Thermokraftmessungen
amSilberjodid
Von
K.Wagener
Mit3
Abbildungen
im Text (Eingegangenam 24. 2. 59)1.
Einleitung
Zur näheren Kenntnis der
Fehlordnungserscheinungen
und derElektrizitätsleitung
ima.-AgJ
unter höherenJoddampfdrucken
wurdenThermokraftmessungen
ausgeführt.
Das Interesse hierfürergab
sich,
als neuereMessungen
von Weiss1 ama.-AgJ
eineLeit-fähigkeitserhöhung
bis zu30°/0
unter derEinwirkung
vonJoddampf
zeigten.
DieseLeitfähigkeitszunahme
wurde auf dieBildung
von Defektelektronenzurückgeführt,
die bei der über dasstöchiometrische
Verhältnishinausgehenden
Aufnahme von Jod nach derGleichung
J2 (Gas)
ï>2J(chemisorb.)
¿±2J--f
2 e(Kristall)
gebildet
werden. Andererseits istbekannt,
daßAgJ
unter derEinwir-kung
vonJoddampf wägbare Mengen
von Jodaufnimmt,
und es erscheint nichtausgeschlossen,
daß alsFolge
davon sich auch dieKat-ionenbeweglichkeit
ändert. Eine beobachteteLeitfähigkeitsänderung
wäredann nicht mehr
eindeutig
einerÄnderung
derDefektelektronen-dichte zuzuschreiben.
Sind die WEissschen
Messungen (bezüglich
derElektronenüber-führungszahl
inJodatmosphäre)
quantitativ
richtig,
so sollte sich diese Tatsache auchinbeobachtbarerWeise in der thermo-chemischenBilanz,
wie sie von Reinhold für festeelektrolytische
Kettenauf-gestellt
wurde,
anzeigen.
Thermokraftmessungen am
Silberjodid
75Nach Reinhold2 läßt sich der
Temperaturkoeffizient
der EMK einesgalvanischen
Elements durch die Differenz der Thermokräftedarstellen,
die die aus den Elektroden und demElektrolyten
des Elementsgebildeten
Thermoketten besitzen:dEMK _ dE2 dE1 _ dT ~ TW~TW '
(>
wobeid EMK den
Temperaturkoeffizienten
der isothermen Ketted T
Me/MeX/X2
,
ddE^
die Thermokraft der KetteX2/MeX/X2
und^
die Thermokraft der KetteMe/MeX/Me
bedeuten. Für
AgCl
undAgBr
sind die erforderlichenMessungen
von Reinhold selbstausgeführt
worden2-3,
wobei sich im Rahmen derMeßgenauigkeit
gute
Übereinstimmung
nach(I)
ergab.
FürAgJ
wurde von Reinhold nur die ThermoketteAg/AgJ/Ag3
und dieTemperaturabhängigkeit
der EMK derBildungskette Ag/AgJ/J2
(Graphit)4
gemessen, so daß eineNachprüfung
nach(I)
bisher nichtmöglich
war.2.
Herstellung
derMeßproben,
Durchführung
undErgebnisse
derMessungen
Die
Thermokraftproben
wurden infolgender
Weisehergestellt:
als Elektroden dienten Platindrähte von
0,5
mmStärke,
die an denkontaktseitigen
Enden auf einerLänge
von etwa1,5
cm zu einer0,1
mmdicken und 2 bis3 mmbreiten Folieausgewalzt
wurden. Dieseausgewalzten
Enden wurden alsdann zu einer in derLängsrichtung
verlaufenden Rinnegefalzt.
Nachsorgfältigem Reinigen
undAusglühen
dersovorbereiteten Elektroden wurdeinihnenso vielvondem
später
verwendeten Silberdrahtgeschmolzen,
daß sieetwa zurHälftegefüllt
waren. In diese Schmelze wurde dann das Endedesspäter
zujodieren-den Drahtes
eingetaucht
und das Ganze zum Erstarrengebracht.
