendem Kopf durch das trenkelnde Fenster, wo die Telegrafenstangen unerm¨udlich Auf- und Abstriche ¨uber die wechselnde Landschaft zogen.

Und dann fanden sie auf dem gef¨urchteten Kleinstadtbahnhof den Großvater, der ihnen entgegengefahren war.

Als Anna die st¨ammige Gestalt des Vaters auf den leeren, sonnigen Bahnsteig ge- pflanzt sah, verstand sie, daß er ihr auch anders entgegengekommen war und daß jetzt alles wieder gut war.

Wie sch¨on und aufrecht er sich noch immer hielt ! Und kaum ein grauer Faden in dem braunen Spatenbart. Eine z¨artliche Liebe zu diesem Vater, der immer die kraftvolle Geradheit f¨ur sie verk¨opert hatte, zitterte in ihr auf.

“Na, min D¨ochting – da bist du nun.”

“Min Vating ! ”

Er hielt sie so fest und kr¨aftig in seinen Armen wie damals, als sie nach der Hochzeit Abschied von dem alten Familienhaus genommen hatte. Aber das schn¨urende Bewußtsein der verheimlichten Schuld, das sie damals die Umarmung des Vaters als erstohlen emp- finden ließ, schmolz in dieser zu dem dankbaren friedevollen Gef¨uhl, wieder nach Hause gekommen zu sein.

Gutm¨utig klopfte er ihr auf den R¨ucken, denn er merkte auch in sich die R¨uhrung groß werden : “Is jo allens good, min Deern – ”, und machte sich mit dem Gep¨ack zu schaffen.

ur die Kinder, die in diesen Jahren in der großen Stadt mehrmaligen Wohnungs- wechsel durchzumachen hatten, war Großvaters Haus und das kleine Dorf Steenbeek die Heimat : das Stetige, Unwandelbare.

“Angekommen” f¨uhlten sie sich und mit einemmal entb¨urdet und neubelebt, wenn sie unter den langen abendlichen Schatten der alten Kastanienb¨aume traten, bei denen der Garten begann. Das Bild der Großmutter blieb ihnen f¨ur immer so gegenw¨artig : wie sie auf der Schwelle ihnen entgegensah und dann die Gartenpforte weit auftat : statt- lich, beh¨abig, in einem zeitlosen schwarzen Seidenkleid, gl¨anzend wie ein Spiegel, mit engen ¨Armeln, straffem Mieder und einem weiten Rock; und auf dem glatten ergrauen- den Scheitel das winzige Altfrauenh¨aubchen, alltags schwarz, feiertags weiß : R¨uschen,

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Spitzen und schmale lila Samtb¨ander. Das gute, festgef¨ugte Gesicht l¨achelte vor Freude und Wohlwollen mit all seinen F¨altchen, wenn sie nach den Umarmungen die Enkel in die d¨ammerige, get¨afelte Diele f¨uhrte, in der sie nun einige Wochen lang ihre Mahlzeiten einnehmen sollten. Der immergleiche Duft in der k¨uhlen Diele war ein endg¨ultiger Will- komm : nach Großmutters Lavendel, Großvaters Rock, Großmutters Bohnerwachs und Marmeladegl¨asern, Großvaters Pfeifentabak und allem, was das leichtge¨offnete Fenster aus Garten und Feldern hereinließ.

Und dann begann das immer gleiche, immer neue Ferienleben.

Das leise Wiegen der Felder unter dem Wabern der sonneges¨attigten Luft. Die flam- menden Kleckse des Mohns im gelbenden Korn, die starren, dunklen Sterne der Korn- blumen und die adrette Klarheit der Margeriten. Die unz¨ahligen Str¨auße, von denen die kleinen M¨adchen immer die H¨ande vollhatten; und wenn Großmutter keine Vase mehr hatte, suchte sie geduldig Biergl¨aser und braune Butterkr¨uglein heraus. – Die M¨ohren, die die Kinder in den Feldern auszogen und wie s¨uße, erfrischende Bonbons verknabber- ten, so daß Großmutter bei Tisch ein wenig schelten mußte : man darf sich nicht so mit rohem Zeug anf¨ullen, daß nachher kein rechtes, nahrhaftes Essen mehr Platz hat. – Die Herrlichkeiten der flimmernden Kiesgruben : fast jedes Steinchen war ein Feenpalast mit gl¨anzenden schwarzen Goldgalerien, in dem sich endlose M¨archen abspielten. Und niemals waren Taschentuch und Kleidert¨aschchen groß genug, um die allersch¨onsten, die sich in die ande dr¨angten, mit nach Haus zu nehmen. Manchmal ging es gar nicht anders, und Lotti mußte ¨achzend auch die kunstfertig vollgepackte Armbeuge heimschleppen. Am Ferienen- de gab es immer das gleiche tr¨anenvolle Drama : unger¨uhrt leerte Mutter die steinevollen Koffer, und nur ein S¨ackchen voll durfte Lotti aussuchen zum Mitnehmen. Aber wenn sie dann die Auswahl getroffen hatte, war es gerade in der entgegengesetzten Proportion : “ein ackchen voll” erwies sich als das H¨auflein der Steine, von denen man sich allenfalls h¨atte trennen k¨onnen. Nein, Lotti konnte nicht einsehen, daß all die dummen W¨aschest¨ucke . . . Ach, die Mutter verstand auch gar nichts !

– Doch, sie verstand manches, die Mutter.

