DISS. ETH Nr. 17408
Berechnung und Reduktion der tonalen Geräuschemission von
Hochspannungsfreileitungen
ABHANDLUNG
zur
Erlangung des Titels
Doktor der Wissenschaften
EIDGENÖSSISCHEN TECHNISCHEN HOCHSCHULE der
ZÜRICH vorgelegt
vonUlrich Straumann
Dipl.-Phys. Universität Zürich
geboren
am11. Januar 1975
von
Fehren SO und ObergÖsgen SO Angenommen auf Antrag
von:Prof. Dr. K. Fröhlich, Referent
Prof. Dr. E. Gockenbach, Korreferent Dr. K. Heutschi, Korreferent
2007
Kurzfassung
Bei nassem Wetter
(Regen, Nebel, Schnee
undRaureif) kommt
es aufHochspannungsleitungen
zuEntladungen.
DieseKorona-Entladungen
ma¬chen sich
akustisch
durch einbreitbandiges, prasselndes Geräusch
be¬merkbar. Zudem tritt bei solchen
Situationen
mit einem tiefen Tonzwei¬facher
Netzfrequenz (2/,
100 HzinEuropa)
oft eine weitereGeräuschkom¬
ponente
auf. ImZusammenhang
mit denBetrachtungen
zu so genann¬ten
loOOkV) UHV-Leitungen
wurde in den 60er- bis{Ultra High 80er-Jahren Voltage,
mitinBetriebsspannungen Bezug
auf dasprasselnde
bis zuGeräuschemeintensive
Forschungstätigkeit ausgelöst.
Dietieffrequenten
tonalen
Emissionen blieben jedoch
bis vor kurzemweitgehend
unbeach¬tet
respektive unkommentiert,
da sie nur einengeringen Beitrag
zumA-bewerteten Pegel
liefern. DieProblematik
der tonalenEmissionen
istaber,
dass diesewegenihrer tiefenFrequenz weniger
durchGebäudemau¬
ern
gedämmt
werden und dass tonaler Lärm vorn menschlichen Ohr in derRegel
als störenderwahrgenommen
wird als einstochastisches Signal
derselbenStärke.
Dem letzten Punkttragen
auchLärmschutzverordnun¬
gen
Rechnung.
So
gibt
esSituationen,
vornehmlich zuRuhezeiten,
in denen die Ge¬rauschemissionen besonders
störend werden können. Es ist deshalb nichtüberraschend,
dass dieLeitungsbetreiber Reklamationen
vonAnwohnern
von
Hochspannungsfreileitungen
ausgesetzt sind. Dieeinzigen
bisher be¬kannten
Massnahmen
zurSenkung
derGeräuschimmission
sind ein Ver¬schiebender
Leitung
odereinAufrüsten
aufhöhere Anzahl
Teilleiter oder aufdickere
Teilleiter im Bündel. Für dieLeitungsbetreiber
ist dies meistmit
inakzeptabel
hohen Kosten verbunden.Im
Projekt CONOR (Corona
NoiseReduction)
wurde deshalb die Un¬tersuchung
derSchallemissionen
vonHochspannungsfrcileitungen
mit Fo¬kus auf die tonale
Komponente
undRegensituationen aufgenommen
Das1
rojekt,
mdessenRahmen
dievorliegende Arbeit ausgeführt
wurde steht daherrm Zeichen der Suche nachVerfahren,
diees demLeitungsbetreiber
ermöglichen,
aufwirtschaftliche
Weise dieAnrainer
vonHochspannung*-
Kurzfassung
leitungen
vorBelästigung
durchleitungsbedingte Geräusche
zu schützenund die tonale
Komponente
zuquantifizieren.
Die Ziele sind zum einen das Verständnis des
Mechanismus
der2/- Emission,
weiterführend dieBerechenbarkeit
derenPegel,
und zum an¬deren darauf aufbauend das
Bereitstellen
undOptimieren
vonAbhilfe-
massnahmen.Diese Ziele sind im Rahmen der
vorliegenden
Arbeitweit¬gehend
erreicht worden.Der zur
2/-Emission
führendeMechanismus
konnte erstmalsquantita¬
tiv
befriedigend
und durchMessungen
untermauertbeschrieben
werden.Während der
Gesamtpegel
derGeräuschemission
der Korona durch dashöherfrequente
Prasselnund Zischendominiert wird,
das seinenUrsprung
unmittelbarin der
Ionisation
derpulshaft
verlaufendenTeilentladungen hat,
entsteht die2/-Emissionhauptsächlich
durch dieBewegung
der Io¬nen, nachdem die Ionisation schon
stattgefunden
hat. Diese driften inder so genannten
Driftzone,
wo sie dem neutralen Gas überStossprozes-
se Wärme
und,
in derSumme,
eine Kraftübertragen.
