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Entstehung und Wesen der griechischen Polis

GIOVANNINI, Adalberto

GIOVANNINI, Adalberto. Entstehung und Wesen der griechischen Polis. In: Henkel, G.

Forschungen zur Stadtgeschichte . Opladen : Westdeutscher Verl., 1986.

Available at:

http://archive-ouverte.unige.ch/unige:91367

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lm Buchhandel nicht erhaltlich

Gerda Henkel Vorlesung

Forschungen zur Stadtgeschichte

Drei Vortrage

Adalberto Giovannini

Entstehung und W esen der griechischen Polis

Herausgegeben von der gemeinsamen Kommission der Rheinisch-Westfalischen Akademie der Wissenschaften und

der Gerda Henkel Stiftung

Westdeutscher Verlag 1986

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Entstehung und Wesen der griechischen Polis

von Adalberto Giovannini, Genf

Als ich von der Gerda Henkel Stiftung die ehrenvolle und schmeichelhafte Ein- ladung erhielt, einen Gastvortrag über die griechische Polis zu halten, war ich mir vollig bewuBt, daB ich vor einer besonders schwierigen Aufgabe stehen würde.

Denn es ist über dieses Thema sehr viel und von namhaften Gelehrten geschrieben worden, und es gibt heute mehrere Wissenschaftler, die darüber besser Auskunft erteilen konnen als ich.1 Die Ehre, vor Ihnen zu sprechen, habe ich dennoch ange- . nommen, weil mir gewisse Aspekte des Phanomens "Polis" seit

J

ahren zu denken

gegeben haben, Aspekte, die in der Forschung zu wenig und zum Teil gar nicht gewürdigt werden. So werde ich nicht versuchen, die griechische Polis in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit darzulegen (dies ware im Rahmen eines Vortrags auch nicht moglich), sondern ich werde sie absichtlich von einem bestimmten und etwas einseitigen Standpunkt betrachten.

Ganz allgemein definiert ist die Polis ein "Stadtstaat", das heiBt eine mehr oder weniger selbstandige Gemeinschaft, die eine Stadt oder zumindest ein Stadtchen als religiosen, politischen und wirtschaftlichen Mittelpunkt besitzt. So definiert ist der Stadtstaat keineswegs eine rein griechische Erscheinung. Stadte hat es im Vorderen Orient viel früher als in Griechenland gegeben. lm europaischen Mittelalter haben zahlreiche Gemeinden ihre Selbstandigkeit gewonnen und politische Formen ent- wickelt, die sich mit einer Polis durchaus vergleichen lassen. Noch heute gibt es zum Beispiel in der Schweiz Gemeinwesen ahnlicher Natur: Genf und Basel sind echte Stadtstaaten, wenngleich sie nicht vollkommen souveran sind, und die berühmten Landsgemeinden der Ostschweiz sind ofters mit den Volksversamm- lungen der alten Griechen verglichen worden. Trotzdem kann man die Polis als eine typisch griechische Staatsform betrachten, weil sie dort die übliche war und von den Griechen selbst als die für sie selbstverstandliche angesehen wurde. V or allem aufgrund seiner geographischen Gegebenheiten zediel Griechenland in eine Unzahl von meist sehr kleinen selbstandigen Poleis: wir kennen etwa zwolfhundert

1 Hier sei nur auf die wichtigsten Standardwerke hingewiesen: N. D. FusTEL DE CoULANGES, La Cité antique, Paris 1864; G. BusoLT, Griechische Staatskunde P, München 1920; G. GwTZ, La cité grecque, Paris 1928; V. EHRENBERG, Der Staat der Griechen2, Zürich!Stuttgart 1965; K.-W. WELWEI, Die griechische Polis, Stuttgart 1983.

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von ihnen mit Namen und wissen, da6 es noch viel mehr gegeben hat. Für die Griechen war das Leben in der Polis so selbstverstandlich, da6 sie sich die Ent- faltung des Menschen nur in diesem Rahmen vorstellen konnten. Schon bei Homer wurden die K yklopen, erschreckende Verkôrperungen des Barbarentums, als Geschôpfe bezeichnet, von denen jeder für sich lebe, ohne sich um die anderen zu kümmern, Geschôpfe, die weder Volksversammlungen noch Gerichtsbarkeit kennten (Od. IX 112-115). In der klassischen Zeit haben Staatstheoretiker und Philosophen den Menschen als ein politisches Wesen definiert (die Formel ist von Aristoteles), das hei6t ein Wesen, das von Natur aus für ein gemeinschaftliches Leben geboren ist und sich nur im Rahmen der Polis voll verwirklichen kann.

Deshalb war es für sie von entscheidender Bedeutung, die ideale Polis mit der idealen Verfassung zu gestalten. Deshalb spricht man noch heute von Politik, von politischem Denken usw.

W arum diese Staatsform auf den heutigen Menschen eine au6erordentliche Faszination ausübt, erklart sich von selbst. In einer Welt, wo so viele Menschen anonym in Gro6stadten leben, in denen jeder für sich wie die Kyklopen seinen Geschaften nachgeht, ohne sich um die anderen zu kümmern (ich übertreibe ein wenig), in einer W elt, wo die meisten Staaten so gewaltig sind, da6 der einzelne Bürger ein unheimliches Gefühl der Ohnmacht empfindet, erscheint die kleine, selbstandige Polis, wo jeder jeden kennt und wo jeder Bürger an ihrem Schicksal einen direkten Anteil hat, wie ein Traum. Die Polis ist ein Teil unserer Sehnsucht nach der schônen alten Vergangenheit, wobei wir uns bewu6t sein müssen, da6 die Wirklichkeit sicherlich nicht so schôn war, wie man es in manchen Büchern liest.

Die Forschung über die griechische Polis und ihre Entstehung geht auf die Politika des Aristoteles zurück, und sie ist von diesem W erk entscheidend - und oft unbe- wu6t - gepragt worden. Eben in diesem W erk definiert der berühmte Philosoph den Menschen als ein politisches W esen, ein (wàv :n:oA.t7:tx6v, und versucht, die best- môgliche Verfassung zu gestalten. Ziel der Polis sei das Wohlleben (ev (fjv) ihrer Angehôrigen, und die beste V erfassung sei diejenige, die dieses Ziel verwirkliche.

