UND ZUSAMMENARBEIT
Un solo mondo
Eine Welt
www.deza.admin.chSchweisstreibendes Potenzial –
Sport als Beitrag zu Entwicklung,
Frieden und Erziehung
Ein Nomadenvolk im Aufbruch – die Mongolei
zwischen Steppe und Stadt
Inhalt
DOSSIER DEZA HORIZONTE FORUM KULTUR Eine Welt Nr.1 / März 2005 2SPORT UND ENTWICKLUNG
Fussbälle und Takraw im Dienst der Entwicklung
Die Schweiz beginnt das unausgeschöpfte Potenzial von Sport in ihre Zusammenarbeitsprogramme zu integrieren
6
Sport als Therapie für die Kinder von Bam
Nach dem Erdbeben erleichtern Sport und Spiel den prekären Alltag
12
«Der Club ist meine Familie»
Die Kenyanerin Elizabeth Ambogo findet im Sport neuen Halt
14
«Keiner will sich mehr mit mir anlegen»
Der Mexikaner César Villaluz entdeckt durch Sport eine neue Welt
15
MONGOLEI
Zwischen Steppe und Stadt, Gestern und Morgen
Friedlich, doch nicht ohne Probleme, erobert sich ein Steppenvolk die Welt ganz neu zurück
16
«Was ist wohl in der Mongolei los?»
Sanjaasuren Oyun über ihren Traum von einer Mongolei ohne Armut und Korruption
20
«Haben Sie einen Fussball mitgebracht?»
DEZA-Direktor Walter Fust über das positive Potenzial von Sport
21
Optimaler Mais dank «Mutter-Kind-Test»
Ein Forschungsprojekt entwickelt trockenheitsresistente und besser auf die Bedürfnisse der Kleinbauern ausgerichtete Maissorten
22
Arme als wirtschaftlich interessante Zielgruppe
Die Privatwirtschaft kann und muss einen substanziellen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten
26
Nicht alles ist schwarz in Afrika – nicht einmal nachts
Die senegalesische Schriftstellerin Ken Bugul über das Potenzial Afrikas
29
Engagement auf unterschiedlichen Ebenen
Dass Kultur ein wichtiger Bestandteil der Entwicklungszusammenarbeit ist, klingt banal – ist es aber nicht
30
Editorial 3
Periskop 4
Einblick DEZA 25
Was eigentlich ist... Budgethilfe? 25
Service 33
Impressum 35
Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), die Agentur der internationalen Zusammenarbeit im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), ist Herausgeberin von «Eine Welt». Die Zeitschrift ist aber keine offizielle Publikation im engeren Sinn; in ihr sollen auch andere Meinungen zu Wort kommen; deshalb geben nicht alle Beiträge unbedingt den Standpunkt der DEZA und der Bundesbehörden wieder.
Hilfe dank Schlagzeilen
«Vergessene Konflikte» benötigen mehr als nur Hilfsgüter – das anwaltschaftliche Eintreten als neue Herausforderung der humanitären Hilfe
Die UNO hat 2005 zum «Internationalen Jahr des Sports und der Sporterziehung» erklärt. Sport nimmt weltweit eine zentrale Bedeutung im Leben vieler Menschen ein. In den industrialisierten Ländern lei-den viele Menschen an lei-den negativen Folgen der individualistischen Lebensform. Vereinsamung und Stress sind nur zwei Stichworte dafür. Aus persönli-cher Erfahrung weiss ich, wie gut es tut, jede Woche ein Mal mit dem achtjährigen Sohn Fussball spie-len zu gehen oder gemeinsam mit der Frau durch den Wald zu joggen. Sport und Spiel sind zutiefst menschliche Bedürfnisse und spielen in allen Kultu-ren eine wichtige Rolle.
In der Entwicklungszusammenarbeit und in huma-nitären Projekten eröffnet der Sport eine Vielzahl un-geahnter Möglichkeiten: Erste Kontakte nach kriege-rischen Auseinandersetzungen oder nach einer diplo-matischen Eiszeit finden oft dank Sportanlässen statt. Sportprogramme geben Kindern, die als Soldaten missbraucht worden sind, die Möglichkeit, grundle-gende Lebensregeln wieder neu zu lernen. Sport er-öffnet Mädchen und Frauen Chancen, ihr Selbstbe-wusstsein und ihre Stellung in der Gesellschaft zu stärken. Unser Dossier (S. 6 bis 15) zeigt Beispiele, wie Sport als Entwicklungsmotor sowohl auf persön-licher als auch auf gesellschaftpersön-licher Ebene wirkt. Der Umgang mit Informationen und der Kultur steht für Ken Bugul in direktem Zusammenhang. Die in Benin lebende senegalesische Schriftstellerin wird dieses Jahr für Eine Welt jeweils die Carte blanche (S. 29) schreiben. Bereits in ihrem ersten Text nimmt
sie kein Blatt vor den Mund. Gerichtet an die Adresse der so genannt entwickelten Welt, schreibt sie be-züglich Afrika: «Diese grosse Vielfalt an Kulturen und Überzeugungen wird so sehr verkannt oder verach-tet, dass alle Anstrengungen für Entwicklung, Demo-kratie und Frieden oft nutzlos sind oder wenig Aus-wirkung haben.»
In einem einzigen Satz begründet sie damit, weshalb die DEZA die Kultur als Entwicklungsinstrument ein-setzt und diese unterstützt (siehe Artikel ab S. 30). In den Entwicklungsländern, weil erwiesenermassen kulturelle Aktivitäten die soziale und wirtschaftliche Entwicklung fördern und kulturelle Vielfalt sowie in-terkultureller Dialog eine der sichersten Garantien für Entwicklung und Frieden darstellen. Zum anderen hier in der Schweiz, indem wir die Kunst und Kulturen des Südens und Ostens bekannter machen und da-mit das Verständnis für unsere Partnerländer in einer breiten Öffentlichkeit fördern.
Deshalb: Informations- und Sensibilisierungsarbeit sind ebenso Teil der Kultur wie die Kultur darauf an-gewiesen ist, sich überhaupt entfalten zu können. Dieser Überzeugung fühlen wir uns verpflichtet.
Harry Sivec
Chef Medien und Kommunikation
Sport und Kultur als
Entwicklungsmotoren
Arbeitslose vertreiben Eindringlinge
( jls) Rund acht Prozent des Bo-dens in Südafrika werden von wuchernden Pflanzen ausländi-scher Herkunft besetzt.Vorab von Pinien, Akazien und Euka-lyptusbäumen, die in der Kolo-nialzeit eingeführt worden sind. Ihre tiefen Wurzeln saugen aus-serordentlich viel Wasser auf und gefährden damit das Grund-wasser der chronisch von Dürren heimgesuchten Regio-nen. Ausserdem könnten sie auch bestimmte einheimische Arten zum Verschwinden bringen. Deshalb leitete 1995 die Regierung das Programm Working for Water (Arbeiten für Wasser) ein, um mit ver-schiedensten Mitteln die lästigen Bäume auszurotten.Weil der biologische Kampf – das Pflan-zen natürlicher Feinde – nicht fruchtet, müssen auch Bäume gefällt und die Baumstümpfe mit Unkrautvertilgungsmittel behandelt werden. Für diese Arbeit werden jedes Jahr Tau-sende von Arbeitslosen einge-stellt und ausgebildet. Das Pro-gramm richtet sich vor allem an die sozial am stärksten benach-teiligten Bevölkerungsschichten: Schwarze Frauen auf dem Land. Insgesamt wurden bislang über 20 000 Stellen geschaffen. Die «Wasser-Arbeiterinnen» erlernen dabei die Methoden, um die
Eindringlinge zu vertreiben und können auch Führungskurse belegen, um später ein Team zu leiten.
Kalte Impfungen
(bf ) Impfstoffe müssen kühl aufbewahrt werden, damit sie nicht verderben. Allein für diese Kühlung geben arme Länder weltweit rund 300 Millionen US-Dollars aus.Trotzdem ist rund die Hälfte aller Impfungen in Entwicklungsländern un-brauchbar, weil sie zu warmen Temperaturen ausgesetzt worden sind. Nun haben englische For-scher ein Mittel herausgefunden, um die «Kühlungskette» für Impfungen nicht zu unterbre-chen. Sie packen die Inhalts-stoffe der Impfungen in einen Zuckermantel, welcher sie vor Temperaturen von bis zu 60 Grad Celsius schützt. Die Umhüllung besteht aus einer Kombination aus simplem natürlichem Zucker wie Raffi-nose sowie Aminsäure vom Typ Glutamin. Nach der Injektion der nur einige Hundertstelmil-limeter grossen glasigen Kügel-chen löst sich die zuckrige Umhüllung auf und gibt die aktiven Inhaltsstoffe frei. Die Forscher schätzen, dass allein durch das Retten der bis anhin verderbenden Impfungen ohne Mehrkosten rund 10 Millionen
Kinder pro Jahr zusätzlich zu einer Impfung kommen werden.
Boomender Handymarkt
(bf ) Afrikaner und Afrikanerin-nen kommunizieren gerne und oft. Gaben sie einst einen schönen Teil ihrer kleinen Ein-kommen für den Besuch bei ihren Verwandten aus, wird dieses Geld nun mehr und mehr in Handys investiert. Afrika ist der am schnellsten wachsende Mobiltelefoniemarkt der Welt. Nachdem sich die Zahl der Handyabonnenten in den letzten zehn Jahren in Afrika versechzigfacht hat, besassen Ende 2003 52 Millionen Menschen ein Mobiltelefon, annährend doppelt so viele wie einen Festnetzanschluss. Mit einem Jahresmittel von 65 Prozent in den letzten fünf Jahren liegt in Afrika das Wachs-tum des Mobiltelefoniemarkts ziemlich genau beim Doppelten des Weltdurchschnittes von 33 Prozent. In Asien wächst der Markt jährlich um 38 Prozent, in Europa um 35, in Nord- und Südamerika um 24. Seit dem Jahr 2000 verkauften die Handyhersteller in Afrika Produkte im Wert von gegen 7 Milliarden Franken, die Regierungen kassierten dabei für Lizenzen über 5 Milliarden Franken.
