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Der Hirte, der das Leben gibt
ASKANI, Hans-Christoph
Abstract
Exégèse en vue de la prédication sur le texte biblique de Jean 11 "Je suis le bon berger".
ASKANI, Hans-Christoph. Der Hirte, der das Leben gibt. Göttinger Predigtmeditationen , 2015, vol. 69, no. 2, p. 237-246
Available at:
http://archive-ouverte.unige.ch/unige:46644
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Joh 1 1-1 9.4.2015 Misericordias
Hans Askani
, ... folgen sie ihrem Hirten auf die Weide des Lebens".1
Das Bildvom Hirten
,Die berühmte Hirtenrede", heiBt es immer wieder;2 und in der Tat, bei welchem Prediger, der den Text vor sich nimmt, bei welchem Horer, der ihn vor der Predigt gel esen.~ stellt si ch nicht als Reaktion ein: ,Ach ja, die Rede vom ,guten Hirten '!''?
Als wüssten wir schon, was sie letztlich sagt, als ware im Grunde evident, worauf sie hinauswill.
Warum ist sie aber eigentlich so berühmt? Vermutlich gibt es so etwas wie Urbilder, die der Menschheit eingepragt sind. Eine Mutter, die ihr Kind stillt; der Vater, der seinen Sohn oder seine Tochter an der Hand führt, sind solche Bilder. Auch wohl zwei Freunde, die sich nach langer Zeit und schweren Erfahrungen wieder begegnen.
Oder das Meer, wie es daliegt- unfassbar in seiner GroBe, als ware das Unendliche in die Welt gekommen.
Alle diese Bilder sprechen in einer erstaunlichen Unmittelbarkeit zu uns, in uns hinein - und vielleicht auch aus uns heraus. Wovon spricht das Bild vom ,guten Hirten"? Spricht es nicht davon, dass da einer für die anderen da ist; dass da einer mehr weiB als sie und dass er es für sie weiB; dass er sie führt, und dass sie gut geführt werden? Dass sie aufgehoben sind, weil er sie kennt? Dass die Fahrnis des Daseins- dank dieses Hirten, ihres Beschützers - nicht bis zu der Herde kommt?3
Das bloBe Evozieren des Bildes lasst eine ganze Reihe oder einen ganzen Kranz von Assoziationen si ch einstellen, die schon vor aller Erklarung, vor allem diskursiven Erfassen sprechen. Wohl darum ist also diese ,Hirtenrede" so ,berühmt", und wohl darum ist sie für uns auch so ,schon".
1 Michael Theobald, Das Evangelium nach Johannes Kapitel1-12 übersetzt und erklart, Regens- burg 2009, 683.
2 Vgl. z. B. Jean Zumstein, L'Évangile selon Saint Jean (1-12), Genf 2014, 22: ,le fameux discours du bon berger".
3 Das Bild vom Hirten ist in der antiken Welt weitverbreitet. lm Alten Testament taucht es immer wieder auf, etwa: Gen 49,24; Num 27,17; Ps 23; Ps 78,70-72; Ps 79,13; Ps 95,7; Ps 100,3; Jes 40,10f.; Jer 31,10; Mi 2,12 usw.; besonders wichtig ist Ez 34; vgl. 37,24.
Gatt. Predigtrned. 69,237-246, ISSN (Printausgabe): 0340-6083, ISSN (online): 2197-0815
© 2015 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Gottingen
Das Bild flecken
Nun kann es aber dabei- allein- nicht bleiben. Warum nicht? Aus vielerlei Grün den.
Der erste und grundsatzlichste ist der, dass das bloEe Evozieren von Bildern dem nicht Genüge tut, dass menschliches Leben sich in Komplikationen verstrickt, die eine explizite Rede erfordern; eine Rede, die ein Für und Wider kennt, die Argumente will, die zu verstehen und zu erproben, zu fragen und zu hinterfragen begehrt. Wie menschliche Existenz sich in der Zeit erstreckt, so ,will" sie Gedanken, die sich in der Zeit entwickeln lassen und ihr standhalten.
Ist der Hirte denn wirklich gut? Konnte es ist der Hirte denn wirklich nicht sein, dass er ein falscher ist? Gibt es das denn - unter erwachsenen Menschen -, dass einer im Entscheidenden mehr weiE als die anderen? Und wollen wir denn geführt werden? Wollen wir wenn schon- nicht selber unsere Führer sein?