Am Anfang (Pol. 1252 a-b) beschreibt Aristoteles die Entstehung der Polis fol- genderma6en: Ausgangspunkt der Entwicklung ist die selbstandige Familie, die ursprünglichste Form des gemeinschaftlichen Lebens unter der ,kôniglichen"

Herrschaft des Hausherrn, von den Rômern pater familias genannt; mehrere auf einen gemeinsamen Ahnherrn zurückgehende Familien schlie6en sich dann in Dorfgemeinschaften zusammen, die vom Âltesten wie die Familien in kôniglicher Weise regiert werden; die Polis selbst entsteht durch den Zusammenschlu6 meh- rerer Dôrfer, die sich freiwillig der Autoritat eines Kônigs unterstellen. Dieser Zu- sammenschlu6 mehrerer Dôrfer, auf griechisch Synoikismos genannt, ist also für den Philosophen der für die Entstehung einer Polis entscheidende Moment:

danach ist die Polis einfach da. Die spatere Entwicklung schildert er ais eine V erfas-

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Entstehung und Wesen der griechischen Polis 13

sungsgeschichte, die das Gemeinwesen von der ursprünglichen Monarchie zur idealen V erfassung führt, und dies geschieht wie folgt: die Monarchie verfallt und verwandelt sich in eine gewaltsame Tyrannis; diese wird dann umgestürzt und durch eine Aristokratie ersetzt; der V erfall und der Sturz der Aristokratie führen zur Demokratie, deren Exzesse die Ochlokratie herbeiführen und nur durch die Rückkehr zur Alleinherrschaft beseitigt werden konnen (Pol. 1286 b 10ff.). Die ideale V erfassung ist diejenige, die sowohl die Exzesse der aristokratischen Herr- schaft wie auch die Exzesse der Demokratie vermeidet. Diese Verfassung, die Politeia schlechthin, ist eine Mischung von Aristokratie und Demokratie, in der alle Bürger frei und gleich sind, wo aber die politische V erantwortung den Ge- ma.Bigten, das heiBt dem Mittelstand, vorbehalten bleibt.

Wie ich vorhin sagte, hat dieses aristotelische Schema die neuere Forschung entscheidend beeinfluBt. Um die Mitte des letzten Jahrhunderts hat FusTEL DE CouLANGES seine in Frankreich berühmte Cité antique verfaBt, die ganz auf der Linie des griechischen Philosophen steht: auch für ihn ist die Polis durch den frei- willigen ZusammenschluB mehrerer Familien und Geschlechter unter der abso- luten Herrschaft eines Konigs entstanden. Der U nterschied ist allerdings, daB FusTEL DE CouLANGES die Religion als die Basis jedes gemeinschaftlichen Lebens und jeder Autoritat betrachtete: für ihn beruhte die Autoritat des Hausherrn, des pater familias, darauf, daB er hoher Priester der Familie, das heiBt Vermittler zwischen Gottern und Menschen war. Dementsprechend war der Konig der Polis zunachst ihr hoher Priester und also Konig von Gottes Gnaden wie die Konige Frankreichs. In Deutschland hat etwa zur gleichen Zeit TH. MoMMSEN sein Meister- werk ,Das romische Staatsrecht" geschrieben und dort die Anfange des romischen Staates ebenfalls nach dem aristotelischen Modell geschildert: ,DaB die romische Gemeinde, wie überhaupt die italische, vom Konigthum ausgegangen ist, bedarf keines Beweises; die spatere republikanische V erfassung will sel ber nichts sein als eine Modificirung ... dieses Konigthums" (StRIP 3 f.). Die gleiche Auffassung fin- clet man in der bedeutenden Cité grecque von G. GwTz, im J ahre 1928 erschienen, bei En. MEYER in seiner Geschichte des Altertums (lli2 312 ff.) und bei anderen. Also:

am Anfang war der Konig.

Ebenfalls aristotelisch ist die heu te weit verbreitete T endenz, den Anfang der Polis mit der Entstehung der Stadt im archaologischen Sinne gleichzusetzen. 2 Durch die Fortschritte der Archaologie ist man jetzt in der Lage, die Anfange der Urbanisierung Griechenlands einigermaBen zu verfolgen und zu datieren. lm 9.

und im 8. Jh. v. Chr. erscheinen die ersten erkennbaren Versammlungsplatze, die

2 S. vor allem A. M. SNODGRASS, Archaeology and the Rise of the Greek State, Cambridge 1977 und Archaic Greece, The Age of Experiment, London 1980, 31ff.; J. N. Cm.osTREAM, The Formation of the Greek Polis, Aristotle and Archaeology, Opladen 1984.

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frühesten Stadtmauern und Heiligtümer, wobei die Urbanisierung etwas früher in Kleinasien und auf den Inseln als auf dem Festland beginnt. V or einigen J ahren hat ein bekannter englischer Archaologe, A. M. SNODGRAss, die These vertreten, da6 die Heiligtümer und die Staatskulte das entscheidende Kriterium für die Ent- stehung der Polis seien, wobei dieser Gelehrte anscheinend unbewu6t die alte Theorie von FusTEL DE CouLANGES in einer anderen Form wiederaufnimmt.3