Eine Welt Nr.1 / März 2005 4
P
eriskop
Ron Giling / Still Pictur
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Paul W
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Tabak statt Nahrung
(bf ) Gemäss einer neuen Studie der UNO ist der Tabakmiss-brauch eines der entscheidenden Hindernisse für die Umsetzung der Millenniumsziele. Die Un-tersuchung belegt den engen Zusammenhang von Rauchen, Armut, Krankheit und Hunger und fordert die Anerkennung von Tabakkontrolle als wichti-gen Schritt auf dem Weg zur Erfüllung der im Jahr 2000 for-mulierten Ziele. Arme Familien in Entwicklungsländern geben bis zu zehn Prozent ihres Budgets für Tabakwaren aus.
angemessen ernähren, wenn sie ihr Geld nicht für Tabak son-dern für Nahrungsmittel ausgä-ben, heisst es.
Vertriebene
Krankenschwestern
(bf ) Jedes Jahr schliessen in Swasiland 100 Krankenschwes-tern ihre Ausbildung ab, während 100 bis 150 das Land verlassen. Die Arbeitsbedingun-gen, die Bezahlung sowie die fehlende Ausrüstung sind die Hauptursachen dafür, dass das Gesundheitspersonal emigriert und damit das Gesundheits-system des Landes fundamental gefährdet.Trotz sehr hoher Aids-Rate gibt es in einigen Krankenhäusern noch nicht einmal Gummihandschuhe. Nach Schätzungen des Gesund-heitsministeriums reduziert sich
rund 3000 – ohnehin um jähr-lich zehn Prozent durch Aids-Ansteckung. Zum Arbeitsalltag der Krankenschwestern zählt weiter, dass sie unzählige Über-stunden leisten müssen, ihre Gehälter oft nicht ausgezahlt
Giacomo Pir
ozzi / Panos / Strates
Shezad Noorani / Still Pictur
es
Kolleginnen vor Ort sind. Einige ländliche Stationen mussten gar wegen massiver Übergriffe auf Krankenschwes-tern geschlossen werden.
Eine Welt Nr.1 / März 2005 6
DOSSIER
Fussbälle und Takraw im
Dienst der Entwicklung
Sport ist nicht nur gut für die Gesundheit, er kann auch zu
Entwicklung, Erziehung und Frieden beitragen. Sein enormes,
noch zu wenig ausgeschöpftes Potenzial steht im
Internatio-nalen Jahr des Sports 2005 im Mittelpunkt. Die Schweiz
unterstützt aktiv die Anstrengungen der UNO und beginnt,
dieses Instrument in ihre Zusammenarbeitsprogramme zu
integrieren. Von Jane-Lise Schneeberger.
Von Roger Federer bis Maria Mutola
Nicht wenige Hochleis-tungssportlerinnen und -sportler leisten einen per-sönlichen Beitrag an die Entwicklung, indem sie ei-nen Teil ihrer Gewinne an Hilfswerke weiterleiten, meist in ihrem Heimatland. So auch der frühere 10 000 Meter Langstreckenläufer Haile Gebrselassie, der namentlich den Bau von Schulen in Äthiopien finanziert. Der Kenianer Mittelstreckenchampion Kipchoge Keino gründete eine Schule und ein Heim für Waisen und verlassene Kinder. Auch der amerika-nische Basketballstar Dikembe Mutombo ver-gass seine Heimat nicht: Im Kongo setzt er sich für eine verbesserte Gesund-heit und Ausbildung der Kinder ein. Maria Mutola, Weltmeisterin im 800 Meterlauf, bietet jungen Sportlerinnen und Sport-lern aus Mosambik die Möglichkeit zu einer Aus-bildung im Ausland und zur Teilnahme an interna-tionalen Wettkämpfen. Und der weltbeste Tennis-spieler Roger Federer hilft mit seiner Stiftung Jugend-lichen in einem Township von Port Elizabeth, Süd-afrika.
Ian T
eh / Agence VU
Rund 1900 burmesische Kinder leben im Flücht-lingslager von Ban Don Yang in Thailand. Allein oder zusammen mit ihren Eltern sind sie hier nach bisweilen chaotisch verlaufender Flucht angekom-men. Hautnah erlebten sie Angst, Gewalt, Unsi-cherheit. Mit Unterstützung der DEZA bietet die Nichtregierungsorganisation (NRO) «Right to Play» Sport und Spiel an, um den Kindern bei der Über-windung der traumatischen Erlebnisse zu helfen. Knaben und Mädchen spielen regelmässig Fussball, Basketball,Volleyball und Takraw, eine traditionell thailändische Sportart.Ausländische Freiwillige bil-den lokale Trainer aus, welche die Fortführung des Projekts auch nach dem Rückzug der NRO in drei Jahren garantieren.
In gut zwanzig Staaten realisiert Right to Play Projekte, die das körperliche und seelische Wohl benachteiligter Kinder verbessern und gleichzeitig ihre Gemeinschaft stärken sollen. Die vom Norwe-ger Olav Koss, vierfacher olympischer Eisschnell-laufsieger, präsidierte NRO mit Sitz in Kanada will die Entwicklung durch Sport fördern. Ein viel ver-sprechender Bereich, dessen enormes Potenzial die internationale Entwicklungszusammenarbeit erst anfängt, zu entdecken.
Brückenfunktion und Integrationsfaktor
Seit langem ist bekannt: Sport hat positive Auswir-kungen auf die Gesundheit – sowohl körperlich wie seelisch – als auch auf die Entwicklung der Persönlichkeit. Er vermittelt grundlegende Werte wie Teamgeist, Respektierung des Gegners, Diszi-plin, Solidarität und Selbstvertrauen. Im Sport er-werben die Kinder Qualitäten, die alle Bürgerin-nen und Bürger einer Demokratie brauchen. In den 1990er Jahren fing man an, die Auswirkun-gen des Sports auf die soziale Entwicklung zu nut-zen. Diese universelle Sprache bringt die Menschen über ethnische und kulturelle Gräben hinweg ein-ander näher. Auch zeigte sich, dass damit die Inte-gration ausgegrenzter Gruppen erleichtert werden kann. So veränderte die Fussballweltmeisterschaft für Obdachlose, die seit 2003 in Europa organisiert wird, das Bild dieser sozialen Gruppe in der
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Auf dem Balkan und im Kaukasus kommen in den von einer dänischen NRO gegründeten «Offenen Fussballschulen» Kinder und Trainer aus verschie-denen ethnischen und religiösen Gruppen zusam-men. Nach dem gleichen Prinzip spielen über 600 palästinensische und israelische Kinder einmal pro Woche zusammen Fussball und nehmen an Frie-densprogrammen teil.
Wichtig ist, dass die sportlichen Aktivitäten sorgfäl-tig geleitet werden und sich in einem strukturier-ten Rahmen abspielen. Denn Sport kann auch ne-gative Emotionen freisetzen und damit Gegen-sätzlichkeiten oder nationalistische Gefühle verstär-ken. Holland ist gegenwärtig daran, ein internatio-nales Handbuch über Entwicklung durch Sport auszuarbeiten. In diesem Leitfaden werden die bes-ten Praktiken, die zu beachbes-tenden Kriterien und zu vermeidenden Fehler zusammengefasst.
Die mobilisierende Kraft von Sport ist ein ideales Kommunikationsmittel. Auf lokaler Ebene errei-chen Botschaften über Aids-Prävention ein grosses Publikum, wenn sie während der Halbzeit eines Fussballmatchs per Video oder durch eine Auf-führung vermittelt werden. Seit kurzem werden auch Weltmeisterschaften dazu genutzt, soziale oder humanitäre Anliegen zu unterstützen.
Sportliche Elite mit grossem Einfluss
Der Internationale Fussballverband FIFA führte zusammen mit der Unicef während der Fussball-weltmeisterschaften 2002 eine Kampagne für die
Isabelle Eshraghi / Agence VU
fentlichkeit. Im Süden und Osten kann die Teil-nahme an sportlichen Aktivitäten den Frauen den Weg in die Öffentlichkeit ebnen und ihre Stellung in der Gesellschaft stärken.
Sport hilft Kindersoldaten, sich nach einem Kon-flikt wieder an das Zivilleben zu gewöhnen, er mindert die Spannungen, welche zwischen zwei Gemeinschaften bestehen können und hilft, trau-matische Erlebnisse zu bewältigen. In Flüchtlings-lagern, wo Sport getrieben wird, verbessert sich das Leben merklich.
Ausserdem bietet Sport einen Rahmen zur Sensi-bilisierung. Er ist oft das einzige Mittel, um an spe-zifisch benachteiligte Gruppen wie Strassenkinder heranzukommen. In Honduras beteiligen sich zur-zeit 5000 Jugendliche an einem Programm, wel-ches das Fussballspielen mit erzieherischen Aktivi-täten verbindet, die sie besser vor Aids, Kinderarbeit und sexueller Ausbeutung schützen sollen.
Versöhnung dank Kricket
Sport kann manchmal auch den Dialog zwischen scheinbar unversöhnlichen Gegnern wieder ankur-beln. Über dreissig Jahre nach der «Pingpong-Diplomatie», dank der die Beziehungen zwischen China und den USA auftauten, war es im letzten Frühling das Kricket, welches zwei andere verfein-dete Nationen einander näher brachte: Zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren bereiste ein indisches Team Pakistan. Dieses Versöhnungspotenzial wird in vielen Entwicklungsprojekten genutzt.
Schweizer Spezialprogramm
Anlässlich des Internatio-nalen Jahrs des Sports und der Sporterziehung werden in der Schweiz zahlreiche Aktivitäten durchgeführt. Sie stehen unter der Schirmherrschaft des Bundesamtes für Sport. Die DEZA beteiligt sich aktiv daran, wobei sie den Beitrag des Sports zu Entwicklung und Frieden ins Zentrum stellt. Ausserdem führt sie ein Spezialprogramm durch. Dieses soll insbesondere die nationalen und interna-tionalen Akteure sensibili-sieren, ihre Vernetzung an-regen und die Schaffung von Partnerschaften för-dern. In einer Broschüre werden die bisher im Rahmen von Pilotprojekten gemachten Erfahrungen zusammengefasst. In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sport und Adolf Ogi organisiert sie vom 4. bis 6. Dezember in Magglingen die zweite Internationale Konferenz zu Sport und Entwicklung.
