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Ein Modell sozioökonomischer Studiengänge
ORIS, Michel, BURGNARD, Sylvie
Abstract
Die Sozioökonomie verfolgt einen grundlegend interdisziplinären Ansatz, befasst sie sich doch mit der Wechselbeziehung zwischen dem Sozialen und Ökonomischen, menschlichem Verhalten und normativen Regulierungen, ungleicher Ressourcenverteilung, die ihrerseits in bestimmte Umweltbedingungen eingebettet sind (Bürgenmeier 1994, Kap . 1) . Sowohl im akademischen wie auch im politischen Diskurs wird dieses Überschreiten der disziplinären Grenzen eindeutig befürwortet und gleichzeitig auch als die einzig sinnvolle Strategie präsentiert, mit der sich die Herausforderungen des 21 . Jahrhunderts bewältigen lassen (Hedtke 2006, S . 1) . Trotz dieses vielversprechenden Diskurses bleiben die Strukturen der akademischen Lehre stark beeinflusst von monodisziplinären Grundlagen (vgl . Elsner und Nienhüser in diesem Band) . In vielerlei Hinsicht bleiben wir in einer Zeit verhaftet, die von disziplinärer Abgrenzung geprägt ist, sowohl hinsichtlich der Forschungsgegenstände und der verwendeten Methoden als auch des dazugehörigen Fachvokabulars; geprägt auch vom Eifer, eigene Lehrstühle, Departemente und [...]
ORIS, Michel, BURGNARD, Sylvie. Ein Modell sozioökonomischer Studiengänge. In: Reinhold Hedtke. Was ist und wozu Sozioökonomie? . Springer, 2015.
DOI : 10.1007/978-3-531-19853-8_14
Available at:
http://archive-ouverte.unige.ch/unige:86219
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Studiengänge 14
Der Studiengang in Sozioökonomie der Universität Genf
Michel Oris und Sylvie Burgnard1
14 Ein Modell sozioökonomischer Studiengänge
14.1 Einführung
Die Sozioökonomie verfolgt einen grundlegend interdisziplinären Ansatz, befasst sie sich doch mit der Wechselbeziehung zwischen dem Sozialen und Ökonomischen, menschlichem Verhalten und normativen Regulierungen, ungleicher Ressour- cenverteilung, die ihrerseits in bestimmte Umweltbedingungen eingebettet sind (Bürgenmeier 1994, Kap . 1) . Sowohl im akademischen wie auch im politischen Diskurs wird dieses Überschreiten der disziplinären Grenzen eindeutig befür- wortet und gleichzeitig auch als die einzig sinnvolle Strategie präsentiert, mit der sich die Herausforderungen des 21 . Jahrhunderts bewältigen lassen (Hedtke 2006, S . 1) . Trotz dieses vielversprechenden Diskurses bleiben die Strukturen der akademischen Lehre stark beeinflusst von monodisziplinären Grundlagen (vgl . Elsner und Nienhüser in diesem Band) . In vielerlei Hinsicht bleiben wir in einer Zeit verhaftet, die von disziplinärer Abgrenzung geprägt ist, sowohl hinsichtlich der Forschungsgegenstände und der verwendeten Methoden als auch des dazuge- hörigen Fachvokabulars; geprägt auch vom Eifer, eigene Lehrstühle, Departemente und Institutionen zu gründen, die ihrerseits der Selbst-Reproduktion Vorschub leisten (Casilli 2011, S . 65) .
Exemplarisch dafür ist die Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Genf, die vor hundert Jahren, im Jahr 1914, in der Absicht gegründet wurde, den wissenschaftlichen Dialog zu ermöglichen . Zur selben Zeit arbeitete Vilfredo Pareto im nur 60 Kilometer entfernten Lausanne an einer globalen Theorie, welche einerseits sowohl soziologische wie auch ökonomische Elemente enthielt, in der er 1 Kontaktadresse: Michel Oris, Université de Genève, 54 route des Acacias, Ch-1227, Carouge, Schweiz . Michel .Oris@unige .ch . Die Autoren möchten sich an dieser Stelle herzlich bei Rainer Gabriel und Julia Henke, beides Doktoranden in Sozioökonomie, für die Nachbearbeitung dieses Texts in seiner Deutschen Fassung bedanken .
aber andererseits die beiden Disziplinen auch klar voneinander zu unterscheiden versuchte (Hodgson 2002a, S . 184) . Im Zusammenhang der Ausdifferenzierung der Disziplinen wird oft die Geschichte Talcott Parsons‘ genannt, seinerseits Doktor der Ökonomie, der später zu einem der Gründerväter der amerikanischen Soziologie aufstieg und der maßgeblich dazu beitrug, den unterschiedlichen disziplinären Habitus auszubilden (Hodgson 2002a; Hedtke 2006, S . 3; Burawoy 2009), obwohl die Grenzen auf substanzieller Ebene verschwommen geblieben sind (Swedberg 1990) . Obwohl der Traum oder die Hoffnung einer Einheit der Sozialwissenschaften bis heute überlebt hat – die Differenzierungslogiken haben klar den Sieg davon getragen . Sie brachten eine Hierarchie des Wissens hervor . Es dauerte nicht lange, bis die Ökonomie – aus Arroganz oder Ironie, je nach Autor – als „Königsdiszi- plin“ oder „imperialistisch“ bezeichnet wurde (Stigler 1984) . Der amerikanische Soziologe Michael Burawoy schrieb dazu Folgendes, mit der für ihn bezeichnen- den Grausamkeit und Übertreibung, die der Heterodoxie wenig Wert beimisst:
„Man könnte die akademische Ökonomie mit der innerparteilichen Disziplin der kommunistischen Partei vergleichen, mit ihren Dissidenten und der kohärenten Doktrin, die sie im Namen der Freiheit in aller Welt zu verbreiten versuchte .“
Etwas gemäßigter fügt er hinzu: „Es ist die innere Kohärenz der Ökonomie, die ihr innerhalb der akademischen Welt ein hohes Prestige verleiht und zu größerer Effizienz in der Fachwelt verhilft“ (Burawoy 2009, 141) . Er hätte noch hervorheben können, dass der Ruf dieser Disziplin auch auf ihrem mathematischen Charakter und den ökonometrischen Modellierungsmethoden beruht, was ihr außerdem den Anschein von „Szientismus“ verleiht (s . u . a . De Vroey 2002) . Wie dem auch sei: Diese prononcierte Position hat es der Wirtschaft erlaubt, ihre mehr oder weniger von den sogenannten harten Wissenschaften geliehenen Werte zu verbreiten; Werte, welche auch die übrigen Sozialwissenschaften übernommen haben, um ihre eigene Position in der akademischen Welt zu stärken . Beispielhaft dafür ist die „Objektivität“, deren Verständnis als Distanzierung oder sogar Nicht-Beteiligung des Forschers mehrfach kritisiert wurde, sowohl von der kritischen Soziologie (z . B . Clément et al . 2006) wie auch von den Verfechtern der öffentlichen Soziologie (Burawoy 2009) – insgesamt also von all jenen, die dem Gründungsprojekt der Sozialwissenschaften bezüglich Reformismus und einer Verbesserung der Gesellschaft Nachdruck verleihen wollen .