Es ist nicht meine Absicht, zu diesen auf Aristoteles zurückgehenden Thesen Stellung zu nehmen, und noch weniger, ihre Richtigkeit in Frage zu stellen; denn es kann nicht geleugnet werden, da6 die Urbanisierung ein wichtiges, ja sogar un- entbehrliches Element der Polis darstellt. Da6 der Staatskult ebenfalls notwendiger Bestandteil einer Polis ist, wird auch niemand bezweifeln. Aber ich glaube, da6 wir damit den Kern der Sache noch nicht getroffen haben. Die Urbanisierung ist nur Voraussetzung für die Entstehung der Polis, der Staatskult ist nur der Ausdruck einer bestehendenEinheit. Diese au6erenMerkmale erklaren nicht, durch welchen Proze6 die Polis eine Gemeinschaft von Bürgern geworden ist, sie erklaren nicht, wie der Bürger selbst entstanden ist. In dieser Frage ist uns Aristoteles von geringer Hilfe. Der Philosoph hat im 4. Jh. v. Chr. geschrieben, zu einer Zeit also, wo die Polis eine Selbstverstandlichkeit war, und ihm ging es nur darum, die verschiedenen Regierungsformen zu vergleichen und die bestmogliche zu entwerfen. Die Ent- stehung der Polis als solcher interessierte ihn recht wenig, so wenig, da6 er darüber nur ein paar Satze verliert. Dies bedeutet nicht, da6 das, was Aristoteles sagt, falsch ist. Es bedeutet vielmehr, da6 wir die Dinge von einem anderen Standpunkt be- trachten müssen, vom Standpunkt des Historikers und nicht vom Standpunkt des Theoretikers.

Unsere Überlegung mu6 von einer grundsatzlichen Verwandlung der Kriegs- führung ausgehen, die sich in der archaischen Zeit vollzogen hat und die schon immer und zu Recht mit der Entwicklung der Polis in Zusammenhang gebracht worden ist. Es handelt sich um die Hoplitentaktik, die charakteristische Kampf- weise der Griechen seit der archaischen Zeit bis zur romischen Herrschaft. 4 Diese Taktik bestand darin, da6 die Soldaten in geschlossenen Reihen kampften und jeder mit seinem Schilde seinen Nachbarn schützte. Diese Taktik verlangte von den Kampfern eine absolute Disziplin und eine absolute Selbstlosigkeit. Der Kampfer mu6te unbedingt seine Stellung halten, weil sonst die ganze Reihe ausein- anderfiel. Also verlangte diese Taktik vom Kampfer ein besonders starkes Bürger- bewu6tsein, insbesondere die Bereitschaft, fur das W ohl der Gemeinschaft zu

3 Archaeology and the Rise of the Greek State 21ff. und Archaic Greece 33 f. und 58 ff.; J. N. Cow-

STREAM, a. Ü. 9ff.

4 Vgl. etwa A. M. SNODGRAss, Archaic Greece 101ff. mit neuerer Literatur S. 223 und CL. MossÉ, La Grèce archaïque d'Homère à Eschyle, Paris 1984, 111ff.

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Entstehung 1.md W esen der griechischen Polis 15

sterben. Dieses Bürgerbewu6tsein ist nicht so selbstverstandlich, wie man es sich zunachst denken konnte, und ich werde jetzt versuchen darzulegen, wie die Polis das Bürgerbewu6tsein ihrer Bürger erweckt, gepflegt und aufrechterhalten hat.

Anfang der Entwicklung ist die homerische Gesellschaft. Die homerischen Ge- dichte sind gegen Ende des 8.Jhs. in der uns überlieferten Form niedergeschrieben worden. Sie spiegeln im wesentlichen - das ist jedenfalls meine Überzeugung und die Überzeugung viel er Gelehrter - die V erhaltnisse ihrer eigen en Zeit wieder, ganz unabhangigvon der Frage, ob ein historischer Kern den von Homer erzahlten Ereignissen zugrundeliegt.5Nun hat sich unser Verstandnis der homerischen Welt in den letzten J ahrzehnten wesentlich geandert und gebessert. Durch eine nüchterne und unvoreingenommene Lektüre der homerischen Epen haben verschiedene Gelehrte, insbesondere M. I. FINLEY in seinem schonen Büchlein ,The W orld of Odysseus" (1954), nachweisen konnen, da6 der homerische Konig keineswegs der absolute Monarch von Gattes Gnaden gewesen ist, den sich FusTEL DE CouLANGES, G. GLOTZ und andere vorgestellt hatten. 6 T rotz seines Glanzes und seines golden en Szepters hat Agamemnon viel weniger Autoritat, als man zunachst glauben konnte.

Am Anfang der Ilias bleibt er machtlos, als sich Achill in sein Zelt zurückzieht und sogar damit droht, nach Hause zu gehen (IL I 225ff.). Umgekehrt verweigert ihm Diomedes den Gehorsam, als er die Belagerung von Troia aufgeben will (IL IX 32 ff.). Der alte Nestor spricht zu ihm wie zu einem Sohn und ermahnt ihn, er solle wie die anderen seinen guten Ratsch1agen folgen (IL IX 53ff.). Schlie6lich beruht seine Autoritat nur darauf, da6 er reicher ist als die anderen, da6 er mehr Manner stellt (IL I 281 und II 576ff.) und da6 es im Krieg besser ist, einen einzigen Führer zu haben (IL II 200ff.). Ganz ahnlich ist die Stellung der verschiedenen Konige in ihrer Heimat. Odysseus ist Konig, weil er das gro6te Vermogen hat (Od. XIV 96ff.), und vor allem, weil er die physische Kraft hat, seine Stellung zu behaupten, wie das dramatische En de der Odyssee zeigt. In der U nterwelt fürchtet Achill, da6 sein T od den Sturz seines Vaters herbeigeführt ha be ( Od.XI 494 ff. ). Die wahrhafte Stellung des homerischen Konigs wird am besten von Alkinoos, dem Konig der Phaaken, ausgedrückt: in diesem Volk gibt es zwolf Konige, und er ist der drei- zehnte (Od. VIII 390ff.). Der Konig ist nur ein primus inter pares, der über die anderen Konige eine gewisse, aber sehr relative Vorrangstellung besitzt, die er

5 Über die homerische Frage s. vor allem die vorzügliche Darstellung von A. LESKY, Geschichte der griechischen Literatur3, Bern/München 1970, 29-101; ferner A. HEUBECK, Die homerische Frage, Ertrage der Forschung 27, Darmstadt 1974 und G. S. KrRK, Cambridge Ancient History IP2, 1975, 820-850.