Nachmittags ging sie h¨aufig mit den Kindern – den ihren und denen der Schw¨agerin – ins Holz. Hier draußen war es Lotti egal, wenn die Mutter sich alle hundert Meter auf dem Klappstuhl ausruhen mußte; in der Stadt sch¨amte sich das t¨orichte kleine M¨adchen unter den neugierigen Blicken der endlos Vor¨ubergehenden. Dann saß die Mutter am Waldrand auf dem Klappstuhl, das ernste Gesicht der hitzezitternden Ferne zugewandt; die Kinder zogen allm¨ahlich spielend davon, und Lotti, die ein wenig ¨alter war als sie alle, verlor sich gern allein im Wald, um Himbeeren zu suchen und sie dann mit der immer gleich

¨uberraschten Mutter zu verzehren. Dann wurde ihr in der rauschenden Stille, in dem warmen Kiefernduft ganz feierlich zumut. Und wenn sie zur Mutter zur¨uckkehrte, sah sie auf ihrem stillen Gesicht dieselbe Feierlichkeit. Ihr kleines M¨adchen lehnte sich an sie, und die Mutter sagte, ganz gl¨ucklich : “H¨orst Du, wie es in den Wipfeln rauscht? Ach – das ist doch die sch¨onste Musik ! ” Und jetzt erst h¨orte die Kleine bewußt, was sie so sonnt¨aglich erhoben hatte : immer kam es wie m¨achtige Atemz¨uge von ferne her, rauschte n¨aher und immer n¨aher, griff in die Wipfel ¨uber ihr und orgelte weiter; und schon kam von weither wieder ein neues Atemholen, schwoll ¨uber ihr und zog hinab . . .

Viele Jahre sp¨ater, als Charlotte, eine alternde Frau, an einem tr¨uben Wintertag aus dem franz¨osischen Konzentrationslager entlassen wurde und bei ihrem ersten Gang ins Leben dies Kiefernrauschen vernahm – da fand sie sich pl¨otzlich wieder, ein kleines

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adchen, an den Arm der Mutter geschmiegt, schaute ¨uber das in der Sonne reifende Land und lauschte “der sch¨onsten Musik”. Und sie setzte sich hin auf die feuchte Wintererde und weinte bitterlich, dieser in allen Feuern geh¨artete Mensch.

Die Mutter sp¨urte auch dieselbe Beklemmung wie Lotti, wenn das hektische Puffen der Dreschmaschine begann. Wie sch¨on war der Dreiklang der Dreschflegel gewesen ! Den hatte Lotti noch nie geh¨ort; dennoch f¨uhlte sie sich jedesmal be¨angstigt : dieser h¨aßliche arm in dem friedevollen Sommerland und das riesige Kn¨aul von erstickendem Staub und hitziger, mißt¨onender Gesch¨aftigkeit. F¨ur Tage verbannte einen das aus der duftenden uhle der riesigen Scheune, und selbst die K¨uhe zu besuchen, die abends in stattlicher Reihe in den reinlichen Stall zogen, verleidete einem das drohende Get¨ose.

Immer bedauerte auch die Mutter, daß jetzt auf den Feldern ihres Bruders kein Sen- sendengeln mehr zu h¨oren war. Lotti fand jedoch, daß Onkel Paul sehr imposant aussah vor dem gl¨uhendblauen Himmel, hinter dem Paar gl¨anzender Pferde; wie er so gelassen auf seiner zitternden Maschine saß, die mit gewaltsamen Armen, eine Last um die andere, die hochm¨utig sich wiegenden Halme ergriff, an sich preßte und als dem¨utig glatte Garben auf den Boden legte.

Die ersten Jahre, ehe diese Maschine auftauchte, durften die Kinder manchmal den Schnittern die Vesper aufs Feld bringen : die schweren, bauchigen braunen Steinkr¨uge voll kochenden Kaffees (“Hitt verdrifft Hitt”) und riesige, kernige Scheiben selbstgebackenen Brotes mit Butter und Mettwurst. Beim Herannahen der Kinder ging die ganze Reihe der Arbeitenden langsam dem Knick am Feldsaum zu, und da ruhten sie dann im Schatten : die st¨ammigen M¨anner, dunkelbraun in den weißen, durchschwitzten Hemden, kr¨aftigen gesunden Geruch ausstr¨omend; die Frauen mit festen nackten Beinen unter den gesch¨urz- ten Faltenr¨ocken, und die gl¨uhenden Gesichter ganz jung im Schatten der kleidsamen weißen Leinenschuten.

Immer einmal gab es auch Große W¨asche. Das begann eher ungem¨utlich : aus der offenen T¨ur des Waschhauses, das von Großmutters Blumengarten nur durch einige Me- ter niedergetretener Grasnarbe entfernt war, quollen unabl¨assig dichte Dampfschwaden.

Die M¨agde standen vom grauenden Morgen an ¨uber ihre dampfenden Tr¨oge gebeugt, schwatzend und singend, und ihre Gestalten schienen im dicken Qualm zu schwanken.

Immer neue Lasten triefender W¨asche, immer neue Wolken erstickenden Dampfes zogen sie aus dem riesigen eingebauten Kessel, um den das Holzfeuer sein hohles und eiliges Lied schnurrte. Nachmittags wurde dann ein Pferd vor eine grobe Holzschleife gespannt, die mit ¨ubervollen W¨aschek¨orben, einer am andern, beladen wurde, und es ging zur Beek, zum Sp¨ulen. Vorneweg pfeifend der Knecht, hinterdrein die M¨agde, einen Arm in die ufte gestemmt, geruhsam plaudernd; dann gesellte Lotti sich gern zu ihnen. Herrlich war es, unter den Weiden zu knieen, im frischen Atem des Wassers, und ein blinkweißes aschest¨uck ums andere in der klaren, raschen Beek zu sp¨ulen. Aber einmal entriß es ihr ein Handtuch, es floß unwiederbringlich davon – . Lotti war starr vor Schreck : die M¨agde hatten sie so gewarnt ! Aber schon war der Knecht dem Ausreißer nachgesprungen, drei Schritte am Bach entlang und dann hinein, daß das Wasser hell um die Hosenbeine spritz- te; und mit dankbarer Bewunderung nahm Lotti das triefende St¨uck aus der Hand des triefenden Retters entgegen.