BeideGrössen
-Wärme und Kraft - sind
Quellen
einer2/-Emission,
die bei genauererUntersuchung, je
nachFall,
vonähnlicher
Stärke sind. Bei Kenntnis der Wärme undKraft,
die mit einerFrequenz
von2/
auf das Gaswirken,
lässt sich die Emission
berechnen.
Es sind auch andere
Mechanismen denkbar,
diezur2/-Emission
beitra¬gen können. Durch
theoretische Abschätzungen
konnteallerdings gezeigt werden,
dass die rein mechanischeSchallemission
durch dieBewegung
der
Tropfenoberflächc
als Membran keinen nennenswertenBeitrag
zurEmission
ergibt.
Auch der in der Literaturvorgeschlagene Mechanismus
der2/-Emission
durchModulierung
der einzelnen Pulse derEntladung
hält einer genaueren
Prüfung
nicht Stand und kanndeswegen
für die2/-Emission
keine Relevanz haben.Die
Berechnung
der emittierten2/-Pegelbedingt
dieKenntnis
des Ko¬ronastroms und der
Kraftwirkung
der Ionen um die Leiter. In dieser Ar¬beit wird eine
Simulation vorgestellt,
welche diese Grössen ermittelt. Dieso
berechneten Pegel
stimmenmit denMessungen gut überein,
der Ein¬fluss derDernun
Regenintensität
verstandeneMechanismus
istallerdings
dernoch2/-Emission
nichtberücksichtigt.
führt die Emission auf dieEntladungen zurück,
womitMassnahmen,
wiegrössere Bündelgeo¬
metrien,
die auch schon beimGesamtpegel
der Emissiongreifen,
auchfürdie
2/-Emission
einereduzierende Wirkung zeigen. Alternativ
dazu sind auchweitere,
teils in der Literatur so noch nichtdiskutierte Massnahmen
xn
untersucht worden. Allen ist
gemein,
dass entweder versuchtwird,
dieFeldstärkean den relevanten Orten zu reduzieren oder die
Störstellen,
wie es die
Wassertropfen sind, möglichst
rasch vom Leiter zubringen.
Nachstehendsei daraufmehr im Detail
eingegangen:
•
Bündelgeometrien zeigen
nicht nur beim Wechsel auf einegrös¬
sere Anzahl von Teilleitern oder
Vergrösserung
derer Durchmes¬ser eine reduzierende
Wirkung
auf die2/-Emission.
Bei den her¬kömmlichen Bündelgeometrien
ist auch mit den Teilleitcrabstän- den eingeringes Optimierungspotential
vorhanden. Eine Reduktion der elektrischenFeldstärke, speziell
an den Unterseiten der Leiter¬seile,
demAufenthaltsort
der besondersentladungsaktiven,
gros¬sen
Tropfen,
wird durchasymmetrische Bündelgeomctrienmöglich.
Dies kann
beispielsweise
bei einemVicrerbündel
durch eine tra¬pezförmige Bündelgeometrie
erreicht werden. Eine solcheOptimie¬
rung der
Geometrie
wird aktuell von einem Partner desProjekts
in einem
Leitungsabschnitt erprobt. Bezüglich Leitcrseiltypen
sindnebst üblichen Leiterseilen auch Z-Seilc und Hohlscile
experimen¬
tell untersucht worden. Die Hohlseile haben sich
gemäss
ihremgros¬sen
Querschnitt
beigleicher Spannung
als emissionsminderndher¬ausgestellt.
Z-Seile habenimVergleich
mit üblichen Seilen dessel¬ben
Querschnitts
keineGeräuschminderung gezeigt.
DiesesResultat wirdjedoch
durch denfolgenden
Punkt relativiert: DieMessungen
zur
Beurteilung
des Z-Sciles sind bei unnatürlichstarkem,
künst¬lichem
Niederschlag ausgeführt worden;
bei solchenRegenstärken greifen emissionsmindernde
Massnahmenjedoch weniger
stark.•
Hydrophile Beschichtungen zeigen
im Labor sowohl während als auch nach demRegen,
in derAbtrocknungsphase
derLeitungen,
eine
Geräuschminderung.
