Schloss Runkelstein aus historischer und kunsthistorischer Perspektive

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Schloss Runkelstein aus historischer und kunsthistorischer Perspektive

WETZEL, René

WETZEL, René. Schloss Runkelstein aus historischer und kunsthistorischer Perspektive. In:

Almanach / Jahresbericht der Stiftung Tiroler Sparkassen . 1999.

Available at:

http://archive-ouverte.unige.ch/unige:97628

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Almanach 1999

Jahresbericht der Stiftung Südtiroler Sparkasse

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Bozen erhalt eine Perle zurück

Schh</1 Runkelstein offnet wieder seine Tore

N

ach umrangreichen Re raurierunosarbeiten wird hl 13 Runk 1. tein im April li s s Jahres 2000 wicder der Offentlichk il zugangli ·h gemacht. Ei- ne groBungcl gt u. stelluno und lie Wicdcreroffnung der beliebten Burg. chcn-

l<e werd n zahlreichc Besucher anlock n. nd die Bozner k 111111 n wieder in d n

Besilz ihrer b liebten Bur<T. Die , liftung iic.ltir 1er Sparka. ·e hat mil inem groBzügigen B itrag das rschein · n einer Publikalion n liber ch loB Runkel tein ennë>gl icht.

Schlqj3 Runkelstein aus historischer und kwLsthistorischer Sicht

René Wetzel

,Alte Gemauer' zum Sprechen zu bringen, ist nicht immer ganz leicht. Runkel- stein jedoch vermag nicht nur durch seine Bilder Geschichten zu erzahlen wie kaum ein anderes SchloB und die Besucher bis heute in seinen Bann zu ziehen, es ist selbst Stein gewordene Geschichte. Gegen achthundert Jahre lang wurde hier immer wieder gebaut, so daB fast jeder Stein von einer anderen Zeit, von anderen Menschen kündet. Allerdings sprechen die Steine- aber auch die Bilder!- nur zu dem, der in ihnen zu )esen versteht und der sich bemüht, hinter den Steinen und Bildern die Menschen zu finden, die für ihre Existenz verantwortlich sind, sowie die Zeit und die Umwelt zu begreifen, in welcher diese Menschen lebten und

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Mittelalter/iche Wehrbur~:: Erster urkundlicher Beleg ;,11

13. Johrluu11lert

Runkel Lein belebten. Flir den ungeschulten Blick bleibt nur die F . , . .

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g IH, und das Entzi.icken, das die Biider noch

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n vellnogen. fm Grunde bleibt die Stein- und Bilderwelt diesem Blick Jedoch flemd und unbelebt, die vermittelnde Brücke zu unserer heutige

z .

unserer heut' w, 1 n e1t, zu

tgen e t und zu unserem heutigen Denken bleibt ungeschlag en.

Der ,gerodete Fel sen'

Be~or

wir die Steine aus ihrer Geschichte erzahien lassen, sollten wir nach dem

Ste~n

bz.w. dem Felsen fragen, der sie alle tragt: dem namengebenden ,Runkel'- Stem. Dte Benennung flihrt weit zurück in die Spatantike und das Frühmittelalt . ais noch Land zur Besiedlung und Bewirtschaftung durch Rodung erschlo et, wurde; das lateinische

ru~care

bedeutet in der Tat nichts anderes ais die

Tatigs::i~

des Rodens. DaB der gleJchnamige Bergrücken zwischen Ried und Rendelstein aus

~eichem

der Porphyrfeisen herausragt, zum Zwecke des Weinbaus nutzba;

gemacht werden konnte, mag einleuchten. Die Rodung des auf drei Seiten schroff abfallenden Feisens selbst jedoch macht wohl nur dan

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. n mn, wenn s1e mcht als

YOl:bereitung zur B.ewirtschaftung, sondern zum Bau einer Befestigung gedacht wm, von welcher SJcb gleichermaBen der Eingang des Sarntals und groBe TeiJe des Bozner Beckens kontrollieren IieBen und die selbst nur schwer einzunehmen war. Und so deutet denn der ,gerodete Feisen' auf eine Be- siedlung und moglicherweise Befestigung weit vor den ersten schriftlichen Zeugnissen einer Runkelsteiner Burg hin.