Die Entwicklung der Wissenschaft ist natürlich nicht unabhängig von der Entwicklung der in der Gesellschaft verankerten Wirtschaft, deren Erforschung sie sich zur Aufgabe macht und deren Produkt sie zugleich ist . Karl Polanyi zu- folge ist der Sieg der akademischen Ökonomie nur ein Teilaspekt einer größeren Geschichte: jener des Primats der freien Marktwirtschaft, das auf dem Modell des individuellen rationalen Akteurs, der auf Nutzenmaximierung bedacht ist, gründet . Diese grob vereinfachende Auffassung resultiert aus der Trennung des
Sozialen und Ökonomischen und aus dem Rückgang institutioneller Regelungen zugunsten der Regeln des Marktes (Polanyi 1944, S . 3; Schumpeter 1942, S . 147- 151; Servet 2010, S . 68-75) . Weniger lang zurückliegend waren die 1980er-Jahre als politische Hochblüte des Neoliberalismus entscheidend, nicht nur im Kontext der Thatcher- und Reagan-Jahre, sondern auch vor dem Hintergrund breiter Sozialstaatreformen unter dem Druck von Budgetdefiziten, der Schuldenkrise in den Ländern des Südens, dem Zusammenbruch des Ostblocks, Chinas Schritt zur Marktwirtschaft etc . (Harvey 2007) .
Die letzten 20 oder 25 Jahre waren weniger eindeutig . Einerseits ist die Sicht- weise vom Staat als wirtschaftlichem Akteur weitgehend negativ geblieben und der Deregulierungstrend hat auf den Finanzmärkten neue Dimensionen erreicht, was Krisen nach sich zog, wovon jene von 2008 nur die jüngste und schmerzhafteste ist . Andererseits entstehen die Alternativen einerseits durch die Ablehnung des Neo- liberalismus, tiefgründiger aber zweifellos auch durch den ungewissen Übergang hin zu postindustriellen Sozioökonomien . Fragen rund um Nachhaltigkeit und begrenzte Umweltressourcen, eine gewisse Rückkehr des Institutionellen in der Wirtschaft einschließlich der Überlegungen zur Auswirkung der sozialen Ungleich- heiten und der Demokratie auf das wirtschaftliche Wachstum, die Rehabilitation der „Regulierung“, die darauf abzielt, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung aufeinander abzustimmen etc . – alle diese Thematiken verlangen ein interdisziplinäres Vorgehen . Es ist also keine Überraschung, dass sich die Sozioöko- nomie in internationalen wissenschaftlichen Kreisen durchsetzen konnte und sich – nicht ohne Schwierigkeiten, wie wir sehen werden – in gewissen Universitäten etablieren konnt .2 . Sie wurde Nutzniesserin ihrer interdisziplinären Ausrichtung, eine Orientierung, die weitgehend als selbstverständlich wahrgenommen wird und daher selten gerechtfertigt und erörtert wird – „a cherished and popular demand“
(Hedtke 2006, S . 1; s . auch Perrig-Chiello und Darbellay 2002) .
Die europäischen Universitäten wurden von diesen widersprüchlichen Ent- wicklungen nicht verschont . In den 1980er-Jahren von neoliberalen Kritikern hart angegriffen, weil sie diese als verkalkt und von der Außenwelt abgeschottet ansahen, und außerdem unfähig, der Privatwirtschaft die benötigten Humanressourcen zu liefern (Hedtke 2006, S . 4) . Im Lauf der letzten Jahre sahen sie sich zunehmend den Regeln des „New Public Management“, Effizienzanforderungen zu wenig definierten Kriterien sowie Rentabilitäts- oder Profitabilitätsforderungen unterworfen, und zwar in der quantifizierbaren Form einer institutionellen Positionierung in den
2 Siehe die Argumentation, welche Amitai Etzioni seit 1990 verfolgt (► Etzioni in diesem Band), genauso wie die Webseite der SASE (Society for the Advancement of Socioeco- nomics): https://sase .org
Weltrankings (Shanghai oder andere), von Zitationsindices, die die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit messen sollen, in der Form eines Verhältnisses Unterrichts- stunden/Anzahl Studierende zur Feststellung des Interesses oder Desinteresses an einem Ausbildungszweig, eines Wettbewerbs zwischen den Universitäten, aber auch zwischen den Fakultäten und ihren Disziplinen . Im europäischen Raum wurde die berühmte „Bologna-Reform“ heftig kritisiert, da sie diese Vision in ihren Prinzipien und vor allem in ihrer Umsetzung unterstütze (Schultheis et al . 2008) . In diesem bewegten Kontext wurde die Forderung nach Interdisziplinarität sehr unterschiedlich rezipiert . In einem ziemlich kompromisslosen Artikel spricht Antonio Casilli von einem „paradoxen Sieg“, weil „die Transdisziplinarität zur hohlen Formel verkommt, indem sie sich allgemein verbreitet“ (2011, S . 66) . Er unterstreicht die Auswirkung eines Top-Down-Vorgehens: „Der starke Antrieb durch die Universitäten und die Forschungsorganisationen für Gemeinschaftsprojekte wurde bisweilen als Politik wilder ‚Transdisziplinarität‘ angesehen, die angewandt wurde, ohne im Vorfeld die Forderungen der betroffenen Lehrkräfte und Forscher abgeklärt zu haben“
(Casilli 2011, S . 74) . Diese Aussage ist natürlich teilweise diskussionsbedürftig, insbesondere da es keineswegs offensichtlich ist, dass man Akademikern, die von disziplinbezogenen Werdegängen und Strukturen konditioniert sind, Vetorechte zugestehen sollte .
Die Frage, die uns hier interessiert, ist jedoch eine andere . Innerhalb eines akademischen Schlachtfeldes, das von Widersprüchen umgetrieben wird, liegt die Herausforderung in der Durchführbarkeit einer Ausbildung und eines Studien- gangs der Sozioökonomie . Die Mittel dürfen jedoch nicht von den – in diesem Fall:
pädagogischen – Zielen getrennt werden, von dem Wissen, das die Studierenden erwerben sollen, ob von den Dozierenden oder im Selbststudium . Diesbezüglich machen wir uns für die Idee der Kohärenz stark . Die vorliegende Arbeit präsen- tiert die Sozioökonomie also nicht als Disziplin, sondern als „an interdisciplinary approach, a perspective, or simply an alternative“ (Carbone 2004, S . 3) . Obschon es einfacher sein mag, auf der Grundlage einer streng gemeinsamen Definition zu unterrichten, nehmen wir nicht nur in Kauf, dass es keinen Konsens darüber gibt, was die Sozioökonomie ist, wir begrüßen diesen offenen Rahmen ausdrücklich . Er verschafft den Studierenden das Vorrecht, als eigenständige Akteure vorgehen zu können, was in der hierarchisierten Welt der Universität nicht selbstverständ- lich ist . Dennoch stehen seit den Pionierarbeiten von Karl Polanyi bis heute die Demokratie, die Staatsbürgerschaft, die Aneignung von in Werten verankerten Normen im Mittelpunkt der sozioökonomischen Vorgehensweise (Hillenkamp und Laville 2013) . Die Sozioökonomie nimmt ihrem Wesen nach eine humanisti- sche Sicht ein, welche die Universität in der Renaissance begründete und die dort gerade heute den Verdacht weckt, ideologisch, ungenügend objektiv und seriös,
sogar unwissenschaftlich zu sein . Wir werden jedoch aufzeigen, dass gerade ein maßvoller Idealismus die Studierenden zu begeistern vermag .
In einem ersten Schritt werden wir den Bereich Sozioökonomie an der Universität Genf und ihre Entwicklungsgeschichte vorstellen, wobei wir den Schwerpunkt auf den Master legen, der sich zunehmender Beliebtheit erfreut . Wir werden die Unter- suchungsresultate aus verschiedenen Jahrgängen verwenden, um deren Struktur und Motivationen zu beleuchten . Es folgt eine Erörterung des Aufbaus und vor allem der Zielbestimmungen des Studiengangs Sozioökonomie . Ein Ausblick bildet den Abschluss der Arbeit .