Sch¨on war das Baden in der Beek. Im sinkenden Abend gingen die Kinder durch die saftige Wiese, vorbei an ruhenden K¨uhen; das letzte St¨uck mußten sie bei dem leicht vermoorten Grund bed¨achtig von einem Graspolster auf ein anderes treten. Die Fr¨osche

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begannen zu klagen, am Himmelsrand gl¨uhte das offene Tor, in das die Sonne eingegangen war in ihrer Herrlichkeit, und die Luft war so klar und weich in ihrer schweigenden Erwar- tung der Nacht, daß die hellen Kinderstimmen unbeweglich in ihr zu schweben schienen.

Es wurde Lotti kaum bewußt, daß sie eigentlich sehr viel allein war. Sie strolchte und tollte zuzeiten fr¨ohlich mit der Schar der Vettern und Kusinen, aber immer wieder ergab es sich ganz von selbst, daß sie ihre eigenen Wege ging. Es war ein Wunder, daß bei soviel Alleinsein die Kleine nie auf die Idee kam, sich heimlichen Spielen hinzugeben oder einen Vetter, eine Kusine einzuweihen. Trotzdem sie oft zu zweit oder zu mehreren in Heu- haufen herumwuselten oder in der halbdunklen Scheune bei schwindelnden Gleitfahrten

¨ubereinanderpurzelten. Selbst mit den Kusinen aus Z. [1], die auch h¨aufig zu den Groß- eltern kamen und mit denen schon fr¨uh ein schlimmes Geheimnis sie verband, geschah hier nichts dergleichen. – Es war wohl, so abgeschmackt es auch klingen mag, das gesunde Leben in der freien Natur, das es dazu nicht kommen ließ.

Aber daß Tante Grete – Onkel Pauls Frau, die dr¨uben im alten Haus regierte – im Namen s¨amtlicher sich respektierender Bauerngeschlechter verbot, mit Tagel¨ohnerskin- dern zu spielen ! F¨ur die Jungens war es egal, aber ein M¨adchen mußte “auf seinen Stand halten”. – Lotti war dem Kind irgendwo im Feld begegnet; es war von ihrem Alter und ein nettes, freundliches M¨adchen. Tante Gretes T¨ochterchen war einige Jahre j¨unger und ein bißchen d¨ummlich. Bevor Lottis Verstoß gegen die Kastengesetze herauskam, hatte sie eines Sonntagnachmittags ihre neue Freundin besucht. Sie wohnte in der Reihe engbr¨usti- ger, s¨auberlicher H¨auschen, die alle das gleiche sandige, versengte Vorg¨artchen hatten.

Als sie in das weißgekalkte Zimmer mit den k¨arglichen M¨obeln eintrat, preßte eine j¨ahe Beklemmung und wie ein unklares Schuldgef¨uhl ihr das Herz zusammen. Zum erstenmal sah sie, daß Menschen so leben : zwischen W¨anden wie die des immer blinksauberen Kuh- stalls, und nur mit dem Allernotwendigsten an Tisch, Bank und Bett. Und erst als sie die Freundin ins Freie hinausgelockt hatte, wurde sie allm¨ahlich wieder unbefangen.

Ach, diese b¨auerliche Exklusivit¨at ! Die Jungens w¨aren so gern barfuß gelaufen (f¨ur kleine M¨adchen war das ohnehin undenkbar). Da sollte man aber mal Tante Grete h¨oren !

“Die Leute sollen wohl denken, wir k¨onnten unsern Kindern nicht mehr Str¨umpf und Schuh bezahlen ! ” Und in solchen Dingen hatte Tante Grete nicht weniger zu sagen als die Großeltern und die Mutter. Sie war eine ¨uppige, lebensvolle, t¨uchtige und rasche Frau;

sie geriet außer sich bei dem bloßen Gedanken, daß die Leute was denken oder was reden onnten, oder daß man unter seinem Stand verkehren k¨onnte.

Eine einzige Gelegenheit gab es, da alle im Dorf gleich waren : der Erntezug zum Fest- platz im Musikantenwald. Da zog groß und klein fr¨ohlich und schwitzend hinter der tuten- den, blasenden Musikkapelle her, die M¨adchen mit Kr¨anzen im offenen, mit Zuckerwasser sorgf¨altig gelockten Haar, die Jungens mit dicken Str¨außen am Rockaufschlag, auf ihren selbstgefertigten Fl¨oten piepend. Die dudelnde Karussellmusik war so lange verlockend, als man einen F¨unfer hatte, um stolz wie eine Prinzessin auf blankem Holzschimmel an der staunenden Mitwelt vorbeizukreisen. Wenn Lotti aber schließlich vergebens mit be- tonter Traurigkeit um Großvater und Onkel herumgestrichen war, die, schon wieder “mit ihresgleichen”, in der Waldschenke beim Bier saßen und gelegentlich kamen, um zu sehen, wie die Jugend sich beim Karussell vergn¨ugte – dann wurde sie der bunten, billigen Aus- lagen in den paar Buden bald m¨ude und begriff nicht die Ausdauer der andern, denen der Abend immer zu rasch ¨uber die l¨armschwirrenden K¨opfe sank.

1So abgek¨urzt im Original.

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In dem ganzen kleinen Dorf gab es außer dem alten Schullehrer und seiner Frau nur zwei Familien, “mit denen man verkehren konnte”, und da waren keine Kinder. Sonntags wurde h¨aufig angespannt, und man fuhr ¨uber Land; zuerst zur Kirche, aß manchmal im schattigen Pfarrhaus zu Mittag, und fuhr dann weiter zu entfernt wohnenden “Ebenb¨urti- gen” oder Verwandten. Die Fahrten waren wundersch¨on an der Seite der Mutter, die so gl¨ucklich die vertraute Landschaft genoß und den Geruch des knarrenden Lederzeugs und der wiegenden Pferdeleiber. Aber selbst wenn auf den besuchten Bauernh¨ofen Kinder wa- ren, wußten die ebensowenig ihre Scheu zu ¨uberwinden wie Lotti; und meistens f¨uhrte die Hausfrau nach der Kaffeetafel den sch¨uchternen kleinen Gast zu den Johannisbeer- und Stachelbeerstr¨auchern des schattigen Gartens.