Die Wehrburg der Herren von Wanga

Die urkundlichen Belege setzen erst im 13. Jahrhundert ein und betreffen den Bau einer Wehr- burg, mit welcher die adligen Herren von Wanga ihre Vor- rangstellung ais die wichtigsten lokalen Vertreter und Dienst-

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il tammen die r mani. ch n Bautede cil noch 1mmer d1 Hauptbaumasse de westlichen Traktes (Westpalas) mit der daran anschiieBenden Wehrmauer ausma- chen. Die Wangener Herren, die auch das Gericht über die Gassen besaBen, wel- che die Bozner Altstadt im Norden und Osten abschlossen, befanden sich nur vierzig Jahre nach dem Bau ihrer Wehrburg Runkelstein bei der Machtprobe zwi- schen dem Tiroler Grafen Meinhard II. und dem Trienter Bischof um die Hege- monie im Bozner Raum und im Land Tiro! im Jahr 1277 auf der Verliererseite. Ih- re Burgen wurden belagert und eingenommen, ihre Uindereien systematisch auf- gekauft. Die Familie starb im 14. Jahrhundert rasch aus.

Die Vintlcrresidenz

Runkelstei n war zwar von Mein hard nicht geschleift worden, doch blieben womoglich groBe Teile in der Folge unbewohnbar und wurden nicht wiederher- gestellt. Das trutzige Symboi für die Trienter Prasenz und Stadtherrschaft in Ba- zen verkam.

Bezeichnenderweise ging die Burg wahrscheinlich direkt von den Wangenern vielleicht noch vor 1317 an einen Protegé Meinhards II. über, den im Landes- dienst von der Leibeigenschaft zum Ritter aufgestiegenen Bozner Bürger Gott- schalk Knoger. Er machte vor, was wenige Generationen spater Niklaus Vintler in seiner Karriere zwar in weniger spektaku!arer Wei se, aber mit dauerhafterem Er- folg gelingen sollte. Niklaus Vintler hatte Runkelstein mitsamt den dazugehoren- den Weinbergen zusammen mit seinem Bruder Franz von einem Urenkel Kno- gers, Cyprian von Vilanders, erworben und war im Jahr 1385 vom Trienter Bi- schof damit belehnt worden. Bis er allerdings damit beginnen konnte, sich in der Burg wohnlich einzurichten, vergingen weitere drei Jahre. Der Ausbau zu einer repriisentativen und doch bequemen Residenz, die auf die Ansprüche eines mit den Annehmlichkeiten stadtischen Wohnkomforts verwohnten Stadtbi.irgers zuge- schnitten war, sowie die künstlerische Ausstattung der renovierten, um-oder neu- gebauten Bauteiie zog sich dann noch über ein Vierteljahrhundert hin. In einer heute stark verwitterten Freskoinschrift beklagt sich Vintler über den desolaten Zustand, in welchem er Runkelstein vorgefunden hatte, und rühmt sich, die Burg

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Flair in die An lage brachte und die wuchtige Palas-Architektur auflockerte. Ein imposanter italienischer Kamin dominiert den , Gare]' -Saal und sorgte für gu te Beheizung der Raume im ersten Stockwerk.

Ni klaus Yintler- Eine Karriere im lanclesfürstlichen Dienst

Wie Gottschalk Knoger war auch Niklaus Vintler aus bescheidenen Yerhaltnis- sen hervorgegangen, wenn er es auch nie zum Ritter bringen sollte wie dieser.