Auch der johanneische Text stellt sich dem, dass über das reine Evozieren von Bil- dern hinaus mehr sein muss, mehr an Ausführlichkeit, Deutlichkeit und auch Schwie- rigkeit. So spricht Joh 10 von Dieben und Raubern, von Wolfen und schlieElich von Hirten, die es nicht mit dem Herzen sind (den ,Mietlingen", wie es bei Luther heiEt).
Wer die vorgegebene Perikope eingehender studiert, st6Et auf Probleme anderer Art. Ich erwahne nur einige im Durchgang von Vers zu Vers.
V. 11: ,Ich bin der gu te Hirte. Der gu te Hirte lasst sein Le ben für die Schafe. "4 Stimmt das denn? Im Normalfalllebt der Hirte vom Hüten sein er Schafe- und nicht er stirbt für sie. Und im Normalfall wird er auch nicht vergessen, dass in der Gefahr sein Leben mehr wert ist als das der Schafe.
V. 14f.: ,[ ... ] und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater". Dieser Ausweitung auf das Verhaltnis von Vater und Sohn hatte das Bild (auch die Bild-Rede als solche) gar nicht bedurft!
Es spielt hier ein Hintergrund herein, der im Bild selber nicht mehr aufgeht.
V. 16: ,Und ich habe noch andere Schafe [ ... ] und es wird eine Herde und ein Hirte werden." Auch hier wird das Bild ausgedehnt, offenbar von einer Problematik her, die den oder die Verfasser anderweitig umgetrieben haben muss.5
V. 28: ,[ ... ]und ich gebe ihnen das ewige Leben [ ... ]". Das hat dann doch wohl mit den Schafen nichts mehr zu tun (nicht einmal im bildlichen Sinn).
V. 29: ,Mein Vater [ ... ] ist groEer als alles[ ... ]." Es ist, als würde der Text immer Es ist, ais würde der Text ins
Dogmatische entgleiten, entgleisen.
,theologischer" (schultheologischer, denn theologisch ist ja auch das Bild schon), als würde er sozusagen ins Dogmatische ent- gleiten, entgleisen. - Es sei denn (und all
4 Im griechischen Text heiBt es <~v lJ.illXTJV a\nou Th'h]ow, ,Er setzt sein Leben ein fur die Schafe".
Der Fortgang des Textes (v. a. V.18) zeigt aber, dass es sich immer mehr zuspitzt, dass es letztlich tatsachlich um ein ,Lassen", ein ,Hingeben" geht.
5 Dass V. 16c a us der Perikope ,herausgeschnitten" wurde, wird wohl bedeuten, dass die Thematik der Einheit (der Kirche) nicht auch noch im Zentrum der Predigt stehen soll.
die die wir deuten vielleicht darauf er kime vom
Theologischen, vom ,Dogmatischen" schon her.
aller Art
Auf exegetischer Ebene (soweit sie für die Predigt von Relevanz sein wird) stellt der Text uns vor drei Fragenkomplexe. Sie betreffen ( 1) seine Struktur und Einbettung in den Kontext, (2) seine literarische Gattung und (3) (damit zusammenhangend) die Deutung, die Identifizierung einzelner Elemente: Wer sind die Schafe, wer ist der ,Mietling", für wen steht der Wolf?
Ad 1. Wenn ich eine personliche Vorbemerkung machen darf: Als sozusagen stellver- tretender Prediger hat mich die Tatsache, diesen Text vor mir zu haben, zunachst einfach gefreut. Noch ohne ihn wieder zu lesen (jeder kennt ihn ja), sagte ich mir: Er ist menschlich berührend, literarisch schon, theologisch tief. Was will man mehr!
Ausführliches Studium der Kommentare hat mich belehrt: Er ist auch ,saumaEig"
schwierig. Nun stellen sich für die Predigtvorbereitung die traditions- und redak- tionsgeschichtlichen sowie die quellenkritischen Fragen nicht um ihrer selbst will en, sondern nur um dessetwillen, was sie theologisch dann auch austragen; aber eben um des Theologischen willen kommen wir nicht um sie herum.