14.2 Der Bereich Sozioökonomie an der Universität Genf
Der Bereich Sozioökonomie der Universität Genf erblickt das Licht der Welt im Herbstsemester 2007, zeitgleich mit einem kompletten universitären Parcours:
dem Bachelor3, dem Master4 und dem Doktorat5 . Diese Entstehung vollzog sich im Kontext des Inkrafttretens der Bologna-Reformen und ist eine klare Reaktion darauf . An der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften war dies ein Höhepunkt hinsichtlich der Trennung der Wissenschaften . Jede Disziplin, groß oder klein, wollte einen komplett eigenen Bereich mit Fokus auf den eigenen Vor- lesungen . Durch eine Reduktion an Wahlfächern in den Studiengängen wurde wenig Platz für andere Vorlesungen gelassen . Sogar die Grundstudien des ersten Jahres wurden stark reduziert, und hätten die finanziellen und personellen Mittel es zugelassen, wären sie wohl ganz abgebaut worden . Diese Teilung der Studienpläne in einer solch rigiden monodisziplinären Perspektive bedeutete auch einen klaren Bruch mit dem ursprünglichen Vorhaben der Fakultät bei ihrer Gründung im Jahr 1914 . Die Sozioökonomie entstand daher sowohl als Subversion als auch als Rückbesinnung gegenüber diesem Gründungsprojekt . Nebst der Sozioökonomie erfüllt diese Rolle auch das Bachelorstudium der internationalen Beziehungen, welches als pluridisziplinäre Ausbildung (Recht, Geschichte, Politologie, Wirt- schaft) das Bild von Genf prägt, jedes Jahr mehrere hundert Studierende anzieht und welches vorher bereits als Lizenziatsstudium existierte . Die Diskussionen bezüglich der Erschaffung des Bereichs der Sozioökonomie drehten sich um ge- nau diese Problematik der Machtverhältnisse zwischen den Disziplinen . Obwohl
3 http://www .unige .ch/ses/etudiants-ses/formations/bachelors/ba-socec .html . 4 http://www .unige .ch/ses/etudiants-ses/formations/masters/ma-socec .html . 5 http://www .unige .ch/ses/etudiants-ses/formations/doctorats .html#40 .
ein gewisses Unbehagen hinsichtlich der Machtverteilung vorhanden blieb und das Projekt angefochten wurde, erhielt der Vorschlag vor verschiedenen Gremien eine Mehrheit (Professorenkonferenz, Fakultätsrat, Universitätsversammlung) . Ganz offensichtlich bedurfte es hierfür eines Momentums, scheint es doch wenig wahrscheinlich, dass die Schaffung eines solchen Studiengangs vorher oder auch nachher möglich gewesen wäre . Dies unterstreicht die Tatsache, dass die Probleme nicht so sehr an der Bologna-Reform selbst liegen, sondern an ihrer mehr oder weniger sinnvollen Umsetzung .
Zwei Gelehrte spielten bei der Entstehung dieser pluri- und interdisziplinären Ausbildung in Genf eine wichtige Rolle . Beat Bürgenmeier, Ökonom, ehemaliger Dekan der Genfer Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und Leiter des Centre Universitaire d’Ecologie Humaine et des Sciences de l’Environnement, war einer der Pioniere der Sozioökonomie, der ihr auch mehrere Werke (1990, 1992, 1994a) widmete . Seinem großen Einfluss ist es zu verdanken, dass fortan auch ökologische Aspekte und die Thematik der nachhaltigen Entwicklung be- rücksichtigt wurden (Bürgenmeier et al . 2007; Bürgenmeier 2008); zudem ermög- lichte er, dass sich weitere Kollegen, die sich mit der Arbeitsökonomie und sozialer Ungleichheit befassten, am Sozioökonomie-Projekt beteiligten . Franz Schultheis, ehemaliger Leiter des Departements Soziologie an der Universität Genf, vertritt den kritischen Kurs eines Pierre Bourdieu und streicht die Herrschaftsmechanismen, die Schaffungs- und Reproduktionsprozesse von sozialer Ungleichheit sowie die Prozesse der sozialen Verarmung und Disqualifizierung heraus (Schultheis et al . 2009; Paugam und Schultheis 2011) .
Diesen Thematiken näherte man sich im Centre Lémanique d’Études des Par- cours et Modes de Vie (PAVIE) anhand der Lebensläufe von Einzelpersonen auch in einer Mikroperspektive an . Dazu vereinigten sich Demografen, Gerontologen, Soziologen des Lebensverlaufs sowie Psychologen, die von Paul Baltes Theorie der menschlichen Entwicklung in der Tradition des „Life Span“ (2000) stark inspiriert waren (zur Geschichte von PAVIE s . Spini und Widmer 2009) . Dieser Begriff der
„menschlichen Entwicklung“ wurde zur selben Zeit – jedoch mit anderem Inhalt, der die Makro- und die Mikroebene vereinte – auch vom Ökonomen Amartya Sen verbreitet . Noch bevor dieser 1998 den Nobel-Preis gewann, kannten ihn einige unter uns (aus den Gebieten Demografie und Geschichte) aufgrund seiner älteren Arbeiten über Hungersnöte (Sen 1981) .6 Seine Auffassung von Entwicklung und sein Capability-Ansatz übten einen großen Einfluss aus, besonders auf jene, die sich für die Bevölkerungen des Südens interessieren (Sen 1999), aber auch bei der 6 Wir beschränken uns hier darauf, keine Personen zu nennen, welche aktuell noch an
der Universität Genf aktiv sind .
Neuinterpretation der Sozialpolitik des Nordens (Bonvin und Farvaque 2008) . Natürlich leistete auch die Wirtschaftssoziologie ihren Beitrag, insbesondere auf der Grundlage der Arbeiten Mark Granovetters und seiner Kritik an Karl Pola- nyi (Granovetter 1985 und 2005), für dessen Schriften heute wieder ein lebhaftes Interesse besteht, besonders für die in „La grande transformation“ (Polanyi 1983) entwickelten Thesen . Für die Sozioökonomen handelt es sich um eine Rückkehr zu den Wurzeln, zu einer Reflexion, die ihre Wurzeln in einer Epoche des Kampfes gegen den Faschismus hat und die heute die Sozial- und Solidarwirtschaft, aber auch neue Formen demokratisch-partizipativer Prozesse erforscht . Das Panora- ma wird von Forschungsarbeiten zu Normen und Regulierung zeitgenössischer kapitalistischer Gesellschaften vervollständigt . All dies spiegelt einen Aufbau und eine Entwicklung wider, die man mit Recht ein intellektuelles Chaos nennen kann . Diese Pluralität ist aus Sicht des Studiengangs ganz klar ein Trumpf . Der Bereich Sozioökonomie entstand in Genf aus dem – eher instinktiven als durchdachten – Streben heraus, die Wirtschaftswissenschaften wieder mit den Sozialwissenschaften zusammenzubringen . Das Projekt bringt den Wunsch zum Ausdruck, die soziale Dimension zurück in die Wirtschaftswissenschaft zu bringen, einer Wissenschaft, die sich zunehmend vom menschlichen Element, aus dem Handelsbeziehungen gemacht sind, abgekoppelt hat . Im Gegenzug ging es auch darum, wieder explizit wirtschaftliche Faktoren in die Analyse sozialer Dynamiken einzubeziehen, beson- ders in Bezug auf die Entstehung sozialer Ungleichheit (Oris et al . 2009) .