Gern ging Lotti zu dem alten Schullehrer, der immer neuen Generationen Rechnen, Lesen und Schreiben beibrachte, den Katechismus und ein wenig Geographie und va- terl¨andische Geschichte. Seine kleine, zierliche Frau wirtschaftete so freundlich in dem efeuversponnenen H¨auschen und ließ den goldklaren Honig aus den duftenden Waben rin- nen. Und der Alte, aufrecht und d¨urr, stand ruhig im Garten bei seinen Bienenst¨ocken, wie ein guter unbegreiflicher Zauberer, und schien freundschaftlich mit den Tierchen zu verkehren, die wie vertraut um seinen Kopf brummten.

Zauberhaft war auch die Spieluhr im Krug. Wenn an den langen Sommernachmittagen der Großvater gelassen durch die leere d¨ammerige Gaststube wanderte, ließ er sich gern ein wenig Gesellschaft von seinem Enkelkind gefallen und steckte einen Groschen um den andern in den Apparat. Und Lotti kam aus dem Staunen nicht heraus, wie diese große Metallscheibe mit den vielen aufgebogenen kleinen Zacken soviele verschiedene Lieder spielen konnte. Immer kamen die T¨one ein wenig z¨ogernd, melancholisch : – ding – ding – dingding – – ding-ding – – ding – .

Es war angenehm f¨ur den Alten, daß er nicht v¨ollig in Nutzlosigkeit und Langeweile seine Tage hinbringen brauchte; dem Sohn war es nur recht, daß er den ganzen Tag auf den Feldern, in der Scheune, der Schmiede, der Ziegelei zubringen konnte und wußte, der Vater sah derweil in Krug und Laden nach dem Rechten. Der Laden war groß wie eine Schachtel; da es keine Konkurrenz gab, brauchte man sich keine großen Ausstattungsko- sten auferlegen. Aber er enthielt doch alles, dessen das D¨orfchen bedurfte und das es nicht selbst herstellte : Zucker und Schmierseife, Salz und Stiefelwichse, Kaffee und Matjeshe- ringe, Briefpapier, Reis, Haarnadeln, Bindfaden, Kardamom und hundert Dinge noch; in dem schmalen Fenster standen sogar einige verstaubte Gl¨aser mit leuchtend roten und gr¨unen Bonbons.

Im Krug ließ sich tags¨uber nur selten ein Gast blicken. Aber kein Schwerin h¨atte zugelassen [2], daß etwa seine Frau ein Glas Bier ausschenke, G¨aste bediene. Und was sich ur “de Fru” nicht schickte, das geh¨orte sich auch nicht f¨ur die M¨agde, wenn auch aus anderem Grunde. Der Krug, das war M¨annersache.

Still und k¨uhl was es in der ger¨aumigen Gaststube, und die Fliegen summten ein- schl¨afernd an den Fenstern. Was mochte der Großvater nur gedacht haben, als Lotti sich eines Tages an das d¨unnbeinige Spinett setzte, das seine m¨uden Tage zumeist ungest¨ort in einer dunklen Ecke der Gaststube fristete, und anfing, “Klavier zu spielen” und gar dazu mit feierlicher Stimme zu singen ? (Sie hatte schon so lange ihre ¨altere Halbschwe- ster Betty Klavier ¨uben geh¨ort und dies K¨onnen gl¨uhend bewundert; sie h¨atte viel lieber damit angefangen als mit der Schule. Aber als sie sp¨ater “das Alter daf¨ur hatte”, war

2Im Original “zugegeben” statt “zugelassen”.

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das Klavier inzwischen verkauft worden.) Die Kleine war wie berauscht von den bunten unnen T¨onen, die gehorsam unter jedem lockeren Tastendruck hervorsprangen, und das Singen machte sich ganz von selbst dazu. Sie fand diese Musik herrlich sch¨on und sich selbst außerordentlich interessant und ¨uber sich selbst hinausgehoben. Schließlich drehte sie sich mit einem Ruck herum und sagte, angefeuert : “Das ist eine Weihnachtsoper, ich habe sie selbst geh¨ort.”

Das Wort war ihr ohne Nachdenken gekommen – es schien ihr das Großartigste zu bezeichnen, was es an Musik geben konnte : welche festliche Stimmung umschwebte die Großen, wenn sie sich dazu bereiteten, in die Oper zu gehen ! Und dazu noch Weihnach- ten –

“So – so,” sagte der Großvater nur, v¨ollig ernst. “Hmm.” Er war ein pr¨achtiger alter Mann, und in seiner b¨aurischen Derbheit und Geradheit fand sich sogar ein Eckchen verst¨andnisvoller, vielleicht humorvoller Duldung f¨ur diese kindliche Aufspielerei, in der er wohl vor allem die Spielerei erkannte.

Bei heftigen n¨achtlichen Gewittern wurden die Kinder geweckt, und im plinkernden Schein einer Kerze halfen die M¨utter den schlaftrunken Taumeln- den, ihre Kleider zu finden und sich anzuziehen. (Manchmal saß doch etwas komisch verquer.) In der Besten Stube saß Großmutter schon am Tisch, die große offene Bibel unter die Petroleumlampe ger¨uckt, die H¨ande gefaltet im Schoß. Die Kinder bekamen jedes ein Gesangbuch oder ein Testament in die Hand, die Großen fl¨usterten bloß mit ihnen und nahmen auch jeder seine Bibel oder sein Psalmbuch.