Kinderrechte durch. Der Anlass wurde von über ei-ner Milliarde Menschen am Fernsehen verfolgt. Die UEFA, der europäische Fussballverband, tat sich mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz IKRK zusammen und widmete die Euro 2004 dem Schutz der Kinder in Kriegen.
Auch die sportliche Elite übt einen grossen Einfluss auf die Gesellschaft aus, insbesondere auf Jugend-liche. Diese Beliebtheit wird immer mehr von UNO-Unterorganisationen genutzt, welche an die Sportlerinnen und Sportler appellieren, neben an-deren Stars «Botschafter des guten Willens» zu wer-den. So hat sich das UNO-Entwicklungsprogramm (UNDP) zum Beispiel die Mitwirkung der Fuss-baller Ronaldo und Zinédine Zidane für seine weltweite Kampagne gegen die Armut gesichert. In der Vergangenheit wurde Sport von der Zu-sammenarbeit nur punktuell und informell ge-nutzt. Der systematische Einsatz für die Entwick-lung ist relativ neu.
«Die Zusammenarbeitskreise nahmen den Sport lange nicht ernst. Sie sahen darin einfach ein Ver-gnügen, eine unterhaltsame und unproduktive Aktivität, die dem traditionellen Bild der Hilfe we-nig entsprach. Heute müssen wir diese Barriere überwinden und dem Sport Anerkennung geben als Instrument für die Entwicklung», erklärt Rolf Schwery, Direktor der Schweizerischen Akademie für Entwicklung (SAD).
Magglingen löste internationale Dynamik aus
Eine erste Bresche wurde 2000 von UNO-Gene-ralsekretär Kofi Annan geschlagen. Die UNO ar-beite bereits mit politischen, wirtschaftlichen, wis-senschaftlichen und religiösen Kreisen zusammen, hielt er fest, doch der Sport sei das «fehlende Glied» unter den Akteuren, die aufgerufen seien, eine bes-sere Welt aufzubauen. Deshalb schlug Kofi Annan Adolf Ogi als seinen «Sonderberater für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden» vor. Seit seiner Ernennung im Februar 2001 arbeitet der frühere Bundesrat dafür, die Beziehungen zwi-schen der Sportwelt, der UNO und den Regie-rungen zu stärken, was zur Schaffung von Partner-schaften und zur Lancierung neuer Projekte führt. Die Schweiz engagierte sich sehr rasch mit ihm zu-sammen und finanzierte als erstes die Aktivitäten seines Büros in Genf.
Auf Ogis Initiative hin organisierten die DEZA und das Bundesamt für Sport im Februar 2003 in Magglingen die erste internationale Konferenz zu Sport und Entwicklung, an der fast 400 Personen teilnahmen. «Magglingen hat eine internationale Dynamik ausgelöst», erinnert sich Urs Scheidegger, der in der DEZA für das Sportprogramm verant-wortlich ist. «Die Teilnehmer setzten nach der Rückkehr in ihre Institutionen oder Regierungen die Ideen, die aus den Debatten hervorgingen, in
Aaach / laif
Links
www.sportanddev.org
Die internationale Plattform zu Sport und Entwicklung
www.un.org/sport2005
Das Büro der UNO für das Internationale Jahr des Sports
www.un.org/themes/sport
Die Website von Adolf Ogi, Sonderberater des UNO-Generalsekretärs für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden
www.deza.admin.ch/sport
Die DEZA und der Sport
www.sport2005.ch
Das Schweizerische Komitee für das Internatio-nale Jahr des Sports
Das Rote Kreuz des Sports
Unter dem Namen «Ballons Rouges» (Rote Bälle) wurde letztes Jahr ein Netzwerk aufgebaut, um in Europa Opfern von Konflikten oder Natur-katastrophen Sport- und Freizeitaktivitäten anzubie-ten. Das vom Europarat lancierte Netzwerk richtet sich insbesondere an Jugendliche, welche in einer Krisen- oder Nachkrisen-Situation leben. Der Sport bietet ihnen eine psychologische Unterstützung, die helfen soll, ihre Traumata zu be-wältigen. Er kann auch zum Wiederaufbau einer strukturierten Lebensweise und zur Wiederherstellung des Vertrauens unter den verschiedenen Gruppen beitragen. «Ballons Rouges» wird auf freiwilli-ger Basis von den Mitgliedstaaten des Europarats und anderen Gebern finanziert. Die Schweiz war das erste Land, welches einen Beitrag auf das im Mai 2004 dafür eröffnete Konto einzahlte. «Ballons Rouges» nahm seine Arbeit im Juli in einem Lager für Vertriebene der Kaukasusregion in Aserbaidschan auf.
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Tatlow / laif
Holland. Hoogte / laif
Jörg Böthling / agenda
aller zum Sport zu verbessern, indem sie Material und Betreuungspersonal zur Verfügung stellen. Andere integrieren auch eine erzieherische Di-mension. Und wieder andere vermitteln unter Mithilfe des Sports Botschaften über Gesundheit, Frieden oder Umwelt.
Für Michael Kleiner, Leiter des UNO-Büros für das Internationale Jahr des Sports, geht es nun darum, dem Sportbereich eine Struktur zu geben: «Bisher arbeitete jede Organisation für sich. Jetzt müssen wir eine kohärente Strategie finden, die Koordination verstärken, die Projekte systemati-scher gestalten und ihre Auswirkungen auswerten.» Das Jahr 2005 wendet sich an drei Arten von Zielpublikum, präzisiert Kleiner: An Regierungen wird appelliert, den Sport ernster und ihn als In-strument für die Entwicklung wahr zu nehmen; die UNO-Agenturen werden aufgefordert, Sport sys-tematisch in ihre Programme aufzunehmen; die Sportwelt wird aufgefordert, sich stärker für soziale Themen einzusetzen.
Der Sport entwickelt den Sport
Einige internationale Sportverbände führen bereits seit Jahrzehnten Programme zur weltweiten För-derung ihrer eigenen Disziplin durch. «Diese inter-nen Programme haben an sich bereits Auswirkun-gen auf die wirtschaftliche und soziale Ent-wicklung. Aber die Verbände können einen direk-teren Beitrag an die Entwicklung leisten, wenn sie sich mit den UNO-Agenturen zusammentun», be-tont David Winiger, persönlicher Mitarbeiter von Adolf Ogi.
Die FIFA beispielsweise setzt jährlich 140 Millio-nen Franken, ein Viertel ihres Budgets, für Ent-wicklungsaktivitäten ein.Ausser einer jährlichen fi-nanziellen Unterstützung an ihre Vereinigungen und Verbände organisiert sie Kurse für Schieds-richter,Trainer, Manager usw. Ihr Programm «Goal» hilft den wirtschaftlich schwachen Verbänden, Fussballfelder und künstliche Rasen zu finanzieren oder Verwaltungsgebäude zu bauen. «Die
Infra-Bildungskampagne
Unter dem Titel «Sport – Globales Spiel» führen die Stiftung Bildung und Entwicklung, die Arbeits-gemeinschaft der Hilfs-werke und die DEZA ge-meinsam eine Bildungs-kampagne durch. Zum Themenbereich Sport und Entwicklung erscheinen eine Posterserie, ein Faltblatt, eine DVD sowie eine spezielle Website. Die Posterserie behandelt aus globaler Perspektive Aspekte wie Integration und Ausgrenzung oder Menschenrechte und rich-tet sich an 12- bis 16-jährige Jugendliche. Das achtseitige Faltblatt bietet Kindern zwischen 10 und 12 Jahren über Spiele und Porträts von Gleichaltrigen aus verschiedenen Ländern einen Zugang zu anderen Alltagsrealitäten. Für den Unterricht mit Schülerinnen und Schülern ab 10 Jahren gibt die Fachstelle ‘Filme für eine Welt’ ausserdem eine DVD mit vier ausgewählten Filmen heraus. Die spezi-elle Kampagnen-Website www.sport2005bildung.ch bietet Zusatzinformationen, Arbeitsmaterialien, nützli-che Links und Adressen. Weitere Informationen via www.globaleducation.ch oder direkt bei: Stiftung Bildung und Entwicklung, Bern, Tel. 031 389 20 21
die Tat um.» Die DEZA beschloss ihrerseits, für ihre weiteren Aktivitäten in diesem Bereich einen Kredit bereit zu stellen.
Mit diesem Kredit wird namentlich ein dreijähri-ges Pilotprogramm finanziert. Gut zehn Projekte gehören dazu, darunter jenes von Ban Don Yang und eine Initiative zugunsten der Kinder von Bam (s. Seite 12). Die Schweiz unterstützt auch die «Internationale Plattform zu Sport und Entwick-lung», deren Schaffung nach der Konferenz von Magglingen beschlossen wurde, um den Informa-tions- und Erfahrungsaustausch zwischen den Akteuren zu erleichtern. Dieses Internetportal wird von der SAD bewirtschaftet (s. Randspalte S.9).
Systematisieren und koordinieren
Am 17. November 2003 begann eine neue Etappe im Marathon von Adolf Ogi: Die UNO-Vollver-sammlung verabschiedete eine Resolution, welche 2005 zum «Internationalen Jahr des Sports und der Sporterziehung» erklärte. Darin werden die Regie-rungen, die UNO, die Entwicklungsagenturen und die Sportverbände aufgefordert, die Ressourcen des Sports zu nutzen, um Erziehung, Gesundheit, Ent-wicklung und Frieden zu fördern.
Das Internationale Jahr wurde offiziell am 5. No-vember 2004 in New York von Kofi Annan, Adolf Ogi und anderen Persönlichkeiten wie dem Schweizer Tennisstar Roger Federer lanciert. Für 2005 sind mehrere internationale, themenbezo-gene Konferenzen vorgesehen. Die letzte, die der Entwicklung gewidmet ist, wird im Dezember in Magglingen stattfinden. «Aufgrund der bisherigen Erfahrungen wird dieses Treffen zeigen, was der Sport konkret zur Entwicklung beiträgt und wie er genutzt werden kann, um spürbare Resultate zu er-bringen», ist Scheidegger überzeugt.