6 Dies hatte schonJ. BuRCKHARDT, Griechische Kulturgeschichte I, Berlin 1898, 90ff. erkannt. S. ferner G.JACHMANN, Das homerischeKi:inigtum, Maia6, 1953, 241-256; G.S. STARR, The Decline ofthe Earl y Greek Kings, Historia 10, 1961, 129-138; M.I FINLEY, The W orld of Odysseus2, New York 1965, 83 ff.

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seinem Reichtum, seinen Leuten und seiner physischen Kraft verdankt. Aber im übrigen sind die wahren Këinige die Adligen, das hei6t die Grundbesitzer, von denen jeder über das eigene Haus ganz souveran herrscht. Am Anfang war also nicht die absolute Monarchie, sondern die absolute Adelsherrschaft.

W as diesen Adel vor allem kennzeichnet, sind sein Individualismus und sein Egoismus.7 Bürgersinn fehlt ihm vollkommen: der homerische Held handelt aus rein persëinlichen Motiven und verfolgt rein persëinliche Zwecke, namlich Ruhm, Reichtum und Macht. Musterbeispiel dieser Haltung ist Achill, der aus persan- licher Krankung das Schlachtfeld verla6t, obwohl er genau wei6, da6 er damit den T od tausender seiner Gefahrten verursachen wird. Und Ac hill ist kein Einzelfall.

Es wird in der nias die Geschichte eines gewissen Meleagros erzahlt, der sich eben- falls aus Ressentiment weigert, seine belagerte Heimatstadt zu verteidigen, und sich nur durch das Anflehen seiner Frau dazu bewegen la6t (Il. IX 524ff.). Selbst Hektor, der Hauptverteidiger T roias, handelt v or allem a us persëinlichen Motiven:

er kampft für seine Familie und sein Vermëigen (Il. XV 496f.) und beschlie6t trotz der Ratschlage eines Freundes, den offenen Kampf der Verteidigung innerhalb der Stadtmauer vorzuziehen, weil es ihm mehr um den persëinlichen Ruhm als um taktische Gesichtspunkte geht (IL XVill 285 ff.). Dieser Haltung wird Hektor bis zum bitteren Ende, das hei6t bis zum fatalen Zweikampf gegen Achill, treu bleiben, obwohl er wei6, da6 sein T od den U ntergang sein er Heimat herbeiführen wird (Il. XXII 100ff.). Übrigens sind in dieser Welt Kriegszüge private Unter- nehmungen- es ware richtiger, sie als Raubzüge zu bezeichnen -, U nternehmungen also, welche der Bereicherung, dem Ruhm oder der Rache einzelner Personen dienen sollen.

In der Tat ist die homerische W elt eine weitgehend recht- und staatenlose Gesell- schaft in dem Sinne, da6 die Adligen über das eigene Haus eine unbeschrankte Macht ausüben und ihre Beziehungen untereinander nach ihrem Belieben regeln:

persëinliche Freundschaften und Verwandschaften, oder umgekehrt Fehden, Gewalt und V ergeltung herrschen v or. Es ist auffallig, da6 im Streit zwischen T de- machos und dann Odysseus und den Freiern der Penelope die Bürgerschaft über- haupt nicht eingreift: es gibt offenbar keine Behorde, an die sich die Unrecht- leidenden wenden këinnten. Und wiederum handelt es sich nicht um einen Einzel- fall: in der rührenden Klage der Andromache nach dem Tode ihres Gatten Hektor (Il. XXII 477ff) macht sich die Witwe vor allem um die Zukunft ihres Sohnes Astyanax Sorgen und fürchtet, da6 ihn die anderen seines V ermëigens berauben

7 V gl. M.l FINLEY, a. O. 114 ff.; ferner H. STRASBURGER, Der Einzelne und die Gemeinschaft im Denken der Griechen, Historîsche Zeitschrift 177, 1954, 227-248 = FR. GscHNITZER, Zur griechischen Staats·

kunde, W ege der Forschung 96, Darmstadt 1969, 97-122; W. HoFFMANN, Die Polis bei Homer, in: Fest- schrift Bruno Snell, München 1956, 153-165 =FR. GscHNITZER, a. O. 123-138.

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werden: von der Gemeinschaft erwartet sie keine Hilfe, die physische Kraft und die soziale Stellung ihres Mannes waren der einzige Schutz für die Familie. Am besten zeigt sich diese Rechtlosigkeit der homerischen Gesellschaft im Blutrecht8• Hier herrscht zu dieser Zeit unbeschrankt das Vergeltungsprinzip, die Vendetta. Eine Mordtat kann nur durch die Totung des Morders durch einen Verwandten des Ermordeten gesühnt werden, es sei denn, die Parteien einigen sich über ein W ehr- geld. Dabei ist es gleichgültig, ob der Morder jung oder alt ist, ob er absichtlich oder unabsichtlich getotet hat. Zu den zahlreichen Heroen der homerischen Epen, die wegen einer Mordtat in die Verbannung gegangen sind, um der Rache der Ver- wandten des Opfers zu entgehen, gehort Patroklos, der als zwolfjahriger Knabe einen Spielkameraden unabsichtlich getotet hat (Il.XXID 85ff.). Auf dem Schilde, den Hephaistos für Achill geschaffen hat, wird eine Streitszene zwischen einem Morder und den Verwandten des Ermordeten dargestellt, bei der der Morder be- hauptet, er habe das W ehrgeld bezahlt, was die andere Partei bestreitet (Il. XVID 497ff.). Von einem bestehenden Gericht und vom Schutz des einzelnen durch die Gemeinschaft ist dabei keine Rede. Am schlimmsten steht es natürlich um die niederen Leute, wie etwa die Bettler und die Tagelohner. In der Odyssee tritt Odysseus in sein eigenes Haus als Bettler verkleidet ein: ein Freier der Penelope droht ihm, ihn fesseln und in die Ferne verkaufen zu lassen (Od. XX 380ff.); ein anderer verspricht ihm sogar einen grausamen Tod (Od. XVID 79f.). In der Ilias wird erzahlt, daB Poseidon und Apollon von Laomedon, dem Konig von Troia, als Tagelohner eingestellt worden seien (Il. XXI 441ff.): der erstere hat den Auftrag, die Stadtmauer ZU bauen, wahrend der zweite die koniglichen Herden zu hüten hat. Aber als der Zeitpunkt der Bezahlung gekommen ist, verweigert ihnen Laomedon den versprochenen Lohn und droht ihnen an, falls sie Schwierigkeiten machen sollten, sie in die Sklaverei zu verkaufen und ihnen sogar vorher die Ohren abzuschneiden. Gewalt, Selbsthilfe, Vergeltung und Willkür der Adligen sind die Grundsatze, die die Beziehungen innerhalb und auBerhalb der Gemeinschaft be- stimmen. Wir sind vom Rechts- und Freiheitsstaat weit entfernt.