Die Schwierigkeit beginnt schon mit der vorgegebenen Abgrenzung der Perikope:
V.ll-16b(27-30).
a) ,(27-30)"- soll ich die in der Klammer angegebenen Verse mit hinzunehmen oder nicht? Die Frage stellt sich umso dringlicher, als diese Verse nicht an den zunachst angegebenen Text direkt anschlieEen, sondern einen ganzen Passus überspringen.
b) Warum denn mitten im Vers 16 aufhoren? Wir haben es schon gesagt: Weil die offenbar ekklesiologische Thematik der Einheit der Kirche nicht auch noch hin- eingenommen werden soll. Aber warum überhaupt mit V. 16 aufhoren? Gehoren nicht die Verse 17-18 noch dazu? Ja, ware der Text nicht viel organischer, wenn V. 16, der nachtraglich eingefügt wurde, ausgelassen würde, da nicht er, sondern V.17 und 18 die Aussage von V.15 weiterführen?
Man kann freilich immer sagen: Begnügen wir uns mit der kanonischen Gestalt des Textes, halten wir uns an den vorgeschlagenen Textabschnitt! Das werden wir natür- lich auch machen; es kann aber von der Einsicht nicht entbinden, dass der Textab- schnitt selber Probleme seiner Abgrenzung und seiner Koharenz aufwirft!
Diese Probleme beginnen damit, dass nicht evident ist, wie Kapitel10 an Kapitel9 anschlieEt. Joh 10,1 setzt im Verhaltnis zu Joh 9,39--41 abrupt ein; Joh 10,19 unterbricht den Zusammenhang der Hirten-,Thematik" gewaltsam, wohingegen es vollig orga- nisch an Joh 9,41 anschlieEen würde. Wilckens und zahlreiche andere Ausleger gehen davon a us, dass hier eine ursprüngliche Ordnung durcheinander kam. 6 Wir müssen sie 6 ,Die Schwierigkeit lost sich, wenn man auch hier vermutet, dass im Urexemplar des Johannes-
evangeliums das Blatt, auf dem 10,1-18 stand, an falsche Stelle geraten ist und ursprünglich zu
240 Joh 10,ll-16b(27-30)
nicht aber ein Blick auf sie hilft uns, den inneren von Joh 10 deutlicher zu erkennen. Ich empfehle darum, das Ka pite! nach der von Wilclœns vorgeschlagenen Disposition einmal zu !esen. Es wird dann fur den Prediger einleuch- tender, warum die Verse 27-30 tatsachlich miteinzubeziehen sind.
Auch innerhalb der Hirtenrede selbst gibt es erhebliche Spannungen; am auffal- lendsten ist die zwischen den bei den Ich-bin-Worten: einerseits ,Ich bin die Tür"
(V. 7 und 9), andererseits ,Ich bin der gute Hirte" (V. 11 und 14). Literarisch sind beide nicht miteinander auszugleichen, theologisch ist aber beiden- und auch bei- den zusammen - ein Sinn abzugewinnen.
Die literarische Diskrepanz sti:iBt uns auf ein exegetisches Problem, das für das Verstandnis von entscheidender Bedeutung ist: In welchem Verhaltnis stehen die Ver- se 1-5 zu den Versen 7-18?7 Michael Theobald geht davon aus, dass in den Versen 1-5 das ,Basisgleichnis" vorliegt,8 ZU dem die Verse 7-18 die Deutung geben. In ahn- licher Weise wird die Struktur von jean Zumstein gefasst.9
Aus zwei Gründen halte ich diese Interpretation für unangemessen: erstens wegen der eben angedeuteten Verschiebung der Metaphorik (Tür- Hirte), zweitens, weil mit V. llff. eine theologische Thematik hereinkommt, die jene von V. 1-5 (wenn auch wesentliche Elemente in beiden Abschnitten auftauchen)10 eindeutig über- schreitet und überbietet. So gibt es zu denken, dass der literarisch sensibelste und theologisch gewichtigste unter den ,neueren" Exegeten, Rudolf Bultmann, erwagt, die Verse 11-13 am Anfang zu lozieren.U Die ganze Rede beganne dann nicht mit der Gegenüberstellung des Hirten zu den Widersachern, sondern mit der Identifizie- rung des Hirten von sein er Sendung her; jener Sen dung, die in sein er Lebenshingabe letztlich ihren Sinn und ihre Vollendung hat.