Und da saßen sie nun zu dieser unbekannten Stunde, sahen die Blitze hin- ter den Fenstern flammen und h¨orten den himmlischen Donnerwagen ¨uber das bebende Dach rollen und seine gewaltigen Steine hinter dem Hause hinschmei- ßen.

Dies h¨atte vielleicht das Kind mit dauerndem Schrecken beeindrucken onnen. Aber es war so ein alter frommer Brauch, von dem mehr die Fr¨ommig- keit geblieben war als die Angst, die ihn hervorgerufen. Die Großmutter saß so friedlich im Schimmer der Lampe, mit leise sich bewegenden Lippen, und schien ganz weit weg zu sein von dem Toben draußen. Und der Großvater, aher zum Fenster, sah noch gutm¨utiger aus als sonst mit seiner runden Bril- le, ¨uber die er zuweilen einen forschenden Blick auf die Enkelkinder warf.

Es war eher eine ungewohnte Andachtstunde zur Ehre dessen, der Blitz und Donner, den Menschen und seine Ernten in H¨anden h¨alt. Und nicht lange, da wurden dem Kinde die immer wechselnden bleichen Bilder im Fenster eine ge- heimnisvolle Zauberwelt, die der Blitz sekundenlang aus dem Dunkel stanzte, und die Stimme des Donners griff tief hinein in seine kleine Seele. [3]

3Im Original “kleine” in eckigen Klammern.

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Kapitel 2

Allm¨ahlich, im Lauf dieser Besuche, gelang es Anna Babendeerde mit ihrer ruhigen, besonnenen Art, die Eltern milder zu stimmen im Urteil ¨uber ihren Mann. Die Alten wußten einen Mann zu sch¨atzen, der nach einem Schiffbruch, und wenn er selbstver- schuldet war – aber sind wir nicht allzumal S¨under ? –, unverdrossen dran arbeitete, sein Lebensschiff wieder flottzukriegen. Und daß er nicht zu stolz war, “unter seinem Stand”

zu arbeiten, das imponierte ihnen sehr; gerade bei diesem Mann, der erst zu hoch hinaus gewollt. Aber mit ¨angstlichem Stolz verheimlichte Anna, wie schlecht es ihnen zuzeiten ging. Und niemals, auch nicht in den schlimmsten Zeiten nicht, bat sie ihre Eltern um Hilfe. Es war der Stolz f¨ur ihren Mann, der sie schweigen hieß. Auch wie sehr krank sie gewesen war, hatte sie ihre Eltern niemals wissen lassen.

Daß sie noch immer leidend war und die ¨Arzte keine große Hoffnung auf Besserung gaben – das war eine schwere Pr¨ufung f¨ur die t¨atige Frau. Die Ehe war ihr wohl nicht be- kommen, wie so manchen. Nicht daß ihr Mann sie krank gemacht h¨atte – um Gotteswillen ! Er war der solideste, ehrenhafteste Mann, den eine Frau sich w¨unschen konnte.

Anna Babendeerde hatte ¨uberhaupt recht unklare Vorstellungen ¨uber “die Ehe”. Die Schw¨agerinnen erz¨ahlten so allerlei. Und sie sah selbst, daß manche Frauen, die bl¨uhen- de, kerngesunde M¨adchen gewesen waren, nach wenigen Ehejahren anfingen zu kr¨ankeln,

“mit den Nerven zu tun hatten”. Bei ihr war es das Herz. Vielleicht waren es die zwei ersten Geburten rasch nacheinander, und dazu die aufreibende Leitung des großen Ho- telbetriebes. Noch jetzt aber wollte Anna Babendeerde nicht zugeben, nicht einmal vor sich selbst, daß hier ihren Mann einige Schuld treffen k¨onnte. Sie wußte : er hatte zu sehr den großen Herrn gespielt, sich zu wenig um das Hotel gek¨ummert – aber er hatte doch ur die Arbeit, die auf ihm lag, diesen unsympathischen Kellner als Vertreter eingesetzt, wenn er abwesend war. Er h¨atte nicht gewollt, und hatte nicht gewußt, daß seine Frau ein schweres ¨Ubermaß an Arbeit auf sich genommen hatte, weil sie dem Kerl nicht traute.

Und doch nichts verhindern hatte k¨onnen.

Anna Babendeerde war l¨angst nicht mehr blind verliebt in ihren Mann. Sie sah klar, daß der gesch¨aftliche Zusammenbruch zum großen Teil seine Schuld war. Seine Schuld – weil er den andern zu sehr vertraute, bei ihnen die eigene makellose Ehrenhaftigkeit voraussetzte. Dennoch – seine Schuld. Aber ihre Krankheit – nein, die konnte sie ihm nicht aufs Konto setzen.

Wieviel hatte diese Krankheit schon verschlungen ! Selbst in den damaligen Verh¨alt- nissen w¨aren diese Ausgaben ins Gewicht gefallen : die Monate in der teuren Privatklinik, sp¨ater noch die lange Zeit zum Elektrisieren fahren, die Massagen, und die verordne-

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te t¨agliche Spazierfahrt; sie hatte ja jahrelang kaum einen Schritt gehen k¨onnen. Aber nach der Katastrophe, als ihr Mann eine ewig spannkr¨aftige Gef¨ahrtin gebraucht h¨atte, um sich wieder hochzuarbeiten, da waren diese Ausgaben eine manchmal kaum trag- bare Belastung. Die Wirtschaft am Fischmarkt, mit der er es anfangs versuchte, hatte nur bescheidene Eink¨unfte ergeben, da er sie so ganz allein auf den Armen hatte. Jetzt atte es anders sein k¨onnen, aber mit dem ungeschickten Pachtvertrag . . . Jeder andere atte gl¨anzend dagestanden mit den Einnahmen aus dem vielbesuchten Gartenrestaurant.