Seit die Debatte internationale Dimensionen ange-nommen hat, nahm die Zahl der Projekte, die der Entwicklung durch Sport gewidmet sind, schnell zu – weltweit dürften es mindestens 150 sein. Einige Projekte begnügen sich damit, den Zugang
Ta
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strukturen sind unabdingbar, damit der Fussball sein ganzes Potenzial im Kampf gegen die grossen sozialen Probleme entfalten kann», betont Urs Zanitti, Leiter der Abteilung Entwicklung. Gleich-zeitig ging die FIFA Verbindungen mit mehreren UNO-Agenturen, NROs, und Regierungen ein, um Projekte in den Bereichen Gesundheit, Frie-densförderung, Jugend und Behinderte zu realisie-ren.
In den letzten Jahren bildeten sich weitere Partner-schaften zwischen der Sport- und der
Entwick-lungswelt. Die Tendenz dürfte sich 2005 noch ver-stärken. Und die Schweiz ist bestens platziert, um solche Annäherungen zu fördern – 32 interna-tionale Sportverbände haben ihren Welthauptsitz
hier. ■
(Aus dem Französischen)
China
Eine Welt Nr.1 / März 2005 12
( jls) 30 000 Menschenleben forderte das Erdbeben in Bam – danach blieb von der historischen Stadt im Südosten Irans praktisch nichts mehr übrig. Der Wiederaufbau wird laut Behördenangaben drei bis vier Jahre dauern. Inzwischen wohnen die 70 000 Überlebenden in Zelten oder vorfabrizierten Häu-sern.
Die sechzehn provisorischen Lager rund um die Stadt sind überbelegt, und die sanitären Einrich-tungen auf das Allernötigste beschränkt. In dieser Gemeinschaft, geprägt von Trauer, vollständig ver-armt und jeder Perspektive beraubt, waren schwere soziale Probleme nur eine Frage der Zeit. Der Kon-sum von Opium und Heroin ist steil angestiegen. Von der Sucht sind immer mehr junge Menschen
betroffen – die Region liegt just am Weg, über den die afghanischen Drogen nach Europa gelangen. Dazu kommt Alkoholismus und auch häusliche Gewalt hat zugenommen.
Warenlager als Turnhallen
Die sozialen Spannungen gefährden insbesondere die Kinder. Gerade sie, die durch die traumatischen Erlebnisse umso verletzlicher sind. Die meisten von ihnen sahen ihre Häuser einstürzen, sie verloren Eltern und Freunde. In Bam leben heute rund 6500 Waisen. Doch nur wenige wurden nach dem Schock, der langfristige Auswirkungen auf ihren psychischen Zustand haben kann, psychologisch betreut.
Seit dem Erdbeben vom 26. Dezembers 2003 leben die
Men-schen im iraniMen-schen Bam in einer äusserst prekären Situation.
Ein Schweizer Projekt setzt auf Sport und Spiel, um das
kör-perliche und seelische Wohlbefinden von Kindern zu
verbes-sern. Die Aktivitäten sollen den Jugendlichen helfen, ihr Trauma
zu überwinden und mit den durch die Katastrophe
entstande-nen sozialen Problemen fertig zu werden.
Sport als Therapie für die Kinder
von Bam
Kurze Hosen sind tabu
Seit der Islamischen Revolution von 1979 spielt sich der Frauensport im Iran in einem strengen Rahmen ab. In der Öffent-lichkeit ist die Geschlechter-trennung ab dem 12. Altersjahr obligatorisch, also treiben die Iranerinnen unter sich und in geschlos-senen Orten Sport. Das nationale Fernsehen über-trägt keine Fussball-, Basketball- oder Tennis-spiele von Frauen, weil Frauen in Shorts nicht den Blicken von Männern aus-gesetzt werden dürfen. In diesen Disziplinen dürfen iranische Athletinnen an keinen internationalen Wettkämpfen teilnehmen. Bei Spielen in Sportarten, in denen sie angemessen gekleidet sind, dürfen sie dagegen mitmachen. Das gilt für Karate, Schiessen, Skilaufen, Rudern und Kayak-Fahren.
Im letzten Oktober wurde mit finanzieller Unter-stützung der DEZA ein Pilotprojekt lanciert, wel-ches mit Hilfe des Sports auf die körperlichen und emotionalen Bedürfnisse dieser Jugendlichen ein-geht. Durchgeführt wird es von der Schweizeri-schen Akademie für Entwicklung (SAD), die auch für die wissenschaftliche Begleitung verantwortlich ist. Die Umsetzung vor Ort liegt in den Händen der tschechischen Stiftung «People in Need», die in der psychosozialen Betreuung traumatisierter Kinder Erfahrung hat.
Drei Gruppen von rund 150 Jugendlichen im Alter von 6 bis 18 Jahren, die in der Umgebung von Bam leben, werden sportliche und erholsame Aktivitä-ten angeboAktivitä-ten. In zwei Übergangslagern konnAktivitä-ten Warenlager in Turnhallen umfunktioniert werden, während die Kinder in Baravat, einer Stadt unweit von Bam, in einem aufgegebenen Stadion zusam-menkommen. Die Orte liegen alle in der Nähe ei-ner Schule oder einem Kindergarten, damit der Sport in den Unterricht integriert werden kann. Die Kinder können wählen zwischen Fussball, Volleyball, Badminton,Tischtennis und einigen lo-kalen Sportarten.
Coach als Ansprechpartner
Eines der Projektziele ist es, so viele Mädchen wie möglich am Sport teilhaben zu lassen. «Idealerweise müsste es in den Gruppen gleich viele Mädchen wie Knaben geben. Leider ist das im Iran nicht selbstverständlich, begegnet man doch dort Frauen-sport mit viel Widerstand und Misstrauen», stellt SAD-Direktor Rolf Schwery fest. Die Programme halten sich streng an die geltenden islamischen Regeln. So sind die Gruppen bis zum Alter von zehn Jahren gemischt, danach jedoch gilt Ge-schlechtertrennung. Und auch beim Sport müssen die Mädchen ein Kopftuch und weite Kleider tra-gen.
Verschiedene Studien zeigten die positiven Aus-wirkungen von Sport in Krisensituationen. «Wir haben beschlossen, dieses Potenzial im spezifischen Kontext eines sehr konservativen islamischen Lan-des auszuloten, in dem Sportförderung schwierig ist», erklärt Schwery.
Der Erfolg des Projekts hängt zum grossen Teil von den Trainern ab, je drei iranischen Männern und Frauen.Von ihnen wird eine Arbeit erwartet, die weit über das Lehren von Sporttechniken hinaus-geht. Sie werden eine wirkliche Kommunikations-basis mit den Kindern aufbauen müssen, ihnen zuhören und mit ihnen über ihre Probleme spre-chen. Als Coaches sind sie die wichtigsten An-sprechpartner für die jungen Sportlerinnen und
Sportler und sprechen mit ihnen über Themen wie Drogenkonsum oder Gewalt in der Familie. Bei der Anstellung der Trainerinnen und Trainer stand die Wichtigkeit dieser Aufgabe im Vorder-grund. Da es sehr schwierig war, sowohl sportlich wie psychologisch geschultes Fachpersonal zu fin-den, wurden jene bevorzugt, welche Erfahrung haben in psychologischer und sozialer Kinderbe-treuung. Mit der sportlichen Dimension ihrer Arbeit machten sie sich anschliessend schnell ver-traut.
Aufmerksam verfolgt die SAD von Biel aus den Verlauf des Projekts aufgrund der regelmässigen Berichte der Coaches, mit denen die Auswirkun-gen des Sports auf die Gesundheit der Kinder und der Gemeinschaft konkret festgestellt werden. Rolf Schwery ist gespannt darauf zu erfahren, was die Jugendlichen davon halten: «Vielleicht müssen wir feststellen, dass Sport punktuell keine positiven Veränderungen bringen kann. Doch insgesamt bin ich überzeugt, dass unsere Erwartungen erfüllt wer-den.» ■
(Aus dem Französischen)
Von Veränderung und Vielfalt
Die Schweizerische Akademie für Entwicklung (SAD) wurde 1991 gegrün-det. Die öffentlich rechtliche Stiftung mit Sitz in Biel erforscht vor allem soziale Veränderungen und kulturelle Vielfalt. Für den Umgang in diesen Bereichen bietet sie kon-krete Lösungen an, wobei sie zwei Instrumente ein-setzt: Den interkulturellen Dialog und den Sport. Sie verbindet die angewandte Forschung mit den Erfahrungen im Feld. Finanziert wird sie von Behörden, Stiftungen und Unternehmen. Das Projekt in Bam wird von fünf Gebern unterstützt: Die DEZA sowie die Firmen Holcim und Sika unterstüt-zen das Projekt finanziell, Adidas spendet Sport-schuhe und -kleider und DHL übernimmt die Kosten für den Materialtransport in den Iran.
Eine Welt Nr.1 / März 2005 14
Elizabeth Ambogo prüft nochmals, ob Schienbein-schoner und Schuhe richtig sitzen. In Gedanken ist sie beim nächsten Fussballmatch; sie spielt als linke Verteidigerin in ihrem Mädchenteam. «Wir kicken für MYSA», sagt Elizabeth siegesgewiss, als sie zum Einlaufen auf den Rasen geht, «wir werden gewin-nen.»
MYSA steht für Mathare Youth Sports Association: 17 000 Mitglieder, davon 15 000 aktive Fussballe-rinnen und Fussballer im Alter zwischen 8 und 25 Jahren, rund 1400 Teams, davon über 200 für Mäd-chen, angesiedelt in Mathare, einem der grössten Slums in der kenianischen Hauptstadt Nairobi und berüchtigt für die deprimierende Trostlosigkeit der Tausenden von eng ineinander verschachtelten Blech- und Lehmhütten.
«All meine Freundinnen spielen bei MYSA», er-zählt Elizabeth, «wir diskutieren fast alles miteinan-der und helfen uns bei den Hausaufgaben.» Eliza-beth ist 14 Jahre alt, seit 1997 spielt sie Fussball bei MYSA. Dieses Jahr schliesst sie die Primarschule ab. «Ich habe durch MYSA einen Sponsor für die Sekundarschule gefunden. MYSA ist für mich so etwas wie die Familie.»