Dass der Bereich Sozioökonomie geschaffen werden konnte, liegt u . a . daran, dass die Kosten bei seiner Inbetriebnahme konstant gehalten werden konnten . Konkret heißt das: Die Fakultät erhielt die Ausbildung sozusagen zum Nullta- rif, da sich Lehrkräfte bereits bestehender Studiengänge bereit erklärten, mehr Studierende anzunehmen . Einzig das Seminar für Sozioökonomie, das von den Dozierenden auch heute noch zusätzlich zu ihrem normalen Pensum geschultert wird, wurde 2008 gegründet . Daraus ging ein Bachelor hervor, bei dem es sich um eine pluridisziplinäre, aber kaum interdisziplinäre Ausbildung handelt . Diese stellt einen anspruchsvollen Parcours dar, in dem die Studierenden praktisch ein
„zweisprachiges“ Studium absolvieren, da sie die ökonomischen Kurse mit den Wirtschaftsstudenten und die soziologischen Kurse mit den Soziologiestudenten besuchen . Anfangs war auch der Master eine Sammlung fachbezogener Kurse und Seminare . Einige waren jedoch für Studiengänge geschaffen worden, die seither verschwunden sind, und werden nun ausschließlich für die Sozioökonomie-Stu- dierenden weitergeführt . Außerdem ist die Zahl der Studierenden kontinuierlich gestiegen, weshalb sie inzwischen die große Mehrheit, in vielen Klassen sogar die Gesamtheit, der Studierenden darstellen . Das Ganze hat also eine zunehmend
spezifische Färbung angenommen, wobei der Master nach und nach einen wirklich interdisziplinären Charakter entwickelt hat .
Von 2007 bis 2013 hat der Lehrplan dieselbe Struktur in drei Blöcken beibehalten:
insgesamt 30 obligatorische ECTS-Credits mit einer starken methodologischen Komponente (Demografie, multivariate Statistik, qualitative Methoden), 30 Cre- dits zur freien Wahl und 30 Credits für eine Masterarbeit oder ein Praktikum mit Praktikumsbericht . Der erste Block wirkt häufig furchteinflößend, die anderen zwei hingegen tragen einen wichtigen Teil zur Attraktivität des Masters bei, wie wir im nächsten Abschnitt genauer sehen werden . Ein zusätzliches Paradox ist al- lerdings, dass die Sozioökonomie in Genf – insbesondere der Master – ungeachtet ihres subversiven Charakters bezüglich der Umsetzung der Bologna-Reformen von Regeln des Public Management profitiert hat, die ihr naturgemäß fremd sind . De facto ist die Studierendenzahl immer weiter angestiegen, was als Effizienz-, ja
„Rentabilitäts“-Kriterium angesehen wird, während die fachbezogenen Master, die von ihren Planern explizit in der Kontinuität und als Krönung der ihrerseits fachbezogenen Bachelorstudiengänge vorgesehen waren, nicht selten mit Schwierig- keiten zu kämpfen hatten . Alle sind mit sinkenden Studierendenzahlen konfrontiert und einige fühlten sich denn auch bedroht, als bald einmal die Idee aufkam, jene Studiengänge abzuschaffen, denen es nicht gelang, im Dreijahresdurchschnitt mindestens 12 Teilnehmer jährlich für sich zu gewinnen .7 Diese Idee führte zu ernsthaften Spannungen mit der Soziologie, die uns dazu veranlassten, dass wir in den Umfragen unter Sozioökonomie-Masterstudenten wissen wollten, ob die Studierenden zuvor eine andere Ausbildung ins Auge gefasst hatten und wenn ja, welche . Die Fragebögen, die die Studierenden zu Beginn des akademischen Jahres anonym ausfüllen, geben uns zudem Auskunft über andere Aspekte, insbesondere über die Zusammensetzung des Jahrgangs und die Motivation der Einzelnen .
14.3 Der Master und seine Studierenden:
Zusammensetzung und Motivation
Der Master in Sozioökonomie startete 2007 bescheiden mit einer kleinen Gruppe von 20 Studierenden, von denen mindestens die Hälfte besonders ausgezeichnete Leistungen erbrachten und die heute dabei sind, ihre Dissertationen abzuschließen .
7 Eine „Regel“, welche bis heute nur in einem einzigen Fall angewendet wurde: Im Falle des Masters in Demografie, welcher offiziell eine mögliche Vertiefung („mention“) für den Master in Sozioökonomie geworden ist .
Die Zahl der Master-Studierenden ist seit 2009 ununterbrochen gestiegen . Da der Master theoretisch 1,5 Jahre dauert, sich aber regelkonform auf 2,5 Jahre erstrecken kann, ist die Zahl der eingeschriebenen Studierenden auf 109 angewachsen; sie bilden 13 bis 14% der Masterstudierenden der Fakultät, was diese Ausbildung zur zweitwichtigsten nach der Betriebswirtschaft macht .
Der Studiengang hat eine weibliche Prägung, die Studentinnen machen zwi- schen 60 und 80% jedes Jahrgangs aus . Ihr Durchschnittsalter liegt stabil bei 24/25 Jahren . Dieses relativ hohe Alter erklärt sich dadurch, dass man das in der Schweiz zum Übertritt an eine Universität berechtigende Diplom (die Maturität) im Alter von etwa 19 Jahren erlangt, sowie durch Erfahrungen (Berufstätigkeit, Sprachaufenthalte, lange Reisen), die häufig zwischen Mittelschule und Universität oder zwischen Bachelor und Master gemacht werden . Es handelt sich also um eine relativ reife Gruppe mit ziemlich reichen und engagierten Lebensläufen . Dies ist zweifellos einer der Gründe für eine relativ feste Entscheidung . Gab 2009 noch eine Mehrheit der neuen Studierenden an, dass sie sich für einen anderen Master entschieden hätten, hätte Sozioökonomie nicht zur Verfügung gestanden, ist deren Zahl seither im Sinken begriffen . Wo Alternativen genannt wurden, handelte es sich in den häufigsten Fällen um Politologie, Management, Entwicklung, Wirtschaft, internationale Beziehungen und Kommunikation .
Was die Sozioökonomie betrifft, so misst sich ihre Attraktivität die Größe ihrer Rekrutierungsbasis . Etwa die Hälfte der Studierenden stammt von der Universität Genf, ein Viertel von anderen Schweizer Hochschulen und ein Viertel von auslän- dischen Institutionen . Dank diesen letzteren, aber auch aufgrund der Ankunft von Immigrantenkindern an der Universität, die dort auf Sprösslinge von Expatriate treffen, die in den zahlreichen in Genf vertretenen multinationalen Firmen und internationalen Organisationen arbeiten, kommen zahlreiche Herkünfte und Identitäten miteinander in Berührung . Rund 53% der Studierenden sind Schweizer Nationalität, 18% verfügen über eine schweizerisch-ausländische Doppelbürger- schaft, 29% sind Ausländer aus rund dreißig verschiedenen Herkunftsländern . Ein Turm zu Babel im Kleinformat!
Die Heterogenität der Gruppe zeigt sich auch in der Betrachtung des Grund- studiums: Ungeachtet einer gewissen Dominanz des Bachelors in internationalen Beziehungen, jenem in Wirtschaft und Management sowie demjenigen in Politologie trifft man auch auf zu erwartende Ausgangslagen (den Bachelor in Sozioökonomie selbst sowie den Bachelor in Soziologie, Sozialarbeit, Sozialanthropologie, Wirt- schafts- und Gesellschaftsgeschichte), aber auch überraschendere wie die in Genf angesehene Schule für Übersetzen und Dolmetschen oder die Fakultät für Geis- teswissenschaften, Recht, Erziehungswissenschaften oder auch die Hochschulen im Sozial- und Managementbereich .