War es zu glauben, daß sie trotzdem nie ¨uber den Winter hinwegkamen, trotz all ihrer Sparsamkeit, und daß ihr Mann immer noch Arbeit als Lohnkellner annehmen mußte im Winter ?

Aber er wollte nie davon h¨oren, wenn seine Frau ihm klarzumachen versuchte, daß dieser Pachtvertrag etwas ganz und gar Unvern¨unftiges sei. Nach der Heftigkeit, mit der er jede sachliche Besprechung ablehnte – “Ich kann nicht der Witwe meines Freundes die Haut vom Leibe ziehen ! ” –, war fast zu glauben, daß er seiner Dummheit schon selbst bewußt geworden sei. Aber seit er einmal brutal hinzugef¨ugt hatte : “Weil meine Frau mir zu teure Arztrechnungen auf den Hals h¨angt,” hatte sie geschwiegen.

Daß sie aber immer im Winter besonders krank sein mußte. Gut war es ja, daß sie jetzt doch schon wenigstens im Sommer f¨ur die Sonntage hinausfahren konnte; da hat- te ihr Mann dann wenigstens jemand Verl¨aßliches an der Kasse. Nur sie wußte, welchen Aufwand von Energie es verlangte, den ganzen Tag bis in die Morgenstunden hinter dem uffet zu sitzen, Augen und Ohren voll von dem Gew¨uhl und dem Trubel des menschen- vollen Saals, und das Hirn klar zu behalten, ¨uber die ankriechende Schw¨ache hinweg, f¨ur die rasend sich kreuzenden Schreie der Kellner, das Scheppern der Zahlmarken und die blitzschnellen Umrechnungen. Die Woche gen¨ugte immer gerade, um die tiefe Ersch¨opfung zu ¨uberwinden und dann die sinkenden Kr¨afte neu zu spannen f¨ur die erneute ¨Uberan- strengung.

Und doch waren die Sommer eine gute Zeit. F¨ur die Hausarbeit konnte sie sich eine Hilfe halten. Freilich mußte sie allein ihre Kinder regieren, das war nicht immer leicht. Sie wollte nicht ihren Mann, der nur einmal alle acht oder vierzehn Tage f¨ur einen Abend und eine Nacht nach Haus kam, als Urteilsvollstrecker benutzen. Zum Ausklopfer griff sie nur selten, und von ihrer Hand waren die Schl¨age sicher nicht sehr hart. Der kleine Peter nahm seine Schl¨age meistens recht stoisch hin, als unausweichlich und vielleicht auch als verdient.

Hans dagegen hatte es bald heraus, daß jedes Ausholen f¨ur die Mutter eine bittere Pflicht war, und der schlaue kleine Bengel schrie schon bei den ersten Schl¨agen herzzerreißend :

“Mutti, Mutti, ich will es auch nicht wieder tun ! ” Diese rasche Reue hielt den strafenden Arm nicht sofort auf, der Ritus der Verb¨ußung mußte erf¨ullt werden : wer seine Kinder lieb hat, der z¨uchtigt sie; aber die Schl¨age fielen doch unversehens milder. Auch Lotti schrie gellend, aber es waren Schreie der Wut, der fassungslosen Emp¨orung, m¨orderischer Revolte. Selbst wenn das Kind vor der Exekution schon sein kleines Vergehen eingesehen hatte – der erste Schlag l¨oschte das alles aus, warf mit einemmal das Maß der Dinge herum.

Es war nicht der k¨orperliche Schmerz; es war die brutale, beziehungslose Beleidigung seines Stolzes, seiner Scham, der entehrende Eingriff in eine pers¨onliche Unantastbarkeit. Eine Vergewaltigung, die die Großen den Kindern zuf¨ugten, weil sie schw¨acher waren und sich nicht wehren konnten.

Noch Stunden nachher blieb das Kind in seinem wilden, finsteren Aufruhr. Und wenn es endlich, besiegt nur von dem festen, schweigenden Willen der Mutter, die den S¨under von sich abschloß, das zur Vers¨ohnung unerl¨aßliche “Ich will es auch nicht wieder tun ! ”

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¨uber die Lippen brachte, so geschah es widerwillig und mit dem Bewußtsein, sich heuch- lerisch zu dem¨utigen, weil ein Kind nicht leben kann, ohne mit seiner Mutter in Frieden zu sein.

Aber von alledem ahnte die Mutter nichts. Sie liebte und erzog ihre Kinder, wie sie es verstand und wie es ¨uberall gehalten wurde, und der sichtbare Erfolg schien der altbew¨ahrten Erziehungsmethode recht zu geben. So konnte sie mit ihrem Gewissen in Frieden leben und ungetr¨ubt die Freuden genießen, die die Kinder bei aller Plage doch auch mit sich bringen.

Und an den Abenden, wenn das Klingelsignal ihres Mannes und sein melodischer Pfiff einen frohen Alarm durch die Wohnung sandte – die Kinder st¨urzten und trudelten mit jauchzendem Gel¨arm die Treppe hinunter, h¨angten sich dem Vater an Hals und Beine, und so stieg er zu ihr hinauf, gl¨ucklich, strahlend, beladen mit den sch¨onen Fr¨uchten ihres gemeinsamen Lebens. Dann war er ein ganz anderer als in den schweren, dunklen, bedr¨uckenden Wintermonaten : der liebende Gast, der einen Sommerabend mit Freude und Belebung f¨ullt, und die atmende, vertraute N¨ahe einer Nacht.

Schwer waren die Winter f¨ur die Familie Babendeerde.