EineErprobung
einer solchen Beschich¬tung
auf einem echtenLeitungsabschnitt
ist inPlanung. Hydrophi¬
le
Beschichtungen
könntenmit sogenannten Abtropfstellen,
welchedas Wasser
möglichst entladungsfrei
vom Leiterbringen,
kombi¬niert
werden,
was zu einer zusätzlichen Reduktion der2/-Emission
führen könnte.
Berechnungen
derPegel
der2/-Emission
sind damit imPrinzip möglich,
es fehlt vorderhand
jedoch
dieBerücksichtigung
derAbhängigkeit
vonder
Regenintensität.
Hierfür wärekünftig
dieModellierung
des Entla-Kurzfassung
dungsverhaltens
inAbhängigkeit
derTropfengrösse
interessant. Weiters fehlt dieAnpassung
der Simulationan den Bereichgeringer
elektrischerFeldstärken,
wie sie an unüblich grossen Bündeln auftreten können. Es ist einNachfolgeprojekt geplant,
das in derSchaffung
einesBerechnungs¬
werkzeugs
derPegel
der2/-Emission
zusammenmit demGesamtpegel
münden soll. Auchim Rahmen des
Nachfolgeprojekts
ist dieErprobung
von
hydrophilen Beschichtungen
in Feldtestsgeplant.
Die
bisherigen Untersuchungen
desProjekts
und dervorliegenden
Ar¬beit hatten in
Bezug
auf klimatische VerhältnisseRegensituationen
alsSchwerpunkt. Berechnungen
sind vomphysikalischen Prinzip
auch fürSchnee- und
Nebelsituationen
denkbar undbenötigen
hierzu als Para¬meterschlicht die
Feldstärken,
ab denen bei diesen Situationen Korona einsetzt. Dievorgeschlagenen
Massnahmen imZusammenhang
der Re¬duktion des elektrischen Felds sollten auch für Schnee und Raureif Be¬
stand haben. Unter Nebelist zu
erwarten,
dass alleMassnahmen,
ähnlichzu
Regensituationen,
eine Geräusch reduzierendeWirkung zeigen.
xiv
Abstract
Foul weather
(rain, fog,
snowand hoarfrost)
can lead todischarges
onhigh voltage
overheadtransmissionlines. These Coronadischarges
resultin a broadband
crackling
noise. In additionin these situations with alow tone at twice the mains
frequency (2/,
100Hz inEurope)
there oftenoccurs a further noise
component.
When the introductionof UHV(Ultra High Voltage)
overheadtransmissionwith up to 1500kVwas under con¬siderationin the 1960sto
1980s,
anintensiveresearch into the broadbandcrackling component
of the noise was initiatcd.However,
as itonly
con-tributed a minor share to the
A-weightcd level,
thelow-frequency
tonalnoise went
largely
unnoticed or uncommented untilrecently.
Neverthe-less,
the tonal2/-emission
canpresent
asignificant problem
because such lowfrequency
noise is lesssubject
to attenuationby building
structuresand tonal noise is
generally perceived
as moreannoying
thana stochasticsignal
of the samestrength.
This latter fact is also taken into aecountby
national noise
regulations.
As a result there are
situations, especially
in restperiods,
in whichnoise emissionscan havea
particularly disturbing
andannoying
effect. Itis therefore not
surprising
that transmission lincOperators
arereeeiving complaints by
residentsliving
in theproximity
of the transmissionlines.The
only
measuresknownto dateto reduce the levels ofnoise immission have beenrelocationof the lineorto use alarger
number of subconduetorsor thicker subconduetorsin the bündle. All these measures are
mostly
connected with
unacceptablyhigh
costs for theOperators
of such lines.In the CONOR
(Corona
NoiseReduction) project,
the noise emissions ofhigh voltage
overhead transmissionlines were thereforeinvestigated
with a
special
focuson tonalcomponents
inrainy
weather. Theproject
with which the work
presented
here isdirectly
associatedconcentrateson the search for
procedures
and methodsenabling high voltage
powerline
Operators
toprotect
residents near the lines fromannoying
noisedisturbancecaused
by
the lines in a mannerthat iscconomically
viableand to
quantify
the tonalcomponents.
Abstract
The
goals
are to understandthe mechanisms of the2/-emission
as wellas to
gain
theability
to calculate its levels on the onehand,
and onthe
other, procccding
from thisbasis,
toprovide
andimprove protection
and reduction measures. These
goals
havelargely
been achieved in theframework of the
present
thesis.For the first time the mechanisms
leading
to2/-emissions
canbe quan-titatively
describedin asatisfactory
manner,underpinned by systematic
measurements.While the Overalllevel ofCoronanoise emissions-domina- ted
by high-frequency crackling
andhissing
- has itsimmediately origin
in
discharges themselves,
the2/-emissions
arise from the movement ofions left behind
by
thedischarges.