1987 vom Kanadier Bob Munro gegründet, ist MYSA wohl das erfolgreichste Jugendprojekt in
Afrika. Für den Aufstieg der einzelnen Teams in den verschiedenen Ligen zählt nicht allein die Zahl der Tore. Es gilt ein Punktesystem, und vorwärts kommt nur, wer auch Sozialeinsätze leistet; dazu zählen die Arbeit mit verwahrlosten Jugendlichen, das Säubern der engen, von trüben Bächen durch-flossenen Gassen zwischen den Hütten, das Verkös-tigen der im Gefängnis einsitzenden Kinder. Nur eine Handvoll Funktionäre erhält einen be-scheidenen Lohn, die übrige Arbeit wie etwa die Trainer- oder Schiedsrichterkurse wird freiwillig geleistet; letztes Jahr präsidierte ein 16jähriges Mäd-chen den MYSA-Council, das höchste Gremium. «Wir von MYSA geben einander Halt», sagt Eliza-beth. Sie hat ihre Eltern verloren, lebt mit der Schwester und drei Cousinen in einer Blechhütte, drei mal vier Meter gross und immer absturzge-fährdet am steilen, zum Nairobi-River abfallenden Hang. «Durch den Fussball», fährt sie fort, «lernen wir Respekt füreinander, Hilfsbereitschaft, Diszi-plin.» ■
*Peter Baumgartner war langjähriger
Korrespon-dent des «Tages-Anzeiger» und ist ein profunder Afrika-Kenner. Er lebt in Nairobi, Kenia
Elizabeth Ambogo ist Waise, wohnt mit ihrer Schwester und
drei Cousinen in einer Blechhütte in einem der grössten
Armenviertel von Nairobi und sagt über Fussball: «Durch ihn
ler-nen wir Respekt, Hilfsbereitschaft und Disziplin.» Von Peter
Baumgartner*.
«Der Club ist meine Familie»
Wie jeden Tag fährt César Villaluz mit der Metro und dem Bus zum Trainingsgelände. Eineinhalb Stunden ist der 16jährige unterwegs von seinem Zuhause zu den prächtigen Anlagen des mexikani-schen Traditionsvereins Cruz Azul. Die Rückfahrt dauert meist etwas länger, weil der Verkehr in der 20-Millionen-Metropole Mexiko-Stadt abends markant zunimmt.
In der Schule hinkt César seinen Kameraden ein bisschen hinterher.Vater Porfirio Villaluz muss den Lehrern immer wieder schriftlich begründen, wa-rum sein Sohn im Unterricht gefehlt hat. In jüngs-ter Vergangenheit sind die Absenzen besonders zahlreich, denn César figuriert im Kader der mexi-kanischen U17-Nationalmannschaft und wird im-mer wieder kurzfristig für Trainingslager aufgebo-ten.
Zwei Jahre muss César noch zur Schule, dann möchte er voll auf die Karte Fussball setzen: «Mein Traum ist es, in spätestens drei Jahren in der mexi-kanischen Profiliga zu debütieren, Nationalmann-schaftsspieler zu werden und als Profi im Ausland zu spielen». César bietet sich dank des Fussballs die Chance, ein schwieriges Umfeld zu verlassen und eine ganz neue Welt zu entdecken.
Aufgewachsen in armen Verhältnissen in der Co-lonia Guerrero, einem berüchtigten Quartier im Zentrum von Mexiko-Stadt, kennt César die Ge-fahren der Strasse. Er weiss, dass ehemalige Klassen-kameraden drogensüchtig und kriminell geworden sind. Früher, in der Primarschule, musste er sich Respekt verschaffen und mit Mitschülern prügeln.
«Jetzt will sich keiner mehr mit mir anlegen, alle wollen meine Freunde sein», sagt César, «mein Ansehen ist heute viel höher als früher.»
Als schüchterner Junge ist César in die Jugendab-teilung von Cruz Azul gekommen, heute tritt er selbstsicher auf und ist ein Leader in seinem Team. Seine Trainer attestieren ihm grosses Talent und glauben, dass er den Durchbruch als Profi schaffen kann. Zweifel, ob er sich durchsetzen kann, beste-hen lediglich wegen seiner Körpergrösse. Mit 1,68 Meter ist er relativ klein. Doch César ist deswegen nicht beunruhigt: «Auch Maradona war ein kleiner
Spieler.» 1,68 Meter um genau zu sein. ■
* Martin Jordan arbeitet als Korrespondent für die Basler
Zeitung und Schweizer Radio DRS und lebt in Mexiko-Stadt.
«Keiner will sich mehr mit mir anlegen»
Martin Jor
dan (2)
Die Tage von César Villaluz aus Mexiko-Stadt sind lang und
ausgefüllt: Morgens geht er zur Schule, am Nachmittag ins
Training und abends sind oft noch Hausaufgaben zu erledigen.
Doch auf den Sport möchte er nicht verzichten, entdeckt er
doch durch ihn eine ganz neue Welt. Von Martin Jordan*.
Eine Welt Nr.1 / März 2005 16
HORIZONTE
Zwischen Steppe und Stadt,
Gestern und Morgen
Die Mongolen begründeten einst ein Weltreich, doch erst seit
1990 – endlich befreit von fremden Zwängen und langer
Abschottung – erobert sich das Steppenvolk die Welt ganz neu
zurück. Friedlich diesmal, doch nicht ohne Probleme. Von
Beatrice Müller*.
«Margaasch», vertröstet der junge Mongole schul-terzuckend im Internetcafé. Morgen geht’s.Vor der Tür quält und hupt sich täglicher Stossverkehr durch die Strassen. Dunst liegt über Ulaanbaatar. Die mit Kohlestaub geschwängerte Luft atmet sich schwer. Die Hauptstadt streckt sich über all ihre Grenzen hinaus und kann dem Ansturm von Menschen,Autos und High-Tech doch nicht mehr genügen.
Die Neuzeit kam zu schnell, schwemmte in weni-gen Jahren fast alles auf einmal ins Land. Die Infra-strukturen wuchsen nicht mit. Sie zerbrachen während der schweren Wirtschaftskrise, welche von der Wende im Ostblock ausgelöst wurde. Die Russen hatten einst unzählige Fachleute, Maschi-nen, Ersatzteile und zinslose Kredite ins Land ge-bracht. Mit einem Schlag blieb alles aus.
Ein Grossteil der Stadthäuser hängt an maroden, Kilometer langen Fernheizröhren der Kohlekraft-werke. Wie Pilze schossen in den letzten Jahren Kaufhäuser aus dem Boden, in deren abgeschlosse-nen Vitriabgeschlosse-nen modernste Gebrauchs- und Unter-haltungselektronik funkeln. Ganz neue Begehrlich-keiten werden geschürt, für viele Einheimische unerreichbar. Die Materialschränke und Operati-onssäle der Krankenhäuser dagegen sind dürftig be-stückt. Die Gebäude aus sozialistischer Zeit müssten dringend saniert werden, ebenso das Gesundheits-system. Die Kleinspitäler im Hinterland sind in ei-nem geradezu erbärmlichen Zustand. Medizini-sche Versorgung ist für weite Kreise der Bevöl-kerung teuer. Wo Fortschritt sichtbar ist, hilft das Ausland.
Wissen wird zur Mitgift bei der Heirat
Dolmetscherin Ganaa schaut vorbei und hilft bei ei-nem Amtsgang. Dem Ausländer, «der doch genug Geld haben muss», wird gerne mehr abgeknöpft. Löhne sind allgemein sehr niedrig. So versucht je-der und jede, sich irgendwie ein Stück Hoffnung vom Leben abzuzwacken, auch auf unerlaubte Weise.
Die Familien sind meist gross, die Sorgen wachsen mit den Kindern, man hält zusammen, hilft sich – bis hinauf in Politbüros und Ämter. Das Durch-schnittseinkommen liegt bei 150 Franken im Mo-nat, die offizielle Armutsgrenze bei einem Franken pro Tag und Person. 36 Prozent der Menschen
le-ben unter dieser Grenze in unbeschreiblichem Elend. Als arbeitslos registriert sind lediglich 3,6 Prozent, doch mindestens 25 Prozent haben keine Arbeit, darunter viele Jugendliche. Staatliche Unter-stützungsprogramme fehlen fast gänzlich.
Die Mongolen haben schnell gelernt, neue Tech-nologie zu nutzen. Doch noch fehlen Effizienz, Vernetzung, gezielte Datenverarbeitung und inter-disziplinäre Zusammenarbeit. Alle drängeln sich vor, überall. Als ob der Wille aufzuholen sich all-mächtig breit macht, als ob die Angst, vom Wohl-standsteller nicht mitessen zu können, ein eigentlich gastfreundliches, herzliches Volk zu immer mehr Rücksichtslosigkeit und Eigennutz treibt.
Ganaa unterrichtet Deutsch an einer Hochschule. Sie hat wie andere junge Mongolen dank Stipen-dium im Westen studiert. Der Wissensdurst ist in al-len Bereichen immens, der Nachholbedarf noch in Jahren nicht erschöpft. Dreiviertel der Bevölkerung ist jünger als 35. Viele Nomaden jedoch können das Geld für Schulbücher und -material, eine Un-terkunft im Dorf oder einen Studienplatz nicht auf-bringen. Häufig schicken sie nur die Mädchen. Wissen wird zur Mitgift bei späterer Heirat. Die Burschen bleiben bei den Tieren, und ungebildet. Zündstoff in einer patriarchal orientierten Sippen-gesellschaft. Verlieren sie ihren Rückhalt in den
Eine Welt Nr.1 / März 2005 18
Das Ding im Alltag
Owoos – Wohnsitz der Geister
Ob auf Hügeln, in der Steppe, an Seen, Quellen, Flüssen oder Kreuzungen – Owoos sind überall an-zutreffen. Sie sind sicht-bare Zeichen einer tief ver-wurzelten Naturverehrung. Viele Mongolen, selbst Städter, pflegen unzählige Handlungen, oft verborgen in kleinen Gesten, um Gei-ster anzurufen. Die Noma-den, die sich immer als kleinen Teil eines grossen Ganzen sahen, verehren als Höchstes den «Ewig Blauen Himmel». Alles was wächst, lebt, selbst Steine, Wasser, Bäume und Gras ist für sie beseelt, von Geistern bewohnt, die es zu bitten gilt, will man da-von nehmen. Owoos sind Opferstellen, die dreimal im Uhrzeigersinn, in guten Gedanken, zu umkreisen sind. Für jede Runde kommt ein Steinchen dazu, vielleicht ein Geldschein, ein Stück Trockenquark, eine himmelblaue Glücks-schleife, ein paar Tropfen Wodka, Milch oder Pferde-schädel. Genesene lassen Krücken liegen. In letzter Zeit halten Fahrer vermehrt nicht mehr an, hupen dafür dreimal.