Diese
Silber-Platin-Kontaktierung
erwies sichauch nachdem Jodieren als sehrzuverlässig
und mechanisch äußerst haltbar.Die Silberdrähte der Proben hatten eine
Länge
von 10bis 15 cm und einen Durchmesser von0,3
mm. Der Silberdraht wurde von der2H.Reinhold,Z. Elektrochem. angew.
Firma W. C.
Heraeus,
Hanau,
bezogen
und hatte eine Mindestreinheitvon
99,99%.
Die so
hergestellte Pí-^á^-Pí-Kette
wurde nun in einT-förmiges
Glasrohr
eingeschmolzen,
dessenrechtwinklig
abstehender Schenkelzur Aufnahme des Jodvorrats diente. Das
Probengefäß
wurde mit einer hinreichendenMenge (doppelt sublimierten)
Jodes beschicktund mit dem noch offenen Ende über eine Kühlfalle an eine
Hoch-vakuumanlage angeschlossen.
Der erreichbareDampfdruck
wardurch denJoddampfdruck
beiZimmertemperatur
vorgegeben.
Es wurdenunetwa 20Minuten
evakuiert,
wobei natürlich ein Teil des Jodsheraus-gepumpt,
abergleichzeitig
derSauerstoffpartialdruck ständig
ver-mindert wurde.DassounterVakuum
abgeschmolzene
Probengefäß
zeigte
—wenn das Jodbei
Eistemperatur
kondensiertwurde—
ein kaum mehr sicht-bares Glimmleuchten im
Hochfrequenzfeld,
was einemDampfdruck
von etwa 10~2 Torr(dem
Joddampfdruck
bei0°C)
entspricht.
Derrestliche
Sauerstoffpartialdruck
muß also injedem
Fall kleiner als10~2 Torr gewesen sein.
Über
jeden
Schenkel wurde eindickwandiger Kupferrohrofen
ge-schoben. Die Enden und das Kreuzstück des Rohres wurden mitGlas-watte und Asbestkordel
abgedichtet.
DieTemperaturdifferenz
A T zwischen den Kontaktenwurde mit einem Differentialthermoelement bestimmt.Der
AgJ-E&àen
erwies sich trotz seinerbeträchtlichenLänge
und seinemgeringen
Querschnitt
als äußerst haltbar. Mit einer Probe wurde mehrere Stunden bei 520°C gemessen(Smp. AgJ
555°C),
ohne daßer zerstörtwurde.
Einige
Proben sind nach etlichen Messun-gen aus- undspäter
wiedereingebaut
worden,
wobei sie wieder genau die alten Meßwerteergaben.
Diegute
Übereinstimmung
der an meh-reren Proben gemessenen Werte sei besonders erwähnt.DerWiderstand der Thermokette
lag
in der a-Phase zwischen 103 und 104Ohm,
inderß-Phase
zwischen 107und 108 Ohm. DieThermo-spannungen wurden mit einem
Kompensator
gemessen und konnten in der a-Phase mühelos miteinerGenauigkeit
von 10~4ihresBetrages
bestimmt werden. In der
/?-Phase
lag
dieGenauigkeit
bei etwal°/0.
Amunsichersten sinddie
Messungen
in derß-Phase
beitiefenTempera-turen
(110°C)
und besonders beigeringem
Joddruck. Diese Werte könnenummehrere Prozentfalsch sein. DieMessungen
inderß-Phase
dienten nur zurOrientierung
undwerden bei der weiterenAuswertung
Thermokraftmessungenam Silberjodid 77
nicht
berücksichtigt.
DieStromempfindlichkeit
des bei denMessungen
inder
/3-Phase
verwandten Nullinstrumentsbetrug
10-11Amp/mm-m.
Einen EindruckvonderMeßgenauigkeit gibt
dasBeispiel
inAbb.1.Die
Abhängigkeit
der Thermokraftvonder mittlerenProbentemperatur
4
7-Abb.1. Thermokraft der Kette Pt/AgJ/Pt bei einem Joddampfdruck von
0,03Torr. Die Temperaturen sind die mittleren Probentemperaturen. Der
gesuchte Anstieg der Kurven wurde ermittelt durch
Berechnung
der „besten Geraden" durch dieMeßpunktenach derMethodederkleinstenFehlerquadrat-und dem
Joddampfdruck zeigen
die Abb.2 und 3. Stets war dieheiße Elektrode
negativ,
d. h. das Vorzeichen der Thermokraft ist nach der üblichen Schreibweisenegativ.