Diese Vielzahl an Herkünften wird vollumfänglich in Kauf genommen, da das Aufnahmeverfahren theoretisch zwar eine stärkere Filterung erlauben würde, was jedoch ethische Probleme mit sich bringen würde . Tatsächlich gilt der Master in Sozioökonomie seit seiner Schaffung als ein Aufbaustudium, also als offen und ohne jegliche Vorbedingung für alle Bachelorstudierenden der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, ganz gleich, über welches Grundstudium oder über welche Resultate sie verfügen . Alle übrigen Studierenden, auch solche von Fakultäten, die denen in der Schweiz oder anderswo gleichen, müssen ein Dossier einreichen, das von einem Ausschuss geprüft wird . Wir sind stets der Ansicht gewesen, dass der Gerechtigkeit halber die Konsekutivitätsregel gelten und jene Studierenden selbstverständlich zugelassen werden sollten, die über ein inhaltlich ähnliches Diplom verfügen wie jene unserer Fakultät . Von Fall zu Fall wird lediglich geprüft, ob minimale Kenntnisse in Soziologie, Wirtschaft und Statistik vorhanden sind . Andernfalls werden zusätzliche Anforderungen gestellt, also Bachelorkurse, die im ersten Masterjahr besucht und bestanden werden müssen und die neben den 90 Credits für den Master obligatorisch sind . Des Weiteren gelten dieselben Prinzipien, wenn Anfragen von anderen Fakultäten oder von Hochschulen kommen, obschon diese Studierenden ihre Motivation vielfach antizipiert und bewiesen haben, indem sie in ihren Bachelor-Wahlfächern Kurse in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften belegten und ihre Brücke somit selbst bauten .
Die interessanteste Frage schließlich ist jene nach ihrer Motivation . Die Antworten lassen auf eine Mischung aus Realismus und Idealismus schließen . Obschon der Begriff ein wenig merkwürdig klingt, so spielt das „pädagogische Produkt“, wie man es nennen könnte, klar eine Rolle, wie wir weiter oben zeigen . Die Struktur des Lehrplans räumt dem Wahlstudium zunächst viel Platz ein (30 von 90 ECTS), wodurch die Studierenden die Chance erhalten, ihre Ausbildung ihren Interessen und ihrem Berufswunsch gemäß zu gestalten . Die Möglichkeit, zu Studiengängen verschiedener Fach- oder Themenbereiche Zugang zu erhalten, sowie die Freiheit, sich in einem spezifischen Gegenstand oder einer bestimmten Disziplin zu spezia- lisieren, werden bei der Wahl der Sozioökonomie häufig als Beweggrund genannt . Diese Freiheit ist das Ergebnis der Entscheidung, den Studierenden zu vertrauen, dass sie das Beste für sich wählen . Einige haben ein großes Interessenspektrum und mischen . Andere nutzen die Gelegenheit und konzentrieren sich auf einen einzigen Bereich: Gender, Umweltthemen, Migration, Entwicklung oder aber die Nord-Süd-Beziehungen, Volkswirtschaft oder Management . Wenn sie so 21 von 30 Wahlstudien-Credits sammeln und ihre Masterarbeit oder ihr Praktikum samt Praktikumsbericht in diesem Gebiet machen, erhalten sie einen diesbezüglichen Vermerk, eine sogenannte „mention“, zusätzlich zu ihrem Abschlussdiplom . Dieser hat die Form eines offiziellen Schreibens, das sie ihrem Diplom beifügen können .
Ein zweiter Motivationsfaktor in Zusammenhang mit der Lehrplanstruktur ist ebendiese Möglichkeit, die Hochschullaufbahn mit einem Praktikum samt Prak- tikumsbericht anstelle der klassischen Masterarbeit abzuschließen . Dies fällt zu einem gewissen Maß ins Gewicht, wenn es darum geht, dass sich die Studierenden schlussendlich für Sozioökonomie entscheiden . Einerseits haben die meisten von ihnen bereits am Ende des Bachelorstudiums eine Arbeit geschrieben, die sich in ihrem Ansatz häufig auf die Theorie beschränkte . Andererseits erscheint ihnen ein Praktikum als konkretere Erfahrung, als eine unmittelbarere Umsetzung, die ihnen außerdem erlaubt, am Ende des Universitätsstudiengangs einen Fuß in die Berufsbranche ihrer Wahl zu setzen .
Dies verleiht dem Bereich eine berufliche Dimension, die ihn etwas von einer rein akademischen Ausrichtung entfernt, ihn aber dem sozialen Gefüge und den in den Studiengängen untersuchten Problematiken näherbringt . Diese Distanzierung darf jedoch nicht übertrieben werden . Die zahlreichen Studierenden, die sich für das Praktikum entscheiden, müssen darüber einen Bericht verfassen, der eine klassische universitäre Dimension beibehält . Dieser erfordert zugegeben weniger Literatur als eine Masterarbeit und eine größere Verankerung in der Praxis, ande- rerseits aber auch ein kritisches, überlegtes Vorgehen . Die Praktika sind übrigens vielfältiger Natur: in einem Unternehmen, einem öffentlichen Amt, der Sozial- und Solidarwirtschaft, in internationalen Organisationen und besonders im System der Vereinten Nationen in Genf, aber auch in zahlreichen NGOs in der Schweiz oder im Ausland (Indien, Kambodscha, Bolivien, Peru, Brasilien, Senegal, Burkina Faso, …) . Ein beredtes Beispiel liefert ein Student aus dem Management-Bachelor der angesehenen HEC Lausanne . Mit dem Wunsch, seinem Leben und seinem Studium einen anderen Sinn als die Gewinnmaximierung zu verleihen, kam er zur Sozioöko- nomie . Sein Praktikum absolvierte er bei einer Schweizer NGO, wo er die Betreuer persönlich kannte, an der Landesgrenze im Osten Ugandas, wo die blutige Armée du Seigneur wütete . Sie entwickelt in dieser sehr armen, von Konflikten geplagten Region originelle Mikrokredit-Projekte, die nicht auf Einzelpersonen, sondern auf Gruppen abzielen . Die Projekte gehen mit einer systematischen Schulung von Kaderleuten (Präsidenten, Sekretäre, Schatzmeister …) anhand von partizipativen Praktiken einher, mit dem Ziel, eine Zivilgesellschaft anzuregen . Die Vereinigung wollte ihre Maßnahmen von außen evaluieren lassen, natürlich ohne einen Teil ihrer Gelder für einen externen Berater auszugeben . Unser Student erfüllte diese Arbeit mit aller intellektuellen Freiheit, natürlich jedoch innerhalb des Gebietes und akademisch auf die Universität ausgerichtet . Inspiriert von der Erfahrung und mit dem Wunsch, den Leuten, mit denen er lebte, die ihn bei sich aufnahmen und berührten, von Nutzen zu sein, erstellte er letztlich einen Praktikumsbericht, der tatsächlich gleichwertig war wie eine Masterarbeit . Solche Ergebnisse, wo die
Studierenden mehr leisten, als sie müssten, sind bei einer Größenordnung von 30 bis 40% häufig . Natürlich bietet nicht jedes Praktikum derart bereichernde menschliche und intellektuelle Abenteuer, ermöglicht aber einen realitätsnahen Einblick in Berufsleben und kann daher manchmal Frustrationen und Enttäu- schungen bereithalten .