These ions move in a drift zone, inwhich,
due to collisions with gasmolecules, they
transmit heat and inthesum a forceto the neutral gas. Both
quantities
- heat as well as force- are sources of
2/-emissions, depending
on theSituation,
both cangi-
ve rise to contributionsof similar
magnitude.
If one knows the heat and forceaffecting
the gas at2/-frequency,
the emissionscan becomputed.
Other mechanisms
producing2/-emissions
are conceivableas well.By
theoreticalestimates it can be
shown, however,
thatapurely
mechanicalsound emission
through
the movement of the waterdrop
surface as amembrane will not contribute
significantly
to the emissions. Also the mechanismof the2/-emissionsproposedby
literatureby
the modulation of individualpulses
of thedischarge
does not stand the test of closerexaminationand therefore is not relevant for the
2/-emissions.
The
computation
of the emitted2/-levels
presupposes the knowled¬ge of the Coronacurrent and the force evoked
by
the ions around the conduetors. In this work a Simulationdetermining
thesemagnitudes
ispresented.
The emission levels thuscomputed
eoineidefairly
well withmeasured
results, though they
do notyet
consider theintensity
of therainfall.
The
2/-emission
mechanism as understood attributes the emissions to thedischarges.
Thus measureslikelarger
bündlegeometrics,
whichalready
have an effect on the overall level ofemissions,
also reduce the2/-emissions.
As analternative,
furthermeasurespartly
notyet
discussedin the literature have been
explored.
What is common to them all isthe
attempt
to either reduce the fieldstrength
in the relevantplaces
orto remove the
protrusions
such as constitutedby
waterdrops
from theconductor as
rapidly
aspossible.
This ispresented
in moredetail:xvi
• Bündle
geometrics
do notonly
reduce the2/-emissions
when thenumber of subconduetorsor their diametersare increased. For con- ventional bündle
geometrics
there is also apotential
forimprove-
ment
by changing
thesubconduetor-arrangement.
A reduction of the electrical fieldstrength, especially
on the underside of the con¬ductor
cables,
i.e. the location of theessentially discharge-active large drops,
is madepossible by asymmetrie
bündlegeometries.
In a four-conduetor bündle this can e.g. be effected
by
atrapeze- shaped
bündle. Such animprovement
iscurrently being
testedby
a
project partner
within a section of a transmissionline. In ad¬dition to conventional
cables,
Z-cables and hollow-core conductor cables have also beenexperimentally
tested.According
to their lar¬ge cross
section,
hollow-coreconduetorsproduced
smaller audible noise levels atcqual applied voltages.
Z-cables do not effecta noisereductionin
comparison
with conventional cables of the samesize.This resultmusthowever be
qualified by
thefollowing
circumstan-ce: The effect of Z-cables was measured under
Unnaturally strong,
artificial
preeipitation;
in the circumstances of suchstrong
rainfallsemission-reducing
measuresgencrally
have a smaller effect.•
Hydrophilic coatings
showed anoisc-reducing
effect bothduring
and after
rainfalls,
while the cables weredrying.
Thetesting
ofsuch a
coating
in a real transmissionline section isbeing planned.
Hydrophilic coatings
can be combined with so-calleddrip-off
sitesseparating
the water asdischarge-free
aspossible
from thecable;
this canlead to a further reduction of
2/-emissions.
Computation
of the2/-emission
levels is nowpossible
inprinciple.
What is
lacking
to date is their correlation with rainfallintensity.
Forthis
modelling
thedischarge
process independence
on the waterdrop
size
might
beintcresting. Furthermore,
whatisrequired
is Simulationintheareaof lower electrical field
strengths,
as these can occur inunusually large
bundlcs. Afollow-up project
isplannedaiming
at the creation of acomputation
tool for thelevels of2/-emissions
combined with overallnoi¬se levels. In theframework ofthe
follow-up project, testing
ofhydrophilic coatings
in fieldexperiments
is alsoplanned.
So far the work
presented
here as well as the CONORproject
havefocussedon rain. On the basis of
physical principlcs, computations
forAbstract
snowand
fog
are also conceivable. Asparameters they simply require
thefield
strength
at which Coronasets in. Thesuggested
measuresdirectcdat reduction of conductorsurface field
strengths
could also have a bene¬ficial effect underclimatic conditions of snowandand hoar frost. For the climatic conditionof
fog
it isexpected
thatallsuggested
measuresshouldapply
in a similar manner as to rain.xvm