Den Kindern mangelte nichts : sattessen konnten sie sich immer. Sie hatten des Mor- gens ihre Br¨otchen zur Milch, so kunstvoll aufgeschnitten, daß man gar nicht auf den Gedanken kam, man h¨atte noch was draufstreichen k¨onnen. H¨aufig war es der Vater, der ihnen das Fr¨uhst¨uck vorsetzte. Manche Wochen hindurch mußte er ¨uberhaupt das Es- sen kochen, wenn die Mutter das Bett nicht verlassen konnte. Dieser Arbeit entledigte er sich mit Geschick und Sorgfalt, und sie gefiel ihm sogar. Nur den Besen schwingen, das wollte er nicht; er verstand es auch nicht recht, und er h¨atte es nicht ertragen, in einer vernachl¨assigten Wohnung zu leben. Man tat, was man konnte, man erniedrigte sich zum Lohnkellner, aber man durfte nicht so weit sinken, um im Dreck zu leben wie die Schweine. Gut, daß man diese gute Frau Pirnau hatte, so eine zuverl¨assige, ehrliche Frau ! Sie schuftete wirklich in ihren zwei Stunden, als wenn es f¨ur sie selbst w¨are.

Aber es war eine verzweiflungsvolle Aufgabe, immer die n¨otigen paar Pfennige zusam- menzuverdienen. Lohnkellner – wenn er nur das Wort dachte, dann setzte er die Z¨ahne so hart aufeinander, daß die Kiefer schmerzten. Damals, als er bei einer Privatgesellschaft zu servieren hatte, da hatte er zwei Herren erkannt, die vor ein paar Jahren sich zu ihm als einem Ebenb¨urtigen gesetzt hatten. F¨ur einen Moment schien ihm der L¨uster schwarz umw¨olkt, und das Tablett zitterte in seiner Hand (das feine, nerv¨ose Klirren der Gl¨aser urde er wohl nie vergessen); ein Kollege stieß ihn an, fl¨usterte : “Na, mach doch weiter ! ” Hatten sie ihn erkannt ? Er setzte sich wieder in Bewegung, ging weiter um den Tisch her- um, tat die gewohnten Dinge mit gewohnten Bewegungen; aber innen bohrte unertr¨aglich die Scham des Deklassierten. Hatten sie ihn erkannt ? Wenn ja, war es aus Takt oder aus Mißachtung, daß sie es nicht merken ließen ? – An jenem Morgen war er nach Hause gekommen, ganz zerfressen von dem Gef¨uhl unwiederbringlicher Erniedrigung, wie von einem Geschw¨ur. Er schrie seine Frau an, wenn sie ihn nur ansprach. Konnte er ihr sagen, daß jedes an ihn gerichtete Wort war wie eine unertr¨agliche Ber¨uhrung dieses Geschw¨urs ? Aber auch ohne so unvermutet alte Bekannte zu treffen – Lohnkellnerei ist ein bitteres Brot. Und ein vergiftetes Brot f¨ur einen, der Jahre hindurch seine eigenen Kellner gehabt hat. Wie anders die F¨usse schmerzten nach so einer Lohnkellner-Nacht, als seien sie tiefer verwundet, wieviel m¨uder R¨ucken und Hirn waren, wie ausgeweidet. In seinem Hotel hatte er manchmal nicht weniger Stunden stattlich hinter dem Buffet gestanden, gemessen den

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Restaurationssaal, den Großen und den Kleinen Saal, die Weinstube durchwandert, hatte auf alles seinen Blick gehabt; aber die Erm¨udung war eine ganz andere gewesen. Die kernige, gesunde Erm¨udung dessen, der Herr ist in seinem Reich.

Robert Babendeerde war ein j¨ahzorniger Mann. (Mit 15 Jahren war er von zu Hau- se fortgerannt, weil er die brutale Willk¨ur seines Vaters nicht ertragen konnte. Er war nicht der einzige von den elf Kindern, die des Vaters J¨ahzorn aus dem Hause getrieben hatte.) Schon immer war es f¨ur seine N¨achsten schwer gewesen, mit ihm auszukommen.

Sorgen, Not und Verbitterung machten es schlimmer. Es brauchte manchmal nur eines ganz unscheinbaren Anstoßes, um den angesammelten Groll zu entladen. Und was am schlimmsten war : einmal aus dem Gleichgewicht gerissen, brauchte er Tage, um wieder zurechtzufinden.

Die Kinder zitterten, wenn der Vater die alte Yachtm¨utze aufsetzte. Das war das Sturmzeichen in der Familie. Dann tobte er bei dem geringsten Anlaß und auch ohne Anlaß. Er warf die T¨uren, schmetterte Geschirr zu Boden, schrie, durch die Zimmer rasend oder sich in der K¨uche einsperrend, sinnlose Monologe – zusammenhanglose Fetzen seiner Lebensnot. Immer schien die Mutter die Schuldige zu sein, immer richtete der Groll sich gegen die Mutter. Die Kinder verkrochen sich, aber die Mutter lag bleich in ihrem Bett, rang die H¨ande und horchte auf das Splittern des Geschirrs, und versuchte zu erraten, was nach dieser Katastrophe an Neuem gekauft werden m¨usse. Hilflos – hilflos f¨uhlte sie sich, diesen rasenden Mann zu beschwichtigen, der in seinem verzweifelten Zorn sich selbst nicht mehr kannte und sich ebenso verwundete wie sie.

Niemals schlug er die Kinder, wenn er in diesem Zustand war. Selbst wenn sie es einmal waren, die unvermutet seine Wut entfesselt hatten. (Aber selbst in diesen F¨allen warf er ja die Schuld auf die Mutter.) Er wußte wohl mit einem Rest von Vernunft, daß es dann entsetzlich sein w¨urde.

Nach dem ersten Tag wilden Tobens zog er sich in ein lastendes, drohendes Schweigen zur¨uck. Und wenn Frau und Kinder mit gen¨ugend Vorsicht “tot spielten” und auch sonst sich keine Gelegenheit bot zu neuem Ausbruch, konnten sie mit der nervenzerrenden dumpfen Atmosph¨are davonkommen.