Doch wahrend die Erfolgsgeschichte Knogers die flüchtige eines einzelnen In- dividuums ist, laBt sich die Karriere Niklaus Yintlers in eine lange Familienbio- graphie integrieren, deren letzte Kapitel noch nicht geschrieben sind. Die Bozner Vintler, die mèiglicherweise ais unfreie Mitglieder der familia der Grei- fensteiner Herren nach Bozen gekommen waren, tauchen seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts immer wieder im Umkreis von Trienter Ministerialen in den Urkunden auf. Unter Meinhard II. und seinen Sèihnen vermag sich die Familie wnehmend in der stadtisch-boznerischen (bürgerlichen) Oberschicht zu etablie- ren und von der sti.idtefreundlichen bzw. adelsfeindlichen Po!itik Meinhards II.

zu profitieren. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts ist ein Konrad Vintler im Jan- desfürstlichen Dienst ais Zèillner am Lueg (Brenner) nachzuweisen, Fritz Vint- 1er vertritt 1309 in einem stadtischen Gremium von iurati (Geschworenen) - vielleicht einer Yorstufe des Stadtrates- die Interessen der Stadt. Geschüfte im Weinbau und -handel sowie im Kreditwesen machen die Familie rasch wohlha- bend. Die neuen Habsburger Landesherren verhelfen in der zweiten Hi.i1fte des 14. Jahrhunderts Niklaus Yintler zu seinem fulminanten Aufstieg. Sie verleihen ihm die landesfürstlichen Schlüsselstellen des stadtischen Wirtschaftslebens (Fronwaage, Kornplatz, Korn- und Weinme13amt, Fleischbanke) und machen

i~n dan~

zu ihrem Landrichter, spater auch Amtmann (Verwalter) im Landge- ncht Gnes. Nach der habsburgischen Landerteilung von 1379 wird Vintler in den Autbau einer selbstandigen Tiroler Finanzverwaltung einbezogen. Ais her- zoglicher Rat vertritt er auf diplomatischen Missionen die habsburgischen Inter- essen in Oberitalien. 1392- also sieben Jahre nach dem Kauf von Runkelstein - ernennt Albrecht III. Niklaus Vintler mm auch offiziell zu seinem obersten Amtmann und damit zum ersten Finanzbeamten des Landes Tiro!. Kurz darauf wird ihm das Wappen der ausgestorbenen Bozner Stadtadligen von Obertor ver- Iiehen und damit eine zumindest quasi-adlige Stellung zugebilligt. Für die Re- gierung und den alten Tiroler Ade! bleibt Vintler allerdings immer nur der un- tergeordnete Beamte, in wichtige politische Entscheidungen wird er nie mitein- bezogen. lm Konflikt zwischen der machtigen Tiroler Adelsclique unter Führung des Landeshauptmanns Heinrich von Rottenburg und dem neuen Lan-

~esherrn

Friedrich IV. gerat Vintler zwischen Stuhl und Bank und muB seine Amter und erworbenen Pfandschaften (durch welche er die Politik und Lebens- haltung der Herzoge mitfinanzierte) abgeben.

. . S ·t (on die wir uns bei der Beurteilung von Kauf, Ausbau und

Das ISt die t ua 1 , . .. .

. h . Ausstattung von Runkelstem stets vor Augen halten mussen. D1e

künstlensc el . ' . . .

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st keine Adelsburg im herkommhchen Smn, sondern das we1t

VintlerresJ enz 1. . . .. . . .

· h b Symbol für den Aufstieg einer Fanuhe, deren stand1sche Emord-

herum slC t are . . .

· 1 · iner Grauzone zwischen Bürgertum und Ade! bewegt, d1e s1ch Je-

nung s1c 1 Ill e .. . .

· 1 d kulturell sowie in der Lebensfuhrung nach dem Votb!ld des Adels cloch sozta un

richtet.