Zu durchdachten Motivationsfaktoren in Bezug auf die Lehrplanstruktur und die Möglichkeit, ein Praktikum zu machen, gesellen sich andere, immateriellere, die Ehrgeiz, ja Idealismus erkennen lassen . Unter den häufig von den Studieren- den genannten Motiven, die ihre Wahl der Sozioökonomie rechtfertigen, figuriert explizit das Anliegen, die ökonomische und soziale Dimension neu zu definieren:
„Ich habe ein ausgeprägtes Interesse an der Wirtschaft (ich interessierte mich während meines Bachelorstudiums für Wirtschafts- und Sozialgeschichte und verfolge auch das wirtschaftliche Tagesgeschehen aus der Nähe), aber es gelingt mir nicht, sie als ein Gebiet zu begreifen, das nicht zu den Geisteswissenschaften gehört . Die Wirtschaft sollte im Dienst der Menschen und der Gesellschaft stehen, nicht umgekehrt .“ (Student/in, 2011-2012)
Der Reflex, welcher der Schaffung des Bereichs zugrunde liegt, findet so auch bei den Studierenden ein Echo, denen es ein Anliegen ist, die sozialen Folgen der wirtschaftlichen Mechanismen zu berücksichtigen . Wiederholt Erwähnung findet die menschliche Dimension der Sozioökonomie: „Während meines Bachelors stellte ich fest, dass die menschliche und die soziale Seite zugunsten rein wirtschaftlicher Aspekte zu kurz kamen . Ich möchte mein Wissen zu Themen wie der Genderfrage vertiefen können, besonders im Rahmen der Arbeitsbeziehungen und zum Thema der Sozial- und Solidarwirtschaft .“ (Student/in, 2011-2012)
Der Wunsch, die sozialen Ungleichheiten zu verringern sowie nach einer – ebenso wiederholt genannten – sozial und wirtschaftlich nachhaltigen und fairen Entwicklung zeigt sich als Erweiterung dieser ersten Motivation . Die Problematik der Armut und der Beziehungen zwischen den Ländern des Nordens und des Südens stoßen auf das Interesse zahlreicher Studierender, die es schätzen, dass der Studiengang in konkreten und aktuellen Fragestellungen verankert ist . Die möglichen Berufsaussichten in Richtung internationale Organisationen oder NGOs scheinen ebenfalls ein wichtiges Wahlmotiv, in der Hoffnung, aus einer solchen Position heraus handeln zu können .
Alles in allem bringen die Studierenden der Sozioökonomie eine positive Ein- stellung mit . Sie bewahren den Ehrgeiz, mit ihrem Wissen und den Kompetenzen, die sie erwerben, einen Unterschied zu machen . Auch wenn dieser Idealismus durch ihren Realismus gemäßigt wird und sie alle reif genug sind, um zu wissen, dass sie nicht die Welt retten werden, ist das gemeinschaftliche Engagement, die Zivilcourage da . In dieser Hinsicht besteht eine Distanzierung von einer „reinen“, distanzierten
Wissenschaft, deren Zweck im reinen Verstehen liegt . Das Ziel für diese jungen Leute ist es anzuwenden, zu verstehen um zu handeln . Da diese Studierenden die Sozioökonomie unbestritten als eine Sozialwissenschaft mit politischem Zweck sehen, bringen uns solche Ambitionen zur Debatte zurück, die bereits hinsichtlich der „öffentlichen Soziologie“ sowie der von Michael Burawoy initiierten Kritik an der akademischen Soziologie erwähnt wurde . Die Vorwürfe lauten je nach Autor verschieden, richten sich aber insbesondere gegen eine akademische Welt, in der sich Soziologen an Soziologen wenden statt an die Gesellschaft und die Gruppen, aus denen diese besteht, gegen die geringe Anzahl von Soziologen unter den bekannten und anerkannten Intellektuellen, gegen die Hyperspezialisierung der Forschung und das Fehlen von Ambitionen und eines gesamtheitlichen Verständnisses, gegen die Technisierung und Methoden, derer man nicht immer Herr ist, gegen eine verringerte Fähigkeit, interdisziplinär zu arbeiten, gegen den Mythos einer Ob- jektivität, die die Distanzierung rechtfertigt etc . (Hirschhorn 2013; Burawoy 2009;
Clément et al . 2006) . Praktisch die gleichen Kritiken könnten Wort für Wort an die akademische Ökonomie in ihren vorherrschenden Strömungen gerichtet werden . Im einen wie auch im anderen Fall teilen wir die Ansicht jener, die den Abstieg der „moralischen Berufung“ (Hirschhorn 2013) oder der „öffentlichen Wurzeln“
(Burawoy 2009, S . 137), die Gesellschaft und die Wirtschaft zu erforschen, um diese zu verbessern, bedauern . Obschon dies einer unserer Ursprünge war, haften wir nicht – oder nicht alle – an den Strömungen der kritischen Soziologie, die jede Abwendung von reformatorischen Ambitionen stets verdammt haben . So versu- chen wir, nicht ohne eine gewisse Ambivalenz, eine Mittelposition einzunehmen . Ein wesentlicher Ansatzpunkt dafür ist die brutale Warnung Michael Burawoys, demzufolge man Studierende nicht als „leere Behälter, in die wir unser Wissen füllen, und ebenso wenig als unbeschriebene Blätter Papier, die wir mit unseren umfangreichen Kenntnissen bedecken“, betrachten sollte (2009, S . 126) . Er betont im Gegenteil die Wichtigkeit ihrer Lebenserfahrungen, ihrer Einbettung in histo- rische und soziale Kontexte, derer sie sich unbedingt bewusst werden wollen, um noch überlegtere Akteure ihres Lebens zu werden und in behäbigen Strukturen ein starkes Handlungsbewusstsein an den Tag legen (2009) . Alles in allem ist ihr zugleich maßvoller und reeller Idealismus ein anfänglicher Schatz, da er sie zu einer begeisterungsfähigen Gruppe macht; ein Schatz, der auf keinen Fall zerstört werden darf, sondern durch eine methodologische Ausbildung und eine kritische Reflektion angereichert werden muss, die sie selbst und ihre Ansichten einschließen . Dafür braucht es Studiengänge, die „sie dort abholen, wo sie sich befinden, nicht wo wir uns befinden“ (Burawoy 2009, S . 126) . Im folgenden Abschnitt versuchen wir dies, in erster Linie am Beispiel des Sozioökonomie-Seminars, zu veranschaulichen .
14.4 Sozioökonomie unterrichten
Im Jahr 2006 machte Reinhold Hedtke eine wenig ermutigende Feststellung: „Most of the literature on interdisciplinarity refers to the level of interdisciplinary research;
from this discourse nearly nothing can be directly transferred to teaching and learning“ (S . 3) . Dennoch gab es seltene Ausnahmen . Ganz allgemein ausgedrückt untersucht das Buch von Darbellay und Paulsen (2011) die Herausforderungen, die die interdisziplinäre Forschung und Lehre an den Post-Bologna-Universitäten mit sich bringen . Im Besonderen handelte eine umfangreiche Ausgabe des San Diego Law Review im Jahr 2004 von der Einführung der Sozioökonomie in die in den USA beliebte bidisziplinäre Ausbildung in Recht und Ökonomie, mit einem natürlichen Interessenschwerpunkt auf Thematiken, die am Schnittpunkt der so vereinten zwei Perspektiven liegen, wie etwa Verträge und Vertragsparteien oder die Beziehung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern (Carbone 2004) .
Im Rahmen des Genfer Sozioökonomie-Masters war das Seminar das Laborato- rium, in dem nach dem Prinzip des Versuchs und Irrtums ein mehr oder weniger stabiles Modell entwickelt wurde . Als erstes Prinzip wird von Beginn an eine Definition der Sozioökonomie verweigert . Den Studierenden wird erklärt, dass sie es sind, die durch ihre Entscheidungen, ihre Arbeiten, auch durch die anderen Kurse, die sie belegen, ihr Verständnis im Lauf des gesamten akademischen Jahres aufbauen . Allerdings bringt das jene Studierenden ein wenig aus dem Konzept, die sehr rasch aus einer Liste von Büchern oder Themen jene auswählen müssen, die sie behandeln wollen . Die schriftliche Wiedergabe muss in Form einer kritischen Besprechung erfolgen, wie man sie in wissenschaftlichen Zeitschriften, manchen Sozioökonomie-Zeitschriften oder ausgezeichneten modellhaften Arbeiten ver- gangener Jahre findet .