Paul Egger / DEZA
Herden oder einer Arbeit, verfallen viele Männer dem Alkohol. Die Köpfe der Mongolen stecken randvoll mit Träumen und Visionen. Moderne Handwerksbetriebe, Umweltschutz, produktiver Gemüseanbau, gute Ideen sind reichlich da und in ersten Ansätzen bereits verwirklicht. Die eingelei-tete Privatisierung von Land hat vielen Familien erstmals ein Stück eigene Erde eingebracht. Geld entscheidet meist, wie es weiter geht. Nicht selten auch Fleiss und Durchhaltewillen sowie die Ein-sicht, dass nicht alles auf Knopfdruck gehen kann.
Verklärte Jutenromantik aus dem Westen
Institutionen und Einzelpersonen suchen vermehrt in Eigeninitiative Kontakt mit ausländischen Inves-toren, bitten ansässige Nichtregierungsorganisatio-nen um Unterstützung. Die Staatskasse ist trotz in-ternationaler Finanzhilfe leer, die Auslandschulden hoch. Japan, Deutschland, die USA und China gehören heute zu den Hauptgeberländern. Wer Erfolg hat wird nicht selten durch Neider blockiert, die freundschaftliche Verbindungen zu Personen in wichtigen Ämtern pflegen.
Viele setzen auf Tourismus. Gerade er gebiert einen besonderen Widerspruch. Der Westler – satt geges-sen, reizüberflutet, dollarbewehrt – träumt davon, in den unberührten Weiten der einmaligen Steppen-landschaft seine Wohlstands-Seele zu reinigen. Er lobt, mit verklärter Romantik, das Jurtenleben, dem die Menschen der Mongolei zu entrinnen versu-chen. Sie träumen vom Wohlstand des Westens und entzweien sich gefährlich schnell von ihren Wurzeln.
Das Hinterland - kaum erschlossen, nur schwer er-reichbar mit Allradantrieb über holprige, lange Steppenpisten, oder teuer mit Flugzeug - verliert den Anschluss. Die Neuzeit kommt kaum über Ulaanbaatar hinaus. Schlechte Versorgung mit dem Nötigsten,Arbeitslosigkeit,Armut, Resignation und Wut auf die zentralistisch orientierte Politik und die
eigene, darin verstrickte Abhängigkeit, prägen das Leben in den kleinen Siedlungen.
Dezimierte Herden bedrohen Existenz
Ein Drittel der Mongolen lebt noch ganz traditio-nell als Nomaden einen Jahrhunderte alten Rhyth-mus, aufs Engste mit Herden und Natur verwoben. Die kargen Weiden und kurzen Sommer ermögli-chen nur Wander-Viehwirtschaft. Drei schneerei-che, bitterkalte Winter, gefolgt von Sommerdürren, dezimierten die überlebenswichtigen Herden mil-lionenfach, zerbrachen zwischen 1999 und 2002 viele Existenzen und vertrieben, in trügerischer Hoffnung auf Hilfe, Familien aus ursprünglicher Unabhängigkeit an die Ränder der Stadt.
Aus deren Armutsbann gibt es kaum mehr ein Ent-rinnen.Wie ein Geschwür fressen sich bretterzaun-bewehrte Jurten- und Holzhüttenviertel die Berg-hänge hinauf. Ohne Kanalisation.Wasser kauft man sich kanisterweise am Brunnen. Abfall wird in Rinnsalen entsorgt, notfalls im Ofen verbrannt. Ein Sakrileg. Feuergeister darf man nicht mit Unrat er-sticken. Die omnipräsenten gelben Plastiksäcke trägt steter Wind weit in die Steppe hinaus. Regen spült den Müll, der für die Natur nicht mehr verdaulich ist – wie es nomadische Überreste früher stets wa-ren – in den Tuul, die Wasserader der Hauptstadt. Die Eroberung durch die Neuzeit hinterlässt im empfindlichen Ökosystem Steppe bereits unheil-volle Spuren der Zerstörung. Die heutigen Anfüh-rer sind herausgefordert, sich zu einigen, so wie es Tschingis Khan einst mit den Fürsten tat, um per-sönlicher Vorteilskrämerei die Stirn zu bieten und dem Land, das so reich an einmaligen Schätzen und Kultur ist, eine hoffnungsvolle Zukunft zu sichern.■
* Beatrice Müller bereist als freischaffende Journalistin und
Fotografin regelmässig die Mongolei.
(bf ) Als Ende der 1990er Jahre in der Mongolei äusserst harte Winter und extrem trockene, lang anhaltende Sommer Einzug hielten und einen Grossteil der Tierbestände dezimierten, nahm 1999 die Schweiz in Form humanitärer Hilfe die Zu-sammenarbeit mit der Mongolei auf. Seit 2003 setzt die DEZA in der Mongolei ein Sonderpro-gramm um, dessen Hauptziel der Abbau der Armut ist, von der gegen 40 Prozent der mongolischen Bevölkerung betroffen sind. Im Jahr 2005 beträgt das Gesamtbudget 3,5 Millionen Franken, mit Projekten in folgenden Schwerpunktthemen:
Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen und Umwelt:Weideland bildet das Rückgrat der mongolischen Landwirtschaft, doch Übernutzung belastet die Ressource Gras und damit die Lebens-grundlage der Hirten. Das Programm «Green Gold» unterstützt bedürftige Hirten indem es unter Be-rücksichtigung von sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Faktoren die Erneuerung, die Pro-duktivitätssteigerung und die nachhaltige
Bewirt-schaftung des Weidelands anstrebt. Ein weiteres Projekt zielt auf eine verbesserte Saatgutproduk-tion für Gemüse, insbesondere Kartoffeln.
Ausbildung:Im Vordergrund steht der verbesserte Zugang zu praktischer Berufsausbildung in be-nachteiligten ländlichen Gegenden sowie in der Peripherie der Hauptstadt.
Kultur und Entwicklung:Nach dem Aufbau ei-nes Kulturzentrums zum Informationsaustausch und zur Förderung lokaler Kultur werden kultu-relle Anlässe unterstützt.
Humanitäre Hilfe: Zwischen 1999 und 2003 unterstützte die humanitäre Hilfe bedürftige Hir-tenfamilien (siehe oben), die sich durch den Verlust ihrer Viehherden ihrer Lebensgrundlage beraubt sahen. Inzwischen konzentriert sich das Programm auf die Katastrophenhilfe und -bereitschaft sowie auf die Unterstützung von sozialen Einrichtungen.
Zahlen und Fakten
Name
Mongolei
Hauptstadt
Ulaanbaatar (roter Recke) (1 Million Einwohner) Bevölkerung 2,5 Millionen Sprache Mongolisch (Staatssprache), Türkisch, Russisch Währung Tugrik Fläche 1,564 Millionen km2– mit 1,5 Einwohner/km2eines
der am dünnsten besiedel-ten Länder.
Klima
Durchschnittshöhe 1580 Meter ü.M. Extremes Kontinentalklima mit kurzen Sommern von 30º und mehr und Wintern von minus 40º und mehr. Die Jahresdurchschnittstem-peratur liegt unter dem Gefrierpunkt, sehr windig.
Ethnien 80 % Chalcha-Mongolen 7 % Kasachen Minderheiten: Burjaten, Darigana, Dörböt, Bayat, Tuwa, Zakhatschin, Ölöt, Torgot Religion Tibetischer Buddhismus rund 50% Religionslos rund 40% Minderheiten: Schamanisten, Christen, Moslems Rohstoffe
Kupfer, Kohle, Gold, Eisenerz, Silber, Zink, weitere seltene Mineralien.
Exportprodukte
Kupferkonzentrat, Gold, Textilien, Kashmere, Kamel- und Schafwolle, Leder
Aus der Geschichte
1206 Tschingis Khan einigt die mongolischen Stämme; er und seine Nachfahren erobern ein Reich, das von Ostasien bis nach Europa reicht.
1634 Die Mandschuren unterwerfen Gebiete der inneren Mongolei.
1691Die äussere Mongolei wird gegenüber der chinesischen Qing-Dynastie tributpflichtig.
1911Loslösung von China, erneute Besetzung durch China, Unruhen.
1921Einmarsch der Roten Armee nach Hilfegesuch.
1924Gründung der Mongolischen Volksrepublik MVR. Mongolisch Revolutionäre Volkspartei, MRVP, wird Einheitspartei.Verfassung nach Ideologie des Marxismus-Leninismus.
1932 Aufstände gegen Landwirtschaftskollekti-vierung, Intervention sowjetischer Truppen.
1936-1938Massive stalinistische Säuberungen durch Diktator Tschojbalsan.
1946Freundschafts- und Beistandsvertrag mit Sowjetunion für 20 Jahre.
1950 Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der DDR.
1961/62Mongolei wird UNO-Mitglied und im Comecon.
1964 Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Schweiz.
1989Russischer Truppenabzug, Protestkundge-bungen gegen Regierung.
1990Gründung erster demokratisch orientierter Parteien. Erste freie Wahlen, MRVP hält Mehr-heit, Einleitung der Marktwirtschaft, Öffnung des Landes.
1992 Demokratische Verfassung. Erstes nach neuer Verfassung gewähltes Parlament; Sieg der (demokratisierten) MRVP.
1993Der reformfreudige Otschirbat, MVRP, ge-winnt die erste Direktwahl des Staatspräsidenten.
1996Wahlsieg des demokratischen Parteibünd-nisses.
1997Erdrutschsieg des MVRP-Präsidentschafts-Kandidaten Bagabandi.