Regelm¨aßig stieg er dann auf den Boden und r¨aumte auf in Mutters Truhen und Koffern. Der Gedanke, welches Recht er sich da anmaßte, brachte Lotti schon fr¨uh ganz besonders außer sich.

An dieser besonderen Entr¨ustung mochte das Entz¨ucken teilhaben, das jeder Blick in diese Sch¨atze in ihr hervorrief. Schon als sie ganz klein war – wenn sie die Mutter auf den Boden gehen sah, stahl sie sich ihr nach und war still wie ein M¨auschen, um nicht weggeschickt zu werden.

Die große, helle Eichentruhe, das war Mutters W¨ascheschatz – langweilig. Sie wur- de auch nur selten ge¨offnet. Als die Mutter sah, daß die Kleine sich f¨ur die gestickte Bettw¨asche und die schweren, schimmernden Tischt¨ucher nicht interessierte, mochte sie gedacht haben: Min D¨ochting, das kommt schon noch ! Aber die schwarze Truhe, breit und tief wie ein Schrank – wie aus tausendundeiner Nacht kam da alles heraus. Schwere und hauchd¨unne Seide in allen Farben, die im Lauf der Jahre langsam br¨uchig wurde. Spitzen, wundersch¨one B¨ander mit eingewirkten Blumen, Taft und Samt und Straußenfedern und was noch. Eine verzauberte Welt. Was man in einem einzigen St¨uck breiten chatoyanten Seidenbandes alles sehen konnte !

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Die kleineren Koffer enthielten altmodische H¨ute, wohl alle Kleider, die die Mutter jemals getragen hatte, und einige Maskenkost¨ume, die dem Kind unerh¨ort pr¨achtig vor- kamen. Aus diesen Koffern durften die Kinder manchmal sch¨opfen, wenn sie “Verkleiden”

spielten. Das war eine immer neue Lust.

Und in alledem fing der Vater an aufzur¨aumen.

Stunden brachte er da oben zu. Und brachte immer eine schwere Last herunter, die er knurrend auf den Ascheimer warf. Wenn die Mutter nicht gerade zu Bett lag, wagte sie es, in einem unbemerkten Augenblick die Herrlichkeiten noch selbst auszusortieren und das allermeiste wieder hinaufzubringen.

Das n¨achste Mal wurden ganz andere Dinge vom Vater als ¨uberfl¨ussig weggeworfen;

Lotti wunderte sich und machte sich auch ihre kritischen Gedanken dar¨uber.

Aber die Emp¨orung grollte in dem kleinen M¨adchen, wenn sie an den “ersten Ta- gen” die Mutter so ganz ohne Schuld terrorisiert sah. Manchmal, um die Gerechtigkeit in seinem Zorn zu unterstreichen, konnte der Vater, der soeben die Mutter entsetzlich angeschrieen hatte, sich pl¨otzlich ganz beherrscht zu einem der Kinder neigen und mit noch bebender Stimme, aber betont liebevoll etwas zu ihm sagen. Dann erstickte sie fast : diese Selbstgerechtigkeit in seiner Ungerechtigkeit !

Ein Bild vergaß Lotti nie : Es war der 24. Dezember, und seit Tagen herrschte Sturm im Haus. Die Kinder waren ratlos, best¨urzt : was w¨urde aus dem Weihnachtsfest werden, dem sch¨onsten, liebevollsten Fest in ihrem Hause ? Sie hatten, wie immer, ¨Uberraschungen vorbereitet. Sie h¨orten die grollende Stimme des Vaters, die flehende der Mutter. Dann st¨urzte sich der Vater aus dem Zimmer, zur Wohnungst¨ur. Und die Mutter eilt ihm nach, streckt beschw¨orend die H¨ande aus, versucht ihn zu halten : “Friede – Friede auf Erden ! ” Diese Geste, dieser pathetische Aufschrei der sonst so beherrschten Frau ersch¨utterten das Kind aufs tiefste. – “Ach was, Friede auf Erden ! ” – und krachend schlug die Wohnungst¨ur hinter ihm ins Schloß.

Und dann – wie mochte es nur gekommen sein – gab es doch noch einen sch¨onen Weihnachtsabend, ebenso froh und innig wie alle anderen f¨ur die Kinder; und f¨ur die Eltern wohl noch froher und inniger. Sp¨ater, erwachsen, hatten die Kinder Gelegenheit zu erkennen, wie ernst es dem Vater mit der Liebesbotschaft der Weihnacht war.

Seit Jahren hatten die Kinder die Gewohnheit, schon Wochen vor dem Fest alles zu sparen, was sie Festliches ergattern konnten : die klebrigen Zugabebonbons, wenn sie beim Kr¨amer einkauften; die ¨Apfel und die Kupferst¨ucke, die sie von Nachbarinnen f¨ur kleine Dienste erhielten; die Groschen von Onkelbesuchen und die Schokolade, die die Tanten mitbrachten – die verschwand dann freilich erst in Mutters Kommodenschieblade und wurde ihnen rippenweise zugeteilt, aber wochenlang brachten die Kinder es meistens fertig, diese seltenen Leckerbissen “zu Weihnachten zu sparen”. Die Jungens s¨undigten manchmal gegen das gemeinsame Gel¨ubde, knabberten ihre Rippe an oder lutschten sie unversehens ganz auf. Nachher waren sie tief besch¨amt. Die Armen hatten es aber wohl schwerer als Lotti : von dem Moment an, wo sie sich vorgenommen hatte, “zu Weihnachten zu sparen”, wurden ihr alle Leckerbissen gleichg¨ultig wie Kieselsteine – sie war sonst eine schlimme N¨ascherin –, und sie hatte nicht wie die Br¨uder um jeden armen giftigroten Bonbon mit sich zu k¨ampfen.

Die Jungens sp¨urten wohl, daß bei der ¨alteren Schwester alles in absoluter Sicherheit war : immer war sie der Schatzmeister, und nie kam unter den Geschwistern, die sonst

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