Besondere Aufmerksamkeit wurde bei der
Messung
daraufgerich-tet,
obHystereseerscheinungen
oderHemmungen
auftraten. Das ist mit Sicherheit nicht der Fall. MancheMeßpunkte
haben unterver-ändern. Die
Thermospannung
stellte sich in der a-Phasepraktisch
unmittelbar ein. Zu beachten ist nurdie
langsame
Gleichgewichtsver-einstellung
der ReaktionJ2 (Gas)
«äs 2J(Kristall)
in der/3-Phase.
DasSystem
wurde daher vorBeginn
derMessung
mehrere Stunden(oft
überNacht)
stehengelassen.
Gemessenwurde
grundsätzlich
nur,wennallebeobachteten Größen zeitlichvöllig
konstant waren.725° 200° 300° 400° 500°C 2 mV/°C + 7 7/7
Abb.2.
Abhängigkeit
derThermokraftvondermittlerenProbentemperatur
beiverschiedenenJoddampfdrucken 2 mV/°C '-2 -1 0 +1 +2 +3 -»-
log(Pj2)
PinmmHgAbb.3.AbhängigkeitderThermokraftvom
Joddampfdruck
für vierverschiedeneThermokraftmessungenam Silberjodid 79
Die Thermokraft des Metalls
(Platin)
ist umGrößenordnungen
kleiner als die desSalzes,
so daß eine(an
sichmögliche)
Korrekturunnötig
ist.Numerische
Ergebnisse
aus denMessungen
:Tabelle 1.AbhängigkeitderThermokraftvomJoddampfdruck(ausdenMessungen
der Abb.
3)
200° 250° 300° dEJdInP2
4,3• 10~5 F/grad 4,4 4,5-(F/R)(dE2/d
InPj.)
1/2 1/1,951/1,9
3. Diskussion der
Meßergebnisse
undPrüfung
der REiNHOLDschen
Beziehung
Zunächst ist die Präzision der
Potentialeinstellung
an derThermo-kette und die
ausgezeichnete Reproduzierbarkeit
derErgebnisse
her-vorzuheben. Wie Tab. 1
zeigt,
ist die zu erwartendeQuadratwurzel-beziehung
zwischen Thermokraft undJodpartialdruck
gut
erfüllt. ZurPrüfung
derBeziehung (I)
seiendieErgebnisse
vonReinholdmitgeteilt.
Die Thermokraft der KetteAg/AgJ/Ag
fand er3 zwischen420und 600°K
temperaturunabhängig
zudEx/dT
0,56
• 10-3V/°K
.Als
Temperaturkoeffizienten
der EMK derBildungskette Ag/AgJ/
J2(C)
ergibt
sich aus seinenMessungen4
dEUK/dT
=0,12
10"3V/°K
(für
PJt
= 1atm).
Der
Temperaturkoeffizient
wurde auf die verwendetenJod-partialdrucke
umgerechnet
nachEMK
(T,
Pj)
=EMK^Ä
+(RT/2F)
InPJs
;dEMK/dT
=(0,12
+
0,0992
log
PJt)
10~3V/°K
.Ein erster
Vergleich
dieser Werte(Spalte
f,
Tab.2)
mit denMeß-ergebnissen
beider Thermokettenzeigt
eine erheblicheDiskrepanz.
Wienämlich einekritische
Betrachtung
zeigt (diesen
Hinweis verdankeich Herrn Prof. Dr. C.
Wagner),
sind die REiNHOLDschenEMK-Messungen
an derBildungskette keineswegs
unter so definiertenBedingungen durchgeführt,
daß manihnen noch denTemperaturgang
mit Sicherheit entnehmen könnte.In der Tat liefert eine
Berechnung
desTemperaturkoeffizienten
einenWert,
der sich nachBetrag
und Vorzeichen von demunter-scheidet,
der sich aus den REiNHOLDschenMessungen ergibt.