Allerdings findet man schon in den homerischen Gedichten auch die Ansatze der Entwicklung, die spater zur richtigen Polis führen wird. Zunachst, weil die Adligen selbst keine Kyklopen sind. Sie sind gesellig, pflegen miteinander zu ver- kehren und gemeinsam zu essen, zu beraten und sich die Zeit zu vertreiben.

Dauernde Fehden mogen sie auch nicht und betrachten den Bürgerkrieg als ein U nheil (Il. IX 63 ff. ). Für sie sind Tapferkeit im Krieg, Ruhm und Reichtum d.och nicht die einzigen W erte: W eisheit, Milde, Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit werden auch gepriesen und angestrebt (Od. II 230ff.). Die Gotter tadeln und be-

8 Über das griechische Blutrecht ist grundlegend G. GLOTZ, La solidarité de la famille dans le droit criminel en Grèce, Paris 1904.

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strafen die Ungerechtigkeit (Il. XVI 384ff.), sie überzeugen zum Beispiel Achill, da6 er die Lei che Hektors ungerecht mi6handelt habe und da6 er sie seinem V a ter Priam os zurückgeben solle (Il. XXIV 112 f.). Ein anstandiger Held la6t si ch von den Âlteren beraten (es ist die Hauptrolle des Nestor in der Ilias), er soll sich bemühen, vernünftig und überlegen zu handeln: so ist zum Beispiel Achill von Phoinix, frei- lich mit geringem Erfolg, erzogen worden (Il. IX 440ff.). Zum anderen la6t sich bei Homer die Entstehung des Selbstbewu6tseins der Gemeinschaft klar erkennen. Es bildet sich eine offentliche Meinung, von der die Adligen nicht ganz absehen konnen. So argert sich am Anfang der Odyssee ein Freund des Telemachos über die Passivitat des Volkes und bemüht si ch, es zur Handlung zu bewegen ( Od. TI 235 ff. ).

U mgekehrt befürchten die F reier der Penelope, da6 T elemachos das V olk gegen sie aufwiegeln konne, und wollen ihn vorher umbringen (Od. XVI 376ff.). Bezeich- nend ist vor allem ein Zwischenfall, der im gleichen Zusammenhang erzahlt wird (Od.XVI 424ff.). Der Vater des Antinoos, der eben Telemachos ermorden wollte, war von den Ithakesiern beinahe gelyncht worden, weil er einen Raubzug gegen ein mit ihnen befreundetes Volk unternommen hatte: es ist das früheste und bei Homer einzige Freundschaftsverhaltnis zwischen zwei Gemeinschaften. Eine Bürgergemeinschaft im klassischen Sinne des W ortes ist die homerische Polis indessen nicht.

Diese Bürgergemeinschaften haben sich im Laufe des 7. und des 6. Jhs. gebildet, in der Zeit also, in der die Hoplitentaktik den homerischen Zweikampf ersetzt hat.

Wie ich vorhin sagte, setzt die Hoplitentaktik beim Kampfer eine ganz andere Mentalitat voraus als die homerische. Und diese Mentalitat ist nicht so sehr das Er- gebnis einer geistigen Entwicklung des Adels als das Ergebnis des sozialen Aufstiegs einer anderen Schicht, des Mittelstandes, der von Anfang an anders dachte als die Adligen: es ist die Schicht der freien Bauern, deren Denkweise in den Gedichten Hesiods ihren Ausdruck findet, der Kaufleute, die vom Adel zu dieser Zeit ver- achtet und sogar geha6t wurden, der Handwerker usw. ln der archaischen Zeit hat namlich Griechenland, wie überhaupt der ganze Mittelmeerraum, einen gewal- tigen wirtschaftlichen Aufschwung erfahren, der vor allem durch die Entwicklung des Handels zwischen Osten und W esten bedingt wurde, des Handels mit Par- fümen, Gewürzen, Elfenbein, Weihrauch usw.9 Durch diesen wirtschaftlichen Aufschwung sind die Kaufleute und die Handwerker zahlreicher und reicher ge- worden, und zusammen mit den freien Bauern haben sie eigentlich die Polis ge- gründet.

9 Vgl. G. S. STARR, The Economie and Social Growth of Early Greece, 800-500 B. C., Oxford 1977;

R.J. HoPPER, Trade and Industry in Classical Greece, London 1979; J. BoARDMAN, The Greeks Over- seas, Their Early Colonies and Trade3, London 1980.

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Denn die Polis ist nicht durch den freiwilligen Zusammenschlu6 der Familien entstanden, sie ist, wie G. GwTz in der Einleitung seiner Cité grecque (S. 5) erkannt hat, gegen die Familien oder genauer gesagt gegen die adligen Geschlechter geschaffen worden. Sie hat die weitgehende Souveranitat, die in der homerischen Zeit die Familien und ihre Haupter genossen, sehr stark eingeschrankt und zum Teil beseitigt.