Ad 2. Die zweite exegetisch bedeutsame Frage ist die nach der literarischen Gattung dieser Passagen. Es ist offensichtlich, dass einerseits bildhafte, andererseits begriffli- che Rede einander abli:isen, ja bis zu einem gewissen Grad einander durchdringen.
Wie sind aber die im engeren Sinn poetischen Einheiten naher zu bestimmen? Han- delt es sich um Allegorie(n) oder Gleichnis(se)?12 Um Gleichnisse im strengen Sinn kann es sich nicht handeln, da für ein Gleichnis der erzahlerische Vorgang zu wenig
10,22ff. gehort hat, etwazwischen V. 26 und V. 27. Dann schlieBt 10,19-21 an 9,41 an und bildet den dort vermissten Abschluss der Diskussion über die Blindenheilung. Ais neuer Abschnitt folgt danach 10,22-26.1-18.27-39" (Ulrich Wilckens, Das Neue Testament. Übersetzt und kommen- tiert. Zürich/Einsiedeln/Koln 71983, 350).
7 Wobei fur V. 7-18 sich wieder zwei Abschnitte ausmachen lassen: 7-10 und 11-18( + 27-30).
8 Theobald (Anm. 1), 662, 672f., 675, vgl. 666.
9 Zumstein (Anm. 2), 336, ahnlich 337,341.
10 So insbesondere die Stichworte der ,Stimme" (V. 4.5.16.27) und des ,Erkennens"
(V. 4.14.15.27).
11 Rudolf Bultmann, Das Evangelium des Johannes (KEK), Gottingen [1941] 201978,276. Ais Rei- henfolge ergibt sich dann: Joh 10,11-13.1-10.14-18.27-30. Auch wenn man fur eine Predigt bei der traditionellen Abfolge bleiben wird, lohnt es, si ch die Hirtenrede einmal in dieser Anordnung vor Augen zu fuhren.
12 Die Frage wird bei den meisten Kommentatoren explizit diskutiert.
Misericordias Do mini- 19.4.2015 241
ausgearbeitet ist. Andererseits die Rede als Allegorie zu verstehen, d. h. jedem ihrer Elemente eine symbolische Bedeutung zuzuschreiben, würde heiBen, das Verstandnis allzu sehr einzuengen. Schon Calvin hat dies treffend als Gefahr erkannt: ,Ti:iricht handeln meiner Meinung nach die, welche die einzelnen Teile dieses Gleichnisses allzu scharfsinnig auszudeuten versuchen."13 Man wird dementsprechend gut daran tun, sich mit der vagen Kategorisierung zu begnügen, dass es sich um eine ,Bildrede"
handelt.14
Ad 3. Wir sind damit bei der dritten Frage angekommen: Wer sind eigentlich die Schafe, die Tagelohner, der Wolf, die Diebe und Rauber? Wenn man die negativen Figuren, von den en si ch der ,gu te Hirte" ( 6 noq..tl]v 6 xaÀÔÇ) abhebt, sei es auf die Pharisaer, sei es auf andere jüdische Autoritaten, sei auf Stürenfriede innerhalb der johanneischen Gemeinde deutet, dann ergeben si ch nicht nur Unstimmigkeiten ( was soUte es etwa heiBen, dass die Pharisaer nicht durch die Tür in die Hürde kommen?), es wird damit auch- und das ist viel wichtiger- ein hermeneutischer Ansatz einge- führt, der sich von dieser Rede des johanneischen Jesus gar nichts Nenes mehr sagen lasst, da er ja die Konstellationen und Frontstellungen, um die es hier gehen soll, bereits kennt. Es würde dann durch die Rede nur nochmals herausgestellt, was der Ausleger sowieso schon weiB, namlich dass Jesus -und nicht andere Usurpatoren- der wahre Hirte ist.
Geht es aber nur darum, entfal- tet die bildliche Rede mit all ihren theologischen Durchdringungen nicht einen weiteren und auch tie- feren Horizont, namlich die Frage:
•.• nicht mn wer er ist, sondem warum er ist, und was es bedeutet, dass er und nicht
ein anderer es ist?
nicht nur wer er ist, sondern warum er es ist, und was es bedeutet, dass er und nicht ein anderer es ist? Wenn die berühmte Hirtenrede uns wirklich nichts Nenes zu sagen batte, dann brauchten wir über sie auch nicht zu predigen!