2001 Wiederwahl Bagabandis.
Juni 2004Proteste und Rekurse gegen das Ergebnis der Parlamentswahlen. Die Regierung wird als grosse Koalition gebildet. Enkhbayar, MRVP, wird Vorsitzender des Parlaments; Elbegdorj, Koalition, wird Ministerpräsident.
Mongolei
Russland
China
Eine Welt Nr.1 / März 2005 20
Sanjaasuren Oyun
gründete im Jahr 2000 die Partei «Bürger-Wille». Die 41jährige studierte Geologin wurde bei den Parlamentswahlen im Mai 2004 mit einem Glanzre-sultat wiedergewählt und zur stellvertretenden Parlamentspräsidentin ernannt. Neben ihrer Parteiarbeit leitet sie u.a. eine Bürgerinitiative gegen Korruption und präsidiert den Verband der mongoli-schen Geologen.
«Was ist wohl in der Mongolei los?»
Stimme aus... Mongolei
«Oyun, bitte nimm deinen Bruder mit nach Lon-don, er ist in Gefahr hier.» Die Stimme meiner Mutter war angsterfüllt. Das Telefongespräch zer-schmetterte alle Hochgefühle, die in mir an diesem Herbsttag im Herbst 1998 hochgekommen waren. Soeben hatte ich einen meiner Träume verwirklicht und das herrliche Tienschan-Gebirge in Kirgistan bestiegen. Ich liebte meine Heimat, die Mongolei, doch mein Nomadenblut zog mich in die weite Welt hinaus. Ich genoss das Leben, hatte eine ausgezeich-nete Stelle als Geologin bei einer renommierten Firma in London und frönte meinem Hobby, dem Bergsteigen.
«Was ist wohl in der Mongolei los? Hat sich mein Bruder zu stark exponiert?» Entschlossen machte ich mich auf den Weg, meinem Bruder zur Seite zu ste-hen. Bilder der Vergangenheit stiegen in mir empor. Meine Familie war aktiv an den demokratischen Umwälzungen beteiligt, die 1990 zu einem freien und unabhängigen Mongolischen Staat führten. Mein Bruder Zorig war ein Gründungsmitglied der Demokratischen Bewegung und kämpfte uner-schrocken für eine soziale und gerechte Gesellschaft. Er war es auch, der die Demokratischen Koalitions-parteien 1996 zur Mehrheit im Parlament führte, und so schien der nächste Schritt zum Premiermi-nister nur eine Frage der Zeit.
Mein Bruder war bekannt für seine Unerschrocken-heit,seine Courage (was in Mongolisch Zorig heisst) und setzte sich unermüdlich für die Armen und Unterprivilegierten ein. Er scheute sich aber auch nicht, korrupte Praktiken anzuprangern und die Verantwortlichen zu ethischem Handeln herauszu-fordern.
Ich kam zu spät.
Anfang Oktober 1998 wurde mein Bruder, der un-erschrockene Kämpfer für eine demokratische und gerechtere Mongolei, ermordet. Ein tiefer Abgrund öffnete sich vor mir. Kann es sein, dass mit diesem Mord auch die Hoffnung für eine soziale Mongolei, die auch den Armen und Schwachen zur Seite steht, zum Schweigen gebracht wurde?
Ich wurde in eine gutbürgerliche Familie geboren. Mein Vater war Hochschullehrer,meine Mutter Ärz-tin. Als jüngstes und einziges Mädchen von drei Geschwistern war ich gewohnt, zu Hause mit anzu-packen und Verantwortung zu übernehmen. Ja, ich liebte Herausforderungen und das Besteigen hoher Berge. Doch vor mir erhob sich ein Gebirge, das unüberwindbar schien: Soll ich meinen Beruf und meine Träume aufgeben und in die Fussstapfen meines Bruders treten? Wird es mir gelingen, den steilen Weg ins Mongolische Parlament zu gehen, um mich dort für soziale Gerechtigkeit einsetzen zu können? Nach reiflicher Überlegung kandidierte ich fürs Parlament an und eroberte den vakanten Sitz. Mit Mut, Ausdauer, Professionalität und Char-me begann ich, dem von Char-meinem Bruder gewählten Pfad zu folgen und darauf weiterzugehen.
Wie konnte ich tatenlos zusehen, wie sich die Kluft zwischen arm und reich ständig vergrösserte? Mich erschütterte, dass Mitte der 1990er Jahre fast 40 Prozent der mongolischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze dahinvegetierten, und das in einem Land, das bis vor wenigen Jahren Armut gar nicht kannte.
Die Unterstützung, die der Mongolei bis 1990 von der Sowjetunion gewährt wurde, war zwar versiegt, doch flossen nun reichlich Entwicklungsgelder von andern Staaten. Leider wurden nicht alle für das Wohl des Volkes ausgegeben, sondern waren zu ei-ner Quelle des Reichtums der Machthaber ver-kommen. Korruption und Willkür griffen rapide um sich, ohne dass eine Kontrolle seitens der Öf-fentlichkeit da war.
Ich habe mich entschieden, zusammen mit Gleich-gesinnten den Gipfel zu erklimmen, von dem mein Bruder geträumt hat. Mein Traum ist eine Mongo-lei ohne Armut und Korruption; ein Land, das von Politikern mit hohen ethischen und moralischen Standards geführt wird; ein pluralistischer Rechts-staat, wo Meinungsvielfalt als bereichernd aner-kannt wird und in einem Umfeld von gegenseiti-gem Respekt Visionen für eine friedliche Welt wachsen können. ■
(Aus dem Mongolischen)
Bei meinen Besuchen in unseren Partnerländern im Süden und Osten ist das oft die erste Frage, die mir von den Kindern gestellt wird. Auch wenn sie in Armut und unter widrigen sozialen Bedingun-gen leben, eines haben Kinder und JuBedingun-gendliche auf der ganzen Welt gemeinsam: Die Lust am Spiel und die Freude an der Bewegung.
Sport ist für eine Gesellschaft kein Luxus, ganz im Gegenteil. Sport ist eine wichtige Investition in die Gegenwart und in die Zukunft – gerade in Ent-wicklungsländern. Dies einerseits wegen seiner er-wiesenermassen positiven Auswirkung auf die kör-perliche und geistige Gesundheit der Einzelnen. Vor allem aber vermittelt er der Jugend wie kaum eine andere Aktivität auf spielerische und lustvolle Weise grundlegende soziale Fähigkeiten. Team-work, Respekt für den Gegner, Umgang mit Sieg und Niederlage, Einhaltung von Regeln: diese Werte sind weit über den Sport hinaus Vorausset-zung für ein friedliches Zusammenleben in jeder Gesellschaft.
Gleichzeitig hat Sport eine unerreichte Fähigkeit, Menschen über Grenzen hinweg zu verbinden.Als in Ruanda nach mehrjährigem Bürgerkrieg 1994 die Waffen endlich schwiegen, fanden die ersten zaghaften Kontakte zwischen den einstigen Kon-fliktparteien auf dem Sportplatz statt, beim ge-meinsamen Fussball- und Volleyballspiel. Das ist kein Zufall. Sport ist eine universelle Sprache, die von allen verstanden wird, und auch dort Brücken bauen kann, wo andere Mittel versagen – etwa bei der Überwindung von kulturellen Barrieren oder bei der besseren Integration von Minderheiten und Randgruppen.
Um dieses positive Potenzial weltweit zu nutzen, hat die UNO das Jahr 2005 zum «Internationalen
Jahr des Sports und der Sporterziehung» erklärt. Dies vor allem auch dank der Initiative von Adolf Ogi, dem Schweizer alt Bundesrat und Sonderbe-rater des UNO-Generalsekretärs von Sport im Dienst von Frieden und Entwicklung. Erklärtes Ziel ist es, Sport für Frieden, Entwicklung, Bil-dung, Erziehung und Gesundheit gezielt und für alle fruchtbar zu machen. Im Norden, ebenso wie im Süden und Osten, in entwickelten Gesellschaf-ten ebenso wie in Entwicklungsländern.
Damit dies gelingt, braucht es vor allem zweierlei: Zum einen ein wesentlich stärkeres Bewusstsein bei allen Akteuren – internationalen Organisatio-nen, Regierungen, Sportverbänden, Privatwirt-schaft,Wissenschaft und Medien – für die erhebli-chen Möglichkeiten des Sports als Motor von Entwicklung. Zum anderen die Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren im Rahmen von Multi-Stakeholder-Partnerships.
Wenn jeder seine Stärken einbringt und ausspielt, entsteht ein unschlagbares Team im Dienst von Entwicklung und Frieden. Das Internationale Jahr des Sports und der Sporterziehung 2005 bietet dafür eine ideale Plattform. ■
Walter Fust Direktor der DEZA
«Haben Sie einen Fussball
mitgebracht?»
DEZA
Iris Kr
Eine Welt Nr.1 / März 2005 22
(jls) Im südlichen Afrika ist Mais nicht gelb, son-dern weiss. Zu Mehl zerstossen kocht man ihn in Wasser zu einer Art Polenta, die in Malawi und Sambia Nsima heisst, in Tansania Ugali und in Simbabwe Sadza. Gekochter oder gebratener Mais ist das Grundnahrungsmittel in allen Ländern der Region.
Doch die Ernten werden regelmässig durch Dürren oder sintflutartige Regengüsse vernichtet. Sogar dort, wo die Natur sich milder zeigt, ist die Ernte nur schwer voraussehbar, sind doch die Böden nur mässig fruchtbar und die äusserst armen Kleinbauern können sich weder Schädlingsbe-kämpfungsmittel noch Dünger leisten.
Im Kampf gegen den Hunger galt es deshalb ein Mittel zu finden, das den Ertrag der Maisfelder ver-bessert, ohne dass die Bauern auf teures Saatgut oder Düngemittel angewiesen sind. Dieses Ziel ha-ben sich die Forscher des Internationalen
Zen-trums zur Verbesserung von Mais und Weizen (CIMMYT) gesteckt. «Wir konzentrieren uns auf Mais, weil er das wichtigste Nahrungsmittel ist. Eine ungenügende Ernte bedeutet für die Bauern-familien auch tiefere Einkommen. So haben diese nicht mehr die Mittel, um ihre Kinder in die Schule zu schicken oder Medikamente zu kaufen», erklärt die Schweizerin Marianne Bänziger, die das Forschungsprojekt mit Sitz in Harare (Simbabwe) koordiniert.