Wech.<>clhal'tes Schicksal im Wandel der Zeit

Niklaus Vintler c-11413) hatte keine mannlichen Erben hinterlasse~, _so d~B Ru~­

kelstein nach seinem Tod nur noch zur Halfte im Besitz der Fam1he bheb. _NI- klaus' Neffe Hans Vint! er (t 1419) trat ais oberster Amtmann, aber auch ais L!eb- haber von Kunst und Literatur in die Ful3stapfen seines Onkels. Womoglich ist der AbschluB der Sommerhaus-Ausmalung erst w seiner Zeit erfolgt. Der Nach- welt bekannt geworden ist er durch seine Übersetzung und Nachdichtung eines italienischen Lehrgedichts, des ,Fi ore di virtù' des Bologneser Mèinchs Tommaso Gozzadini (,Die Pluemen der tugent', 1411).

Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts verkaufen die Vintler ihre letzten Anteile an Runkelstein. Damit ist auch die eigentliche Glanzzeit der Burg zu Ende, obwohl diese bald in den Besitz des Landesherrn kam. Runkelstein wurde 1463 zum un- freiwil\igen ,goldenen Exil' des Trienter Fürstbischofs Georg Hack, nach dessen Tod 1465 wechselten in rascher Folge Pfleger, die diesen Ausdruck kaum ver- dienten: Runkelstein verkam. Ein Intermezzo stellte nur gerade das Interesse dar, welches der Burg und seiner Bemalung von Kaiser Maximilian entgegengebracht wurde. Er Jiel3 sich das Sommerhaus für seine Bozner Aufenthalte wohnlich ein- richten und veranlaBte die ,Erneuerung', d.h. die Übermalung der Sommerhaus- Malereien nach dem alten Vorbild. Maximilian war fasziniert von den literari- schen Bilderzyklen auf Runkelstein, die so gut in sein kulturelles und literarisches Konzept pa13ten, welches sich an den heroischen und hüfischen Vorbildern einer langst vergangenen Epoche orientierte. Die RestaurierungsmaBnahmen nahmen mit dem Tod des Kaisers im Jahr 1519 und einer verheerenden Pulverexplosion im darauffolgenden Jahr ein Ende. Der Bergfried und ganze Pmtien der Tormau- ern waren eingestürzt. Nur notdürftig wurden in der Folge Raumungs- und Siche- rungsma13nahmen eingeleitet. 1528 stellte die Innsbrucker Kammer Runkelstein als ,alt od schloss' vor, für welches sich Ausgaben für den Unterhalt oder die Burghut nicht mehr lohnten. Als Erblehen wird die Anlage an die Herren von Brandis, spater an die Liechtensteiner verauBert, welche über 200 Jahre lang Run- kelstein besitzen und zeitweise auch wieder bewohnen. Die ostlichen Trakte mit- samt der Kapelle werden 1672 ein Raub der Flammen. 17 54 tri tt Franz Anton von Liechtenstein die mittlerweile nur noch im Westpalas durch einen Pachter be- wohnte Burg an Kaiserin Maria Theresia ab.

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Rflnke!Hein ais Po,Hkartenidylle:

Wiederell!decklfllg einer

Von der ,schonen Ruine' cler Romantiker zum neugotischen Phantasieschlof3

Die Einrichtung einer Gaststat- te durch den Bozner Pachter Franz von Kofler, der mit Tri- enter bischoflicher Unterstüt- zung die noch einigermaBen er- haltenen Burgteile sichem lieB, leitete nach dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts im Ver- bund mit der herrschenden ro- mantischen Begeisterung fi.ir das Mittelalter und ihre Überre- ste die Wiederentdeckung der ,schonen Ruine' und ihrer li- terarischen Bilderzyklen ein.

Kbnig Ludwig 1. von Bayern besuchte zweimal (1833 und 1841) - das zweite Mal auch in Begleitung seines Hofmalers- Runkelstein. Unzahlige Olbilder, Skizzen und Stiche entstehen in dieser Periode.

Der Historiker Joseph Gorres verbreitete durch eine enthusiastische Schilderung der Burg deren Ruhm weit nach Deutschland. Und Viktor von Scheffel dichtete sein vielzitiertes Runkelstein-Gedicht: »Noch heute freut's mich, o Runkel- stein ... ".