Was macht den guten Hirten gut?
Ob die Verse llff. nun, wie Bultmann postuliert, an den Anfang der Hirtenrede ge- baren, oder ob sie ihren Platz an der Stelle hab en, an der sie überliefert sind, in jedem Fall erfolgt hier ein groBer Einsatz. Der johanneische Jesus offenbart sich als der, der er ist im Verhaltnis zu ,den Seinen". ,,Ich bin der gute Hirte." Das Entscheidende an diesem Status und an der Beziehung, die durch ihn gestiftet ist, wird sogleich im 13 Johannes Calvin, Auslegung des Johannes-Evangeliums, übers. von Martin Trebesius und Hans
Christian Petersen, Neukirchen-Vluyn 1964, 260.
14 So Udo Schnelle, Das Evangelium nach Johannes (ThHK 4), Leipzig 32004, 196; vgl. Zumstein (Anm. 2), 336: ,discours parabolique ou imagé"; Theobald (Anm. 1), 664, spricht von einer ,Mischform". Anders Bultmann (Anm. 11), der die Frage Gleichnis oder Allegorie diskutiert und eindeutig fur Gleichnis optiert (282f.).
folgenden Satz ausgedrückt: ,Der gute Hirte lasst sein Leben fur die Schafe." Nach den der Perikope vorangehenden Versen, aber auch nach den auf diesen Satz folgen- den Versen, bedarf es eines Kriteriums, das zu entscheiden erlaubt, ob der, der dies von sich behauptet, wirklich der gute Hirte ist. Dies Kriterium besteht- der Gegen- satz zum Mietling bringt es an den Tag - darin, dass der Hirte sein Leben fur die Schafe einsetzt. Dies Kriterium ist das ist nicht zu verkennen - unüberbietbar, es ist von solcher Scharfe, dass es Eindeutigkeit herstellt.
Bis zu dieser Stelle befinden wir uns immer noch in der bildlichen Rede, die mit der Erwahnung des Lebenseinsatzes als Kriterium ihren hochsten Punkt erreicht, über den hinaus mehr zu sagen nicht mehr moglich ist. Aber eben da gerade auf diesem Hohepunkt- bricht an der Stimmigkeit des Bildes etwas auf. Setzt denn wirk- lich ein Hirte sein Leben fur die Herde ein? Sagen wir es ganz vorsichtig: sein Hirte- Sein besteht wohl im Idealfall darin, dass er sein Le ben einzusetzen bereit ware ( dass er in der Gefahr nicht davon lauft). Und der griechische Ausdruck l:Î]V 1J.I1JXTJV a{noü
'tt&rjGtV hei.Bt zunachst auch genau ,das Leben einsetzen".15 Wenn Luther übersetzt ,Der gute Hirte lasst sein Leben fur die Schafe"16, dann ist das also ungenau; jeden- falls auf den ersten Blick. Und doch fragen wir uns, ob er nicht Recht hat. Denn ist es nicht erstaunlich: Wenn wir die Hirtenrede horen, sto.Bt uns an dieser Formulie- rung (an dieser Übersetzung) nichts auf, was uns falsch erschiene, obwohl sie cloch das Bild in sein er Stimmigkeit überspannt. Woher kommt das? Es kommt daher, dass wir wissen, dass hier nicht von irgendeinem Hirten die Rede ist, sondern von jenem ganz speziellen Hirten, der gekreuzigt werden wird, ja, der der Gekreuzigte ist. Und so kommt es nicht von ungefahr, dass obwohl die griechische Formulierung von V. 11 in V. 15 und 17 im gleichen Wortlaut wiederkehrt, sie dort eben den Sinn von ,das Leben lassen", ,das Leben hingeben" hat. Luther hat also, obwohl vordergründig un- genau, haarscharf übersetzt, was gemeint ist. Der gu te Hirte, dieser gu te Hirte, der in dieser Weise einzige gu te Hirte, gibt sein Leben fur die Schafe.