Bauern entscheiden gemeinsam
Seit 1996 entwickelt das Team rund um die Inge-nieur-Agronomin Maissorten, welche gegen Dürre, bestimmte Krankheiten und nährstoffarme Böden resistent sind. Die neuen Sorten enthalten keine gentechnisch veränderten Organismen. Sie ent-stammen aus Kreuzungen verschiedener Sorten aus der Saatgutbank von CIMMYT. Ihr Ertrag ist
ein-Optimaler Mais dank «Mutter-Kind-Test»
Jorgen Schytte / Still Pictur
es
Klimaschwankungen und ausgehungerte Böden gefährden
die Nahrungssicherheit im südlichen Afrika massiv. Ein
von der DEZA mitfinanziertes Forschungsprojekt entwickelt
trockenheitsresistente und besser auf die Bedürfnisse der
Kleinbauern ausgerichtete Maissorten. Das neue Saatgut
er-gibt einen beträchtlich höheren Ertrag als die herkömmlichen
Sorten.
Saatgutbank
CIMMYT, das Internatio-nale Zentrum zur Verbesse-rung von Mais und Weizen mit Sitz in Mexiko, setzt sich zum Ziel, die Nah-rungssicherheit zu verbes-sern, die Produktivität der Kleinbauern zu steigern und die natürlichen Ressourcen zu schützen. Es produziert jedes Jahr mehrere hundert Sorten, die resistent sind gegen Insekten, Krankheiten, Dürre oder wenig frucht-bare Böden. Dieses inter-nationale landwirtschaftli-che Forschungsinstitut ist in 19 Ländern vertreten. Seine Arbeit konzentriert sich auf Regionen, in denen Mais und Weizen, zusam-men oder einzeln, entschei-dend sind für das Wohler-gehen der Menschen und mithelfen können, die Armut zu mindern. Seit drei Jahrzehnten erntet und lagert das CIMMYT tausende einheimischer Sorten aus der ganzen Welt und bewahrt sie in einer Saatgutbank auf. Dieses Saatgut untersteht keinem Patentschutz.
Verkürzte «Hungersaison»
Dank dem Forschungs-projekt von CIMMYT werden bereits sieben Maissorten mit offener Bestäubung vermarktet, die besonders den Bedürf-nissen von Kleinbauern entgegen kommen. Jene, die am meisten eingesetzt werden, heissen ZM521 und ZM421. Trotz Dürre und magerer Böden ist ihre Ernte höher als jene her-kömmlicher Sorten, ohne dass vermehrte Bewässe-rung oder zusätzlicher Dünger nötig sind. Die Sorte ZM421 hat ausser-dem den Vorteil, dass sie früher reif wird als die anderen und somit die «Hungersaison» verkürzt. So nämlich wird die Perio-de genannt, während Perio-der die Familien auf dem Land ihre Nahrungsmittel ratio-nieren müssen, weil ihre Reserven aufgebraucht sind und die nächste Ernte noch nicht eingebracht ist.
Vertrieb der von den Forschern entdeckten OPV
gemacht, um die Nachfrage der Bauern zu befrie-digen.
Zielpublikum: 150 Millionen Menschen
Die Saatgutproduzenten sind in diesem Projekt nicht die einzigen Partner von CIMMYT. Um ihre Evaluation und Selektion in gegenwärtig 150 Dörfern zu einem erfolgreichen Ende zu führen, arbeiten die Forscherinnen und Forscher mit 75 institutionellen Partnern zusammen: Mit den na-tionalen landwirtschaftlichen Forschungsanstalten in allen Ländern der Region, mit Nichtregierungs-organisationen, landwirtschaftlichen Beratungsstel-len usw.
«Alleine könnten wir nie eine Bevölkerung von 150 Millionen erreichen. Deshalb haben wir an alle appelliert, welche die gleichen Ziele haben wie wir. Dank diesem regionalen Netz gelangt unsere Technologie wirklich bis zu den Bauern», erklärt Marianne Bänziger. Die Menge des produzierten Saatguts dürfte ausreichen, um eine Million Bauern-familien mit den neuen Sorten für die nächste Sai-son zu versorgen. ■
(Aus dem Französischen)
Ländern der Region werden nach einem soge-nannten «Mutter-Kind-Test» Versuche durchge-führt. Im Dorfzentrum werden dabei nach den Vorgaben der Forscher zwölf bestehende und neue Sorten angebaut. Die Bauern des Dorfes erhalten je vier Sorten des «Mutter-Tests», die sie auf ihren Feldern in herkömmlicher Art anbauen. Kurz vor der Ernte kommen alle Dorfbewohner zusammen. Sie hören sich die Kommentare der Bauern an, welche einen «Kind-Test» durchgeführt und ver-schiedene Sorten verglichen haben. Auf dieser Grundlage wählt die Gemeinschaft jene Sorte aus, die sie im kommenden Jahr anpflanzen will.
Entscheid für Unabhängigkeit
Die meisten der befragten Dörfer entschieden sich für Sorten mit offener Bestäubung, sogenannte OPV (Open pollinated Varieties), denn diese besit-zen einen grossen Vorteil gegenüber ihren hybriden Konkurrenten: Das OPV-Saatgut kann gelagert und jedes Jahr neu gepflanzt werden, ohne dass ihr Ertrag abnimmt. Das hybride Saatgut dagegen er-gibt zwar im ersten Jahr einen höheren Ertrag, die-ser nimmt aber im Folgejahr deutlich ab, wenn der Bauer die Körner seiner Ernte wieder nutzt. Um gute Erträge zu erhalten, muss er deshalb jedes Jahr neues Saatgut kaufen.
Die Bauern haben sich für OPV entschieden, weil sie nie wissen, was die Zukunft bringt. Klimatisch, wirtschaftlich und politisch ändert sich in der Re-gion alles so rasch, dass nur wenige Bauern sicher sind, ob sie in einem Jahr wieder Saatgut kaufen können. «Armut und Unsicherheit sprechen für
Peter Barker / Panos / Strates
Eine Welt Nr.1 / März 2005 24
(gn) Wie viele tausend Tote der Krieg zwischen der Lord’s Resistance Army (LRA) und den ugandi-schen Regierungstruppen in den letzten18 Jahren gefordert hat, weiss niemand. Heute leben schät-zungsweise 1,6 Millionen Menschen, die aus ihren Dörfern vertrieben wurden, in Flüchtlingslagern; 42 000 Kinder suchen jede Nacht Schutz in den Städten der Region, um nicht in die Hände der Rebellenarmee zu fallen und als Kindersoldaten zu enden.
Seit Mitte 2003 hat sich die humanitäre Lage in Norduganda derart verschlimmert, dass sich die in-ternationalen Helfer vor Ort dazu entschlossen, die-sen «vergesdie-senen Konflikt» ins Licht der Weltöffent-lichkeit zu rücken. «Wir dürfen uns nicht länger damit begnügen, den Opfern Nothilfe zu leisten und die Schäden aufzuräumen. Wir müssen auch auf die Ursachen aufmerksam machen», begründet Hansjürg Ambühl, Afrika-Verantwortlicher der humanitären Hilfe der DEZA, diesen Schritt.
Anwaltschaftliches Eintreten für die Opfer
Inzwischen wurde der Krieg in Uganda, der bisher auf internationaler Ebene kaum wahrgenommen worden war, sowohl innerhalb der politischen Insti-tutionen in der Schweiz, wie auch bei der UNO, im
UNO-Sicherheitsrat sowie in zahlreichen Medien thematisiert. «Advocacy» heisst dies in der Fach-sprache. Dieses anwaltschaftliche Eintreten für die Opfer ist eine neue Herausforderung für die huma-nitäre Hilfe.
«Wir haben gesehen, dass man in Uganda mit hu-manitären Massnahmen alleine nicht weiter kommt. Die Schweiz als neutraler Staat mit ihren morali-schen und ethimorali-schen Ansprüchen kann aber, auf-grund der Informationen, die wir aus dem Feld lie-fern, politisch reagieren und etwas in Bewegung setzen», umschreibt Ambühl das Vorgehen.
Oft ist Ursachenbekämpfung in solchen Situation erst möglich, wenn genügend öffentlicher und in-ternationaler Druck auf die Verantwortlichen aus-geübt wird. Ein Beispiel dafür ist der Darfur-Konflikt im Sudan. Diese Tragödie war schon längst in Gang, als es den Helfern vor Ort endlich gelang, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf das Geschehen zu lenken. Erst als Darfur – nicht zuletzt dank dem Input der Schweiz bei der UNO – in die Schlagzeilen der internationalen Medien gerückt wurde, geriet die sudanesische Regierung unter Druck, was in einem ersten Schritt zumindest eine graduelle Verbesserung der Situation brachte. ■
Die gestohlenen Kinder
Joseph Kony, der Rebellenführer, welcher seit Jahren den Norden Ugandas terrorisiert, ver-steht sich selber als die Wiedergeburt der Jungfrau Maria und setzt sich zum Ziel, Ugandas Präsidenten Yoweri Museveni zu stür-zen. Der Krieg basiert auf einem alten Machtkampf zwischen dem Norden und dem Süden des Landes. Kony, dessen Armee zeit-weise von der sudanesi-schen Regierung unter-stützt wurde, verbreitet im Norden des Landes Angst und Schrecken. Seine Armee besteht heute zu 80 Prozent aus Minder-jährigen. Die meisten von ihnen sind nicht freiwillig Soldaten geworden: Über 20 000 Kinder wurden in den vergangenen Jahren von Feldern, aus Schulen und Dörfern entführt und zu Mördern gemacht. Mädchen – so erzählen geflohene Kindersoldaten – werden auch als Sexskla-vinnen missbraucht. Opfer in diesem Krieg sind aber nicht nur die bereits ent-führten Kindersoldaten und jene die von ihnen getötet werden. Tausende von Kindern und Jugendlichen nehmen täglich stunden-lange Fussmärsche auf sich, um die Nacht im Schutz einer grösseren Stadt zu verbringen, die ihnen mehr Sicherheit vor Überfällen und Entführun-gen bietet als ihr Dorf.
Hilfe dank Schlagzeilen
Holland. Hoogte / laif