Eine grundlegende Sicherung und Restaurierung der Burg drangte sich nach einer erneuten Katastrophe auf. Sprengungen unter der Nordseite des Runkelsteiner Felsens ( 1853), die der Neutrassierung der Sam taler StraBe dienten, führten im Jahr 1868 zum Absturz der AuBenmauern des Sommerhauses mitsamt der Halfte der Tristan-, Gare]- und Wigalois-Zyklen auf ihrer Innenseite. Nur Teile davon konnten in der Talfer geborgen und gerettet werden. Nach langem Ringen um Sinn oder Unsinn einer Sanierung der Burg sowie Erfolgen einer Runkelstein- Ausstellung in Wien, Innsbruck und gar auf der Pariser Weltausstellung von 1879 wurde die Burg im Jahr 1880 von Erzherzog Johann Salvator aufgekauft und

dertwende, im Jahr 1893, schenkte der Kaiser das SchloB der Stadt Bozen, welche die Verpflichtung zum Unterhalt übernahm. Wieder saBen Pachter im SchloG, der Gastsüittenbetrieb wurde aufrechterhalten. Runkelstein bot in der Folge über Jahrzehnte hinweg die malerische Kulisse für kulturelle Aufführungen und Feste aller Art. Darunter wie auch unter der Militarbesatzung im Ersten Weltkrieg und der Einrichtung von Notschlafraumen im Zweiten Weltkrieg Jitten besonders die Bilcler, deren bislang letzte RestaurierungsmaGnahmen eben erst abgeschlossen wurden.

Die !<u11keisteiner Wandmaiereien ais kunsthistorisches Monument

Ulill Llilturhistorisches Dokument

Nichl nur elie Runkelsteiner Steine zeugen von der wechselvollen Geschichte der Burg im bunten Reigen ihrer Besitzer, Bewohner und Besucher, auch die noch er- haitenen umfangreichen Reste der Wandmalereien stellen über ihre Bedeutung ais kunsthistorisches Monument hinaus ein einzigartiges Dokument der Kulturge- schichte dar, welches uns einen Einblick in eine uns ferne Welt, ihr Den ken und ihr Fi.ihien bietet.

Zu einem kunsthistorischen Monument machen die Bilder nicht in erster Li nie ih- re ki.instlerische Qualitat- diese wird von den Kunsthistorikern in der Regel nicht besonclers hoch veranschlagt -, sondern ihre Stellung ais umfangreichster Zyklus profaner Wandmalerei im deutschsprachigen Gebiet einerseits und ais bedeuten- des Bindeglied innerhalb einer Kunstrichtung andererseits, die um die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert ais ,internationale Gotik' oder ,hüfischer Stil' in ganz Europa ihre Blüten treibt und direkt zur Renaissancekunst i.iberleitet. Bozen ais Zentrum eines europaischen Transitlandes zwischen Nord und Si.id und als ,melting pot' der Kulturen bot sich zur Annahme eines ,internationalen Stils' be- sonclers gut an. Auch Niklaus Vintler selbst bewegte sich ja ais Geschaftsmann undlandesfürstlicher Beamter, Rat und Diplomat nicht in engen tirolischen Bah- nen. Als Kaufmann exportierte er Getreide von Osterreich an den Gardasee, ais Financier treffen wir ibn in Verona an, auf diplomatischen Missionen in Venedig, Treviso und Padua. In Wien lernte er am Hof der Habsburger eine geistesge- schichtlich und kulturell rege hbfische Gesellschaft internationalen Zuschnitts kennen, wie überhaupt seine herzoglichen Gonner durch ihre ehelichen und poli- tischen Verbindungen mit samtlichen Herrschafts- und Kulturzentren Europas in engem Kontakt standen.

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wahrscheinlich Niklaus Vintlers Münchner