Das Bild vom Hirten und sein er Herde war so traulich, so friedlich. Auf einmal pas- siert etwas ganz Merkwürdiges mit ihm: Inmitten dieser Traulichkeit und in ihrer Voll- endung (dort, wo das unüberbietbare Behüten angesprochen wird), wird das Bild auf- gesprengt. Das hat seinen theologischen Grund darin, dass es von zwei Seiten zugleich her konzipiert ist, von zwei ,Urszenen": der der Weide, auf der der Hirte seine Schafe bewacht und umsorgt, und der des Kreuzes, an dem der Messias stirbt. Die beiden Bilder schieben sich übereinander17 und sieversetzen den, der es sich ihnen gegenüber gemüt- lich gemacht hat, aus seiner Beschaulichkeit und wohl auch a us sich selber heraus.
Der Hirte, dieser Hirte, der ,gute Hirte", der Hirte, an dem sich das Gut-Sein des Hirten in Wahrheit bestimmt, dieser Hirte setzt sein Leben fur die Schafe nicht nur
15 NachX. Léon-Dufour, Lecture de l'Évangile selon Jean, Parole de Dieu, 4 Bande, Paris 1987-1996, Bd. Il, 369, und ihm folgend Zumstein (Anm. 2), 343, hei.Gt es gerade nicht ,sein Leben lassen".
16 Revidierter Text von 1984; in der übersetzung von 1545 hei.Gt es: ,Ein guter Hirte lesset sein Le ben fur die Schafe."
17 Zumstein (Anm. 2, 343) hat dafür einen sehr sprechenden Ausdruck: die natürliche Hirten-Szene sei ,surimpressionné" durch das Wissen um den Ausgang des Lebens Jesu.
ein, ist nicht nur bereit, fur sie zu sterben; nein, er wird fur sie sterben, genauer- wir wissen es ja- er ist schon fur sie gestorben.
, .•• und ich ken ne die und die Meinen kennen mich"
Man kann die Rede vom ,guten Hirten ", so wie sie in den Versen 11 ff. gegeben ist, nicht einfach als in sich stimmige Bildrede lesen oder horen. Das Besondere an ihr im Vergleich zu man ch anderen Gleichnissen ist, dass es- abgesehen vom Ursprungs- bild (Hirt und Schafe) - eine unmittelbare, naive Verstehensebene hier nicht gibt
(spatestens der Übergang von V. 14 zu V. 15 macht dies unüberhorbar). So bilden sich für ein eingehendes Horen oder Lesen theologische Schwerpunkte aus, um die die Gedanken und Formulierungen kreisen, und die das Bild überragen.
Den einen dieser Schwerpunkte haben wir in einem erstenAnlaufkennengelernt: der gute Hirte- wer ist er eigentlich, und woran bewahrt sich sein Gut-, sein Hirtesein?
Der zweite Schwerpunkt wird mit V. 14 eingeführt (von V. 4 und 5 vorbereitet), es ist der des gegenseitigen Kennens von Hirte und Schafen.
Der dritte wird ab V. 15 zum Thema, wird in V. 17 vertieft und in den Versen 29-30 zum Abschluss gebracht, es ist der des Verhaltnisses des Sohnes (des Logos) zum Vater.
Nicht nur fur das Bild von Hirte und Herde, auch fur die johanneische Theologie spielt das Thema des Kennens, des Erkennens eine entscheidende Rolle. In der Tat, vielleicht mehr noch als der Schutz, den der Hirte seinen Schafen gewahrt, ist es das Kennen jedes einzelnen, das die Zusammengehorigkeit von Hirt und Herde aus- macht und ihren jeweiligen Status determiniert. Wie immer wieder betont, ist dies Kennen nicht ein rein theoretisches, es ist ein personales, ein existentielles Kennen (bzw. Erkennen).18 Ein Erkennen, das Anerkenntnis und der Erkenntnis entspre- chendes Handeln impliziert.19 V. 27 und 28 kommt der Sinn dieses Erkennens am deutlichsten heraus: ,Meine Schafe horen meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir[ ... ] und niemand wird sie aus meiner Hand rei.Ben." Das Erkennen und Kennen ist letztlich ein gegenseitiges Sich-Angehoren: Die Schafe gehoren dem Hir- ten und er ihnen. Auch dieser Gedanke sprengt das Bild, in dem die Schafe des Hirten Besitz sind, und er dementsprechend fur sie da ist. Hier geht es um mehr: Sie gehoren sich an, sie sind unzertrennlich. Wie ist das moglich? Wie kommt es dahin? Wie kommt es so weit? Paradoxer Weise durch den Tod des Hirten. Er lasst sein Leben für die Schafe; dadurch wird er ihr Hirte (V. 11) -und dadurch werden sie seine Schafe. Sie sind also nicht einfach
seine Schafe, wie eine Herde einfach einem Hirten gehort. Ihr Einander-
... durch seinen Tod wird er ihr Hi rte, und sie werden seine Sc:hafe.