Gemäß dem zweiten Prinzip werden die Studierenden in Gruppen eingeteilt, die im Seminar ein Thema vorstellen müssen, das sie verbindet . So bildet ihre anfängli- che Entscheidung die Grundlage, anhand der die Lehrenden den interdisziplinären Einstieg gestalten . Die Idee ist daher, dass die Arbeit der Gruppe Interdisziplinarität erfordert . Dennoch werden die Studierenden nicht so eingeteilt, dass mehrere ver- schiedene disziplinäre Ausbildungen zusammenkommen (Rege-Collet und Tardif 2008, S . 29), noch gemäß ihren persönlichen Neigungen; für die Einteilung ist ein geteiltes Interesse ausschlaggebend . Die Idee dahinter ist, dass die Arbeit im Team zwar nach wie vor wesentlich ist, dass sie sich aber in der realen Welt in einem er- zwungenen Rahmen abspielt . Also mit Personen, die man sich nicht aussucht, was eine – möglichst gegenseitige – Anpassung an die individuellen Umgangsformen und das individuelle Wissen bedingt . Wichtig ist zudem, dass die Studierenden ausdrücklich darüber informiert werden, dass sie nicht miteinander im Wettstreit
liegen . Die Seminar-Credits werden übrigens nicht nach einer linearen, sondern nach Boolescher Note (bestanden/nicht bestanden) vergeben .
Das dritte Prinzip: Die so gebildete Gruppe muss keine Reihe präziser Themen (die Besprechung der anfangs gewählten Bücher) vorstellen, sondern ein ihnen zugeteiltes Thema . Es handelt sich dabei um eine mündliche Präsentation im Seminar, wofür der Gruppe eine Lektion von 2 Stunden zur Verfügung steht, die sie frei gestaltet . Dabei können alle Gruppenmitglieder zu Wort kommen oder auch nur einzelne von ihnen; die Präsentation kann in ihrer Form einem gewissen Akademismus entsprechen oder auch in einem ungezwungeneren, von den Medien inspirierten Format (Nachrichtensendung) oder in einem Rollenspiel (Debatte in einer Kommission der Vereinten Nationen) Ausdruck finden . Dies verweist erneut auf die Debatte zur öffentlichen Soziologie, die darauf bestanden hat, dass es nötig ist, aus dem universitären Unter-Sich-Sein herauszutreten, „Vermittler“
zu schaffen (Hirschhorn 2013, S . 3) . In einer akademischen Welt, in der es nach wie vor als Affront gilt, wie ein Journalist behandelt zu werden, und wo der So- zioökonomie eine tonangebende Expertenhaltung schlecht ansteht, muss man lernen zu kommunizieren, zu überzeugen, sich auszutauschen . Die Aufgabe hat eine gemeinschaftliche Dimension, da es sich um eine Gruppenarbeit vor einem wohlwollenden Publikum handelt, aber auch eine persönliche, da jeder seinen eigenen Kommunikationsstil finden muss .
Gemäß dem vierten Prinzip müssen die zugeteilten Themen jeder Gruppe Schnittstellen-Themen entsprechen, „komplexen Problemsituationen“ (Rege-Collet und Tardif 2008, S . 24), „Gegenständen mit mehreren Einstiegspunkten“ (Casilli 2011, S . 70) . Im Jahr 2012-2013 waren dies: „Die Entwicklung überdenken“, „Glo- balisierung denken“, „Bilder der Globalisierung“, „Verkauf [Marketing]“, „Armut im Norden und Süden“, „Eine andere Wirtschaft“, „Sozial- und Solidarwirtschaft/
Soziale Verantwortung von Unternehmen“, „Soziale Ungleichheit“, „Der Eintritt ins Erwachsenenalter: geschlechtliche Dynamiken“, „Nachhaltige Entwicklung“ . Die Gruppen werden angehalten, in ihrer Arbeit die disziplinären Perspektiven zu überschreiten, aber auch die verschiedenen Maßstäbe (Makro, Meso, Mikro) zu berücksichtigen . Darüber hinaus sind sie frei, sich diesen Themen, die ihren Interessen entspringen, nach eigenem Verständnis anzunähern .
Fünftes Prinzip: Debatten sind willkommen, bleiben aber bis zu einem gewissen Punkt eingeschränkt . Da die Dozierenden die zentralen Themen auswählen, vermei- den sie zunächst eine rein kritische Wahl . In der Ausgabe des San Diego Law Review von 2004, welche sich mit der Lehre der Sozioökonomie befasst, bestehen die darin mitwirkenden Ökonomen und Juristen auf der Notwendigkeit der Debatte, um die Ideen der Studierenden zu zerschlagen und das kritische Denken zu fördern, was jedoch nur funktionieren kann, wenn eine direkte Konfrontation gegensätzlicher
Ideologien vermieden wird . Insgesamt darf man sich also nicht damit zufrieden geben, die Grenzen des neoklassischen Ansatzes und seine Simplifizierungen aufzuzeigen; stattdessen muss die Falle zwanghafter Kritik vermieden werden, um vielmehr aufzuzeigen, wodurch ein sozioökonomisches Vorgehen überraschen kann – anhand von unterschiedlichen, originellen, zumindest nützlichen Erläuterungen, um die Reflexion zu nähren und den kritischen Geist zu kultivieren (Carbone 2004;
Harrison 2004) . Das Konfliktpotential in einer so heterogenen Gruppe wie jener der Genfer Sozioökonomie-Studierenden ist natürlich offensichtlich . Jedes Jahr gibt es Studierende, die mehr oder weniger extreme, post-marxistische oder neoliberale, Positionen vertreten . Dies sind heikle Momente, in denen die Dozierenden versu- chen müssen, einerseits das Recht zur Nichtkonformität zu respektieren, das in der Sozioökonomie von Karl Polanyi (Bugra 2005, S . 54) bis Amartya Sen (in der Form
„voice“ und „exit“, s . Bonvin und Farvaque 2008) eine lange Tradition genießt, und andererseits die gute Gesamtstimmung zu erhalten . Bis heute hat die Gruppe jedes Jahr starke Integrations- und Zusammenhaltsfähigkeiten bewiesen, was mitunter auch durch das Sozioökonomie-Seminar, einem regelmäßigen Treffpunkt und Informationsaustausch, gefördert wurde .
Im zweiten Semester wird von den Studierenden verlangt, auf einer halben Seite ihr „Traum“-Projekt zu skizzieren, das sie im zweiten Jahr am liebsten in einer Arbeit umsetzen würden . Ursprünglich war das Ziel ein organisatorisches . Es ging darum, die Suche nach Praktikumsplätzen vorwegzunehmen und unter den Lehrenden Supervisoren auszuwählen . Letztlich ist es aber Teil des vorrangigen Ziels des Seminars, das darin besteht, den Studierenden die Zeit und Muße zu geben, ihre eigene Definition der Sozioökonomie zu finden, deren Inhalte abzu- stecken, ihr einen Sinn zu verleihen . Jedes Jahr endet mit einer Schlusslektion, in der, von Polanyi bis zu Sen und einigen anderen, Elemente einer Geschichte des sozioökonomischen Denkens mit der Synthese der Gruppenpräsentationen und der Wahl der Studienobjekte, der Neigungen und Ambitionen der Studierenden vermengt werden .
Dieses „Bottom-up“- anstelle eines „Top-down“-Vorgehens soll sich so eng wie möglich an unsere Vision der Sozioökonomie richten . In einem unnatürlichen akademischen Rahmen ist dieses natürlich nicht völlig demokratisch, doch um den Titel von Polanyis letztem Kapitel in „La grande transformation“ aufzugreifen, nähert er sich aus einer Übung der „Freiheit in einer komplexen Welt“ .