Diese Einschrankung der Souveranitat der Familien und Geschlechter wurde zu- nachst durch die Kodifikation des Rechts erreicht: die archaische Zeit ist die Zeit der gro6en Gesetzgeber, Drakon und Solon in Athen, Lykurg in Sparta u. a. m.10 Erstes Ziel dieser Gesetzgebung war es, die Beziehungen zwischen Familien und Familien, zwischen Bürgern und Bürgern zu regeln, zu normalisieren, was man am besten wiederum im Blutrecht beobachten kann, wo ursprünglich- wie schon ge- sagt - das Prinzip der Vendetta unbeschrankt herrschte. Um den unendlichen Fehden und Morden ein Ende zu bereiten, setzten die Gesetzgeber dem Ver- geltungsprinzip gewisse Schranken: es wurde nur den nachsten Verwandten des Ermordeten erlaubt, den Morder zu verfolgen, und es wurde ihnen die Befugnis entzogen, die Vergeltung selbst zu vollziehen; es wurden Gerichte eingerichtet, die über die Mordfalle zu entscheiden hatten; es wurde zugleich die ganz fundamentale Unterscheidung zwischen vorsatzlichem und nicht vorsatzlichem Mord einge- führt.

Noch wichtiger als die Regelung des Mordrechts war die Befreiung des einzelnen Bürgers von der Willkür der Adligen. Es war eine der wichtigsten Aufgaben der Polis, den kleinen Bauern, den Handwerker oder den Bettler gegen Mi6handlung oder gar gewaltsame V ersklavung zu schützen. In Athen wurde die V ersklavung für Schulden am Anfang des 6. Jhs. von Solon abgeschafft, weil es ihm unertraglich erschien, wie er selber in seinen Gedichten schreibt, da6 athenische Bürger in die Fremde verkauft würden und ihre Muttersprache vergaGen (Iamben F 24). In Gortyn, einer klein en Stadt Kretas, ist ein langes Gesetz a us der Mitte des 5. Jhs. ge- fun den worden (dieser Text ist die schonste griechische Inschrift überhaupt), ein Gesetz, das über die personliche Rechtsstellung der Angehorigen der Gemeinschaft mehrere Ma6nahmen trifft.11 Es schützt nicht nur den Bürger, sondern auch die Freigelassenen, die Horigen, die Sklaven und die Fremden gegen willkürliche Gewalt. Auch in Athen und in den meisten anderen Stadten wurden die Fremden und bis zu einem gewissen Grade die Sklaven von der Polis geschützt. Selbstver- standlich schützte das Gesetz ebenfalls das Vermogen der Bürger gegen Rauh und ungerechtfertigten Entzug. Es regelte die Ordnung auf dem Markt (keine leichte Aufgabe), um Betrug und Streit zu verhindern. Kurzum, die Polis übernahm die

10 Vgl. etwa K.cW. WELWEI, a. O. 74f. und CL. MossÉ, a. O. 115ff.

11 R. W. WILLETTS, The Law Code of Gortyn, Berlin 1967.

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Aufgaben, die zur Zeit Homers ausschlieBliche Befugnis der Familien und ihrer Haupter gewesen war.

Aber die griechische Polis hat sich nicht darauf beschrankt, die Bürger gegen Millhandlung, Gewalt oder ungerechte Enteignung zu schützen. Sie hat nicht nur Gesetze erlassen, um die Ordnung in der Bürgerschaft aufrechtzuerhalten. Sie hat sich zudem zur Aufgabe gestellt, die Bürger zu erziehen und ihr BürgerbewuBtsein zu entwickeln. Die Hoplitentaktik verlangte eine absolute Disziplin, eine absolute Geschlossenheit und selbstverstandlich eine gute physische Kondition. All dies muBte gelernt und geübt werden, und eben hier zeigt sich die eigentliche Origina- litat der griechischen Polis. Denn die Ausbildung des Bürgers ist in der griechischen W elt in einer ganz spezifischen W eise durchgeführt worden, namlich durch die Athletik.12 Wie wir alle wissen, ist die Athletik eine rein griechische Einrichtung, und sie hat immer als das charakteristische Merkmal der griechischen Erziehung gegolten. Aber man ist sich nicht immer im klaren über die ursprüngliche Funk- tion der Athletik bei den Griechen. Diese ist schon von den homerischen Helden eifrig betrieben worden, sie gehorte zu ihrem Alltag. Die Adligen dieser Zeit pfleg- ten schon die spater klassisch gewordenen Disziplinen, das heiBt den Ring- und den Faustkampf, das Diskus- und das Speerwerfen, das Rennen und das Springen (s. vor allem Od. Vill 110ff.). Zweck dieser Übungen war nicht bloB Unterhaltung und Zeitvertreib, sondern ebenfalls und vor allem die Erhaltung der physischen Kondi- tion in einer Welt, wo die physische Kraft eine entscheidende Rolle sowohl im Krieg als auch zur V erteidigung der Stellung in der eigenen Heimat spielte. Es war zuglèich ein Mittel, sich vom gemeinen Volk zu unterscheiden: ein Adliger war selbstverstandlich stark, stattlich und schon, wahrend umgekehrt ein einfacher Mann notwendig haBlich war; dies ist z. B. der Fall bei Thersites, der sich am Anfang der llias erlaubt, die Obrigkeit der Adligen zu bestreiten (ll.II 212ff.), wie auch bei dem Gott Hephaistos, dem Handwerker der Gotter, der wegen seines Berufes haBlich und auch lacherlich sein muB. In der Odyssee wird Odysseus von den Adligen Phaakiens beschimpft, weil er sich weigert, an ihren W ettspielen teil- zunehmen (Od. Vill 158ff.): er sei nichts mehr als einer jener verachtlichen Kauf- leute, die aus Habgier das Meer durchfahren. Bei Homer client die Athletik vor allem dem sozialen Prestige der Adligen und ist selbstverstandlich zugleich V or- bereitung zum Krieg.

Genau die gleiche Funktion hat in der spateren Zeit die Athletik in der Ausbil- dung der Bürger gehabt. Der wesentliche Unterschied war allerdings, daB es jetzt um die Verteidigung der Polis und nicht mehr um die Stellung des einzelnen, daB es um das Prestige der Heimat und nicht mehr einer privilegierten Schicht ging.