18 Vgl. Bultmann (Anm. 11), 290; Schnelle (Anm. 14), 199; Wilckens (Anm. 6), 396; Theobald (Anm. 1), 679.
19 Vgl. V. 4: ,nachfolgen", vgl. V. 27!
244 Joh 10,ll-16b(27-30) Angehoren fuhrt viel weiter, und kommt von viel wei ter her.
Bevor wir davon im nachsten Abschnitt handeln, fragen wir aber: Tragen sie, die Schafe, zu diesem Gehoren, das ein An-gehoren ist- ein wechselseitiges Angehoren - gar nichts bei? Ist es nur dies, dass der Hirte für sie gestorben ist? Nein, dies eine müssen sie cloch beitragen, dass sie ihn kennen. Dazu haben sie vor allem eins: seine ,Stimme" (V. 4.5.16.27) -und ihr Horen! In dieser Stimme aber horen sie seinen Tod mit. Sie müssen ihn mithoren. Warum? Weil er ja in seinem Tod erst ihr Hirte wurde. So verbindet si ch mit dem Hi:iren das Glauben. Glauben, dass dieser Tod für sie war (und nicht von ihnen weg), und dass dieser Hirte dadurch nicht weniger Hirte wird, sondern erst recht, erst ganz Hirte ist.
Das Sterben fur seine Schafe führt den Hirten - diesen Hirten ins Hirte-Sein hinein; das Horen auf die Stimme des Hirten fuhrt die Schafe in den Glauben hinein, der weiB, dass sie gerade im Tod - seinem Tod - ihm angehoren.
, ... wie mich mein Vater und ich kenne den Vater"
V. 14 und V. 15 haben eine Schlüsselrolle in dem Text. Wir haben es schon gesehen.
Der übergang zwischen ihnen fuhrt aus dem engeren Zusammenhang des Bildes hinaus. Damit aber kommt das dritte der groBen Themen dieser Perikope zur Spra- che: das Verhaltnis des Hirten zum ,Vater".
Worin gründet die Zusammengehorigkeit von Hirte und Herde? Gründet sie in sich selber? In rein weltlichen Verhaltnissen ist die Antwort klar. Sie gründet im Be- sitzverhaltnis und im Ethos des Hirten. Die Herde ist sein Eigentum; allein daraus erwachst aber noch nicht das innige Verhaltnis zwischen Schafer und Schafen. Es muss die Einstellung des Hirten hinzukommen, derentsprechend er sich fur seine Herde einsetzt. Aus beiden zusammen (Besitz und Ethos) entsteht erst das geradezu familiare Verhaltnis zwischen Hirt und Herde. Nach der Rede von Joh 10 aber ist das nicht alles. Auch die das Besitzverhaltnis übersteigende fursorgliche Haltung des Hir- ten wird überstiegen. Sie kommt nicht von ungefahr, sie kommt nicht von nichts.
Johannes gibt dafur zwei diskrete, aber nicht zu übersehende Hinweise: die Einlei- tung zu V. 15 und die zu V. 17. In beiden Versen wird der Zusammenhang mit dem Voraufgehenden hergestellt. V. 14 ,Ich bin der gu te Hirte und kenne die Mein en, und die Meinen kennen mich, (15) wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater."
Man darf das einleitende ,wie" in V. 15 nicht nur als vergleichend auffassen, sondern als begründend.20
Das Verhaltnis Jesu zu den Seinen hat also seinen Ursprung (und seinen Grund!) im Verhaltnis Gottes zu ihm. Die Schafe gehoren zum Hirten, wie und weil der Sohn zum Vater gehort. Auch hier geht es um ein Kennen im Sinne des gegenseitigen An-
20 Bultmann übersetzt prazise: ,[ ... ] auf Grund dessen, dass mich der Vater kennt und ich den Va ter kenne [ ... ]" (Anm. 11, 291); ahnlich Theobald (Anm. 1), 679. Andere Stellen, auf die Bult- mann verweist, belegen diesen Sprachgebrauch: ,13, 15.34; 15,9f.12 usw. bes. 17,11.21 ".