DieGenauigkeit
der denBerechnungen zugrunde gelegten Entropiedaten
dürfte die hier
gestellten Forderungen
noch überschreiten.Mit Vorzeichen nach der Stockholm Convention
ergibt
sich(der
Index°gilt
fürPJt
= 1atm)
EMK°=-ir-AGc
dEMK° 1 dAG° , AS° dT F dT ' F(II)
dEMK p dT dEMKc dT l^K-
(Ha)
Für die numerische
Berechnung
von AS0 wurden die Daten aus National Bureau of Standards Circular500 und aus K. K.Kelley,
Bureau of Mines Bulletin 476(Washington
1949)
verwendet. Die so berechneten Werte vondEMW/dT (Spalte
g in Tab.2)
zeigen gute
Übereinstimmung
mit den Meßwerten anhand der REiNHOLDschenBeziehung (I).
Die verbleibenden kleinen Differenzen(Spalte
h in Tab.2)
gehen
mit wachsenderTemperatur
gegen Null. Dieser Befundentspricht
ganz denErfahrungen
beiAgCl
undAgBr.
DieAbsolut-beträge
derAbweichungen
sind kleiner als beiAgCl
und insbesondereAgBr.
Es tritt auch keinGang
derAbweichungen
inAbhängigkeit
vomJoddampfdruck
auf.Nach diesem
Ergebnis
dürfte selbst unter höherenJoddampf-drucken zumindest kein mit der
Ionenleitung vergleichbarer
elektroni-scherLeitungsanteil
vorliegen,
wie ihn dieWEissschenMessungen
schein-bar
anzeigten;
denn dieKetteAg/AgJ/Ag
hat—wieÜberführungsmes-sungen
zeigen
—keinen elektronischen
Leitungsanteil
und die GrößedEWK/dT
ist ebenfalls unter derVoraussetzung
reinerIonenleitung
berechnet worden.Thermokraftmessungen am
Silberjodid
<SITabelle2. Zusammenstellung der Ergebnisseund Vergleich nach der
Reinhold-schenBeziehung °K J-i [Torr] dE2/dT
J2/AgJ/J2
[mV/°K]
nachvor-liegender
ArbeitdEJdT
Agi
AgJ/Ag [mV/ °K] n.REiN-HOLD3 dEMK/d T Ag/AgJ/J2 [mV/°K] (c-d) Reinhold4 f ber.nach Gl. II g Diff. (e-g) 500c 600c 1000 60 24 1,4 3• 10"2 1000 60 24 1,4 3 • 10~2 (—1,05)* -1,18 — 1,22 — 1,3 — 1,50 — 0,95)* -1,07 — 1,11 — 1,19 — 1,40 — 0,56 — 0,56 -0,56 -0,56 — 0,56 — 0,56 — 0,56 -0,56 — 0,56 -0,56 -0,49 -0,62 -0,66 — 0,74 -0,94 -0,39 -0,51 — 0,55 -0,63 — 0,84 + 0,12 «0 -0,041 — 0,163 — 0,328 + 0,12 «0 — 0,041 — 0,163 — 0,328 0,379 -0,500 -0,539 -0,662 -0,827 -0,358 -0,479 -0,518 -0,641 -0,806 0,11 0,12 0,12 0,08 0,11 0,03 0,03 0,03 0,01 0,03*Aus denMeßwerten
extrapoliert.
Herrn Prof. Dr. W. Jost danke ich sehr für seinInteresse andieser Arbeit. Herzlicher Dank
gilt
auch Herrn Prof. Dr. C. Wagner fürwertvolle Hinweise zur
Auswertung
derMessungen.
Physikalisch-Chemisches
Institut derUniversität Zürich3H. Reinhold,Z. anorg. allg. Chem. 171 (1928) 181.
4H.
Reinhold, Z. Elektrochem. angew.