12 Vgl. insbesondere M. P. NILSSON, Die hellenistische Schule, München 1955.

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Entstehung und Wesen der griechischen Polis 21

Demzufolge wurde die Erhaltung der physischen Kondition durch die Athletik nicht mehr der Initiative der einzelnen Bürger überlassen. Sie wurde gemeinsam in der Offentlichkeit unter der Aufsicht der offentlichen Behorden gepflegt. Es wurden Palastren und Gymnasien eingerichtet, die un ter der V erantwortung eines Gymnasiarchen standen.13 Wie wir aus zahlreichen Urkunden und insbesondere durch ein neulich in Makedonien gefundenes Gymnasiarchengesetz erfahren, 14 wurden die jungen Bürger in drei Altersklassen eingeteilt: die Knaben bis zu 17 Jahren, die Jünglinge oder Epheben vom 17. bis zum 20. und die Elite vom 20.

bis zum 30. Lebensjahr. Die Knaben wurden von einem Padotriben bewacht und übten vor allem das Rennen und den Ringkampf. Nach dem eben erwahnten Gymnasiarchengesetz aus Makedonien muBten die Padotriben jeden Tag im Gymnasium sein, und sie hatten die Pflicht, die Knaben dreirnal im Jahre zu prüfen. Von den Epheben wurden auBer Ringen und Rennen Disziplinen geübt, die sie direkt zum Kriegsdienst vorbereiteten: Diskus- und Speerwerfen, bewaff- neter Kampf, Hoplomachie genannt, und bewaffnetes Rennen, das Hoplon. Die Bürger der Elite muBten regelmaBig üben, um ihre Kondition zu erhalten: lm makedonischen Gesetz zum Beispiel wird vorgeschrieben, daB sie taglich zweimal Speerwerfen und BogenschieBen üben sollten. Einmal im J ahre wurden alle drei Klassen in der offentlichen Feier der Hermaia geprüft. Ihre Tüchtigkeit wurde nach drei Kriterien beurteilt, der physischen Kondition, der Disziplin und dem Einsatz, also eben den Eigenschaften, die ein guter Hoplite besitzen muBte. Die besten wurden belohnt und ihre Namen auf Marmorplatten eingeschrieben, von denen sehr viele erhalten sind und heute noch den Eifer der jungen griechischen Bürger bezeugen.

Das gemeinsame Trainieren in der Palastra und im Gymnasium hatte zugleich eine andere und vielleicht noch wichtigere Wirkung. Dadurch, daB sie zusammen ihre physische Kondition im Dienste der Gemeinschaft pflegten, dadurch, daB sie ihre Zeit gemeinsam verbrachten, lernten sich die jungen Bürger gegenseitig kennen und entwickelten damit das BewuBtsein, daB sie einer Gemeinschaft angehorten, in die sie sich integrieren muBten und deren Interessen sie wahr- zunehmen hatten. lm Gymnasium wurden sie nicht nur physisch, sondern auch geistig und moralisch auf ihren Bürgerberuf vorbereitet. Dort wurden politische Probleme besprochen, dort wurden politische Theorien entwickelt und verbreitet:

Plato und Aristote! es z.B. ha ben in den Gymnasien Ath ens ihre Theo rien über den idealen Staat und die ideale Verfassung gelehrt, Plato in der Akademie und Aristo- teles im Lykaion.

13 V gl. J. ÜEHLER, Paul ys Real-Encyclopadie der classischen Altertumswissenschaft VII, 1912, s. v. Gym- nasmm.

14 Veroffentlicht von J. M. R. CoRMAcK in Ancient Macedonia II. Thessaloniki 1977, 139-150.

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Die Erziehung der Bürger vollzog sich aber nicht nur in der Palastra und im Gymnasium. Das BürgerbewuBtsein wurde in einer anderen ebenfalls typisch grie- chischen W eise gepflegt und gefordert, und zwar im Theater. Bei den Griechen war das Theater, jedenfalls ursprünglich, ebensowenig wie die Athletl.k eine reine Unterhaltung. Es war auch nicht wie heutzutage einer gebildeten Elite vorbehalten.

Die Schauspiele waren offizielle V eranstaltungen der Polis, an denen sich die ganze Bürgerschaft beteiligte.15 Die Kosten wurden hauptsachlich von der Staatskasse und den reichsten Bürgern getragen, in Athen erhielten sogar die Zuschauer eine Entschadigung vom Staat, das genannte Theorikon. Die bedeutendsten dieser Schauspiele waren überall die groBen Dionysien (Dionysos war un ter anderem der Gott des Theaters), die einmal imJahr, in Athen und wohl anderswo im Frühjahr, stattfanden. Bei dieser Gelegenheit wurden die Bürger und die Fremden, die sich bei der Polis verdient gemacht hatten, vor der ganzen Bürgerschaft geehrt und mit Kranzen belohnt:16 Magistrate, die ihr Amt gewissenhaft und ehrenhaft erfüllt hatten, Bürger, die eine Gesandschaft erfolgreich geführt hatten, fremde Richter, die die bestehenden Prozesse ohne Beanstandung und unbestochen geregelt hatten, und andere wurden am Anfang der Spiele vom offentichen Herold aufgerufen; die Dienste, die sie erwiesen hatten, wurden genannt, sie wurden in aller Feierlichkeit bekranzt, und sie hatten das Privileg, in den ersten Reihen mit den Behorden, den Priestern und den fremden Gesandten zu sitzen. Diese Zeremonie war für alle eine Ermunterung und sogar eine Aufforderung, ihre Persori, ihre Zeit und ihr Ver- mogen für die Gemeinschaft einzusetzen.