Misericordias Domini- 19.4.2015 245
Wenn die Schafe also zu Jesus als ihrem Hirten gehoren, dann weil der Vater dies will und dazu den Sohn erwahlt hat. ,Christus stellt sich hier einfach in die Mitte zwischen ihn [den Va ter] und uns, wie er ja das Band ist, das uns mit Go tt verbindet", schreibt Calvin.21 Über dies Band aber geht die Erwahlung des Sohnes durch den Vater bis auf die Herde. Gott selber macht uns in und über seinen Sohn zu den ,Sein en". Solchem Erwiihlen entspricht das Kennen und Anerkennen.
Den zweiten Hinweis gibt V. 17a, er schlieBt, da V. 16 Glosse ist, direkt an V. 15 an.,[ ... ] Und ich lasse mein Le ben für die Schafe. [ ... ] Darum liebtmich mein Vater, weil ich mein Leben lasse[ ... ]". Es gibt immer wieder im Johannes-Evangelium ge- drangte Formulierungen, die geradezu wie ein Gestus die Grundorientierung seiner Theologie zum Ausdruck bringen. ,Darum liebt mi ch mein Va ter" ist solch eine For- mulierung, solch ein Gestus. Gemeint ist nicht, dass der Sohn die Liebe des Vaters durch seine Lebenshingabe gewinnt; der Zusammenhang ist viel intimer. Die Liebe des Vaters zum Sohn und die Lebenshingabe sind im Grunde eins. Der Vater liebt den Sohn in dieser Hingabe, und der Sohn gibt sein Leben hin in dieser Liebe.
Das aber heiBt: In die Liebe zwischen Vater und Sohn ist die Welt eingeschlossen, in die der Sohn um der Liebe des Vaters willen kam. So auch geht die Liebe zwischen Vater und Sohn darauf, die, denen sie sich offenbart, die, die sie erkennen und glau- ben (die Liebe glauben!) in dies Liebesverhaltnis hineinzunehmen. Wenn es V. 28 heiBt: ,und ich gebe ihnen das ewige Leben", dann ist wohl eben dies gemeint.22 Urbild und Bildrede
Ich ha be am Anfang von Urbildern der Menschheit gesprochen. Das Bild vom Hirten, der seine Herde beschützt, der unzertrennlich mit ihr zusammengehort, ist eines da- von. Die ,Hirtenrede" des Johannesevangeliums evoziert dieses Bild; seine suggestive Kraft wirkt auch in ihr.
Urbilder gehoren zum menschlichen Existieren in seinem stets überforderten Ver- such, sich in der Welt zu orientieren, in ihr seinen Platz zu finden. Aber Menschsein ist zu komplex, als dass es bei Urbildern stehen bleiben konnte. Der Mensch muss hinaus aus der Geborgenheit dieser Bil-
der; sie müssen zur Rede werden. Rede setzt sich dem AuBersten aus, weil sie fur jeden Einwand offen ist.
Genau das geschieht in der Hirtenrede
Der Mensch muss hinaus a us der
Gebora1mtte1t der Bilder; sie müssen :zur Rede werden.
von Joh 10. Das Bild wird gesprengt. Der Hirte, der cloch die Schafe beschützen soll (zu nichts anderem ist er ja Hirte), stirbt. Aber noch mehr: gerade indem er stirbt, wird er, ist er erst wirklich Hirte. In den Tod gegangen schützt er nun seine Herde, in den Tod gegangen macht er sie sich zu eigen.
21 AaO., 267, zitiert bei Wilclcens (Anm. 6), 397.
22 Vgl. V.10!
-Und in diesem Tod erkennen seine Schafe ibn und sich, als zum Leben bestimmt von dem, der den Hirten eingesetzt hat.
Prof. Dr. Hans Christoph Askani, geb. 1954, lehrt Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultat der Universitat Genf.
Faculté autonome de théologie protestante Université de Genève, Uni Bastions, 5 rue De-Candolle, CH -1211 Genève 4