Abb. 1 Umriss der Sozioökonomie im Jahrgang 2012-2013
Abbildung 1 zeigt ein Bild der Resultate von 2012-2013 . Links ist die Verringerung der sozialen Ungleichheiten – von der wir gesehen haben, dass sie für jene, die sich für das Sozioökonomie-Studium entschieden haben, eine starke Motivationsquelle war – anhand der Defi nition der Bevölkerungsgruppen nach Lebensalter und Geschlecht oder nach politischem Status ersichtlich . Rechts ist die menschliche Entwicklung in Form der Handlungsmöglichkeiten, von den Kinderrechten bis zur sozialen Verantwortung von Unternehmen, zu sehen . Die Th emen dazwischen drehen sich um den Gegensatz Wohlbefi nden und (Existenz-)Sicherheit versus Verwundbarkeit und dienen auch als Bindeglied . Die Studierenden, hier durch die Verwendung von Vornamen anonymisiert, interessieren sich also z . B . für die Gesundheit der Jugendlichen . Hingegen zeigte sich in diesem Jahrgang 2012-2013 niemand um die Alten besorgt, und die reproduktive Gesundheit, die die Studie- renden zuvor beschäft igte, löste nicht mehr dieselbe Begeisterung aus, während aber die Lebensmittelindustrie als neues Interessenfeld auft auchte . Die Resultate sind also von Jahr zu Jahr ein wenig verschieden, die Gesamtstruktur erweist sich jedoch als überaus stabil . Die Mischung aus anfänglichen Motivationen konfrontiert
mit einem akademischen Lehrjahr resultiert immer in einem persönlichen und gemeinschaftlichen Engagement für die Verringerung der sozialen Ungleichheiten und eine menschenwürdige Entwicklung anhand der Handlungsräume .
14.5 Und die Zukunft?
Natürlich gibt es noch andere Sozioökonomie-Ausbildungen . Ein Sozioökono- mie-Master wurde 2010/2011 an der Wirtschaftsuniversität Wien eingerichtet, ein weiterer ist eines von neun Masterprogrammen im Fachbereich Wirtschaftswis- senschaften an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen (Nürnberg) . Die Sozialwirtschaft hat ebenfalls ihre Masterstudiengänge, ob nun im holländischen Maastricht oder im spanischen Valencia . Ebenso ist die Administration Économique et Sociale an zahlreichen französischen Universitäten präsent, ganz abgesehen von spezialisierteren Ausbildungen etwa im sozioökonomischen Management der Unternehmen (in Lyon 3) oder in ruraler Wirtschaft und Soziologie (in Gembloux, Belgien, oder in Hanoi, Vietnam) . Dieses Kapitel konnte jedoch weder eine voll- ständige Beurteilung noch einen strukturierten vergleichenden Ansatz vornehmen . Es hat den Schwerpunkt auf die neu kontextualisierte Genfer Erfahrung gelegt, in der Hoffnung, dass diese Überlegungen anregen und auch darüber hinaus von Diensten sein können . Bevor wir am Ende dieses Beitrags angelangen, muss darauf hingewiesen werden, dass unser retrospektives Verfahren eine Geschichte, die vor allem eine Sache der Improvisation, der Bastelei, der Versuche und Fehler war, notwendigerweise verschönert . Es ist sehr befriedigend, auf Debatten wie jene zur öffentlichen Soziologie oder auf Forschungen zur Interdisziplinarität im Studiengang zu stoßen, die zeigen, dass wir nicht alles falsch gemacht haben . Aber all dies geschah eher später als früher, manchmal mittendrin . Auch wenn wir keine guten Planer gewesen sind: Kann man von nun an mehr voraussehen und die Zukunft voraus- denken? In der bereits mehrmals genannten Ausgabe des San Diego Law Review bestehen June Carbone (2004) in der Einleitung wie auch Jeffrey Harrison (2004) im Fazit auf strengen wissenschaftlichen Methoden als Legitimationsquelle . In dieser Beziehung hat die Genfer Sozioökonomie viel vom unmittelbaren Engagement der von Sen und seinem Wunsch, die menschliche Entwicklung zu messen, inspirierten Ökonometriker profitiert, aber auch von der Statistik in den Sozialwissenschaften und der Arbeit der Demografen mit ihrer mikroindividuellen und longitudinalen Perspektive, die in PAVIE und den damit verbundenen multivariaten Ansätzen zum Nachweis der „Kausalitäten des Wahrscheinlichen“ (Courgeau und Lelièvre 1989) verwendet wurde . Die Palette hat sich in den letzten Jahren um die Sequen-
zanalyse und deren holistische Perspektive sowie um die Netzwerkanalyse und die konfigurationelle Perspektive (Ritschard 2012; Widmer 2010) erweitert . Obschon diese Dynamik keineswegs aus der Sozioökonomie hervorgegangen ist, stellt sie Forscher an, die diese Gebiete unterrichten, und sie hat in einem der seltenen den Human- und Sozialwissenschaften in der Schweiz zugeteilten Kompetenzzentren gemündet, dem nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES, der die Verletzbar- keit im Verlauf des Lebens erforscht (Spini et al . 2013) . Wie Abbildung 1 gezeigt hat, setzen die Studierenden selbst die Verletzbarkeit sowie deren Gegenteil, das Wohlbefinden, in den Mittelpunkt der Vorgehensweisen und der Ambitionen der Sozioökonomie . Beim einen wie beim anderen handelt es sich um einen Überbegriff, ein ungenaues Konzept, dessen Definition sich je nach Perspektive ändert, ohne irgendeiner Disziplin anzugehören (Bal 2002) . Was würde sich besser eignen für die Praxis der Interdisziplinarität!
Diesen Dynamiken zum Trotz wird die Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwis- senschaften der Universität Genf ab dem 1 . Januar 2014 in zwei Teile aufgeteilt, von denen der eine Management und Wirtschaft vereint, der andere das ursprüngliche Ideal anhand eines Aufbaus mit den vier Disziplin-Säulen Politologie, Geografie, Soziologie und Politischer Ökonomie zu bewahren sucht . Die Sozioökonomie wird zum zweiten Block gehören, wobei sie dort keinen definierten Platz einnehmen wird und die Verbindung mit dem ersten nach Möglichkeit nicht gekappt werden soll . Ist der Weg der Institutionalisierung in diesem neuen Spannungsfeld eine Alternative? Vor beinahe einem Vierteljahrhundert plädierte Amitai Etzioni mit Nachdruck folgendermaßen: „Socio-economists should not act like shoemakers who have no time to make shoes for themselves . It is time to apply socio-econom- ics to the condition and dynamics of socio-economics . This entails recognizing that a change in paradigms is not merely an intellectual and socio-philosophical matter; paradigms have infrastructures that affect their dynamics . Presently, socio-economics lacks institutions to train socio-economists to serve both in the community at large (as managers instead of MBAs, as policy analysts instead of neoclassical economists, and so on), and as educators (in business and management schools as well as undergraduate and high school social science departments) . Socio-economics has rapidly advanced […] . Now, to complete the transformation, educational practices and job structures must be modified“ (Etzioni 1990, S . 347;
vgl . Etzioni in diesem Band, Abschnitt I) . Daran wäre nichts Neues noch beson- ders Skandalöses, da sich eine interdisziplinäre Praxis wie die Gender Studies auf diese Weise in Departementen oder anderen Strukturen institutionalisiert, um sich abzugrenzen und ihre Selbstreproduktion zu gewährleisten . Weiter zurück in der Vergangenheit wandelten sich auch offensichtlich interdisziplinäre Fächer wie Geografie und Geschichte zu eigenen Disziplinen .
Die Genfer Sozioökonomie sieht sich nun vor einer schmerzlichen Herausforde- rung: auf ihre Kohärenz verzichten um zu überleben, oder anderweitig überleben?