Die erzieherische Funktion des Theaters spiegelt sich ebenfalls in den Stücken der Blütezeit des griechischen Dramas wider, insbesondere bei Aischylos, bei Euripides und bei Aristophanes. Denn ursprünglich hatte die Dichtung wie die Athletik eine erzieherische Funktion. Schon in der homerischen Gesellschaft pflegen die Adligen nach dem Essen die Heldentaten ihrer Vorganger anzuhoren, um ihr eigenes Leben nach ihrem Vorbild zu gestalten. So versucht Phoinix, dem die Erziehung des jungen Achill anvertraut worderiwar, den gekrankten Helden dadurch zu besanftigen, daB er ihm die alte Geschichte von Meleagros erzahlt, der in einer ahnlichen Situation den Kampf schlieBlich doch wieder aufgenommen hatte (li. IX 524ff.). In der klassischen Zeit sind es die homerischen Epen selbst, die den jungen Griechen die Tugenden des guten Bürgers, namlich Tapferkeit im Krieg, W eisheit und Gerechtigkeit im Beraten, beibringen sollten. Deshalb ist es für den Staatstheoretiker Plato eine entscheidende Frage, ob in der idealen Polis die jungen Bürger die homerischen Epen lernen sollten oder nicht (Rep. Il, ill und X).

Nicht anders haben die tragischen und komischen Dichter der klassischen Zeit ihre

15 V gl. Sm A. PrcKARD-CAMBRIDGE, The Dramatic Festivals of Athens, Oxford 1953.

t6 Sm A. PrcKARD-CAMBRIDGE a. O. 57 und 82.

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Entstehung und Wesen der griechischen Polis 23

Rolle aufgefa.Bt: sie betrachteten es als ihre Aufgabe, ihre Mit bürger zu erziehen. In einer seiner spateren Komodien, den Fr6schen, l:illt Aristophanes die groBen Tragiker Aischylos und Euripides sich in der Unterwelt über ihre Schopfungen streiten, wobei es gar nicht, wie man erwarten konnte, um ihre dichterische Kunst im asthetischen Sinne, sondern um ihre moralische Wirkung auf die athenischen Bürger geht (V. 830ff.). Aristophanes selber hatte sich in seinen ersten Stücken ein- gebildet - er war freilich noch ganz jung -, er konne den athenischen Demos ver- bessern und ihn zu den Tugenden der guten alten Zeit zurückbringen (s. insbeson- dere die Ritter, V. 503ff. und 1111ff.). Vor allem hat Euripides den Patriotismus seiner Mitbürger im unendlichen Krieg gegen Sparta unterstützt und gefordert.

Euripides behandelt gerne das Thema des jungen Mannes oder Madchens, die freiwillig in den Tod gehen, um die Gemeinschaft zu retten.

J

eder kennt den rührenden AbschluB der Iphigenie in Aulis: am Ende des Stückes beschlieBt !phi- genie, freiwillig zu sterben, und erklart ihrer Mutter Klytaimnestra, sie sei nicht auf die W elt gekommen für ihre Mutter allein, sondern auch für das ganze griechische Volk, deshalb wolle sie nicht verschont bleiben, wahrend Tausende von Soldaten bereit waren, für Hellas zu sterben (V.1368 ff.). Für die athenischen Bürger, die sich eben in dieser Situation befanden, waren diese W orte eine Botschaft und eine Ermunterung.

Mit dieser bewundernswerten Aussage der Iphigenie haben wir, glaube ich, den Geist und das W esen der griechischen Polis erfaBt. Ihr Ziel war es, die Bürger so zu erziehen, daB ihnen die Gemeinschaft mehr war als die Eltern, die Gattin oder die Kin der, also eine ganz andere Mentalitat als die homerischen Hel den.

J

a, man kann sogar sagen, daB die Polis in einem gewissen Sinne die wirkliche Familie des Bürgers sein soUte. Durch das Gymnasium, das Theater und durch andere Mittel wie ge- meinsame Mahlzeiten sollten die Bürger so stark wie moglich an die Gemeinschaft gebunden werden. Es ist tatsachlich in der griechischen W elt auffallig, daB dort das Ethnikon, das heiBt die Staatszugehorigkeit, den Familiennamen ersetzte:

man hieB nicht etwa Gaius Iulius Caesar oder Publius Cornelius Scipio, sondern Demosthenes, Sohn des Demosthenes, Athener oder Epameinondas, Sohn des Polymnis, Thebaner.

Es ist nicht die Aufgabe des Historikers, die Kulturen und die Menschen, die er studiert, zu beurteilen, und erst recht nicht zu verurteilen. Aber er muB sich vor einseitiger Idealisierung oder einseitiger Kritik hüten und er muB auf die Kehr- seiten hinweisen. Die Griechen haben wohl das BürgerbewuBtsein starker ent- wickelt als andere Volker, aber der Nachteil war, daB damit die Familie und insbe- sondere die Frau geopfert wurden. Es ist erstaunlich, wie wenig in der griechischen Literatur die Gefühle der Frauen überhaupt zur Geltung kommen. Die griechische

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Polis ist eine rein mannliche Gesellschaft, von der die Frauen praktisch ausge- . schlossen sind. Zudem konnte das System nur funktionieren, wenn die Bürger

genug Freizeit hatten, das heillt, werm andere, namlich Sklaven, Hôrige und an- sassige Fremde, die Arbeit leisteten. Besonders evident ist dies im Fill von Sparta, wo die Bürger ihre ganze Zeit der Gemeinschaft widmeten und die Heloten die Acker bebauten. Aber es war in den anderen Poleis, freilich in einem viel geringe- ren MaGe, nicht anders. Die Bürger waren in einem gewissen Sinne eine Elite, von der Frauen, Fremde, Horige und Sklaven ausgeschlossen blieben. Aber eins hat uns die griechische W elt doch gelehrt, was wir v or allem heu te nicht vergessen dürfen:

es ist die Lehre, daB der Mensch ein zur Gemeinschaft geborenes W esen ist, daB wir also nicht dazu geboren sind, wie die Kyklopen jeder für sich zu leben, sondern daB wir Angehôrige einer Gemeinschaft sind, deren Schicksal uns alle angeht.

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Der Vortrag wurde am 25. April1985 in Düsseldorf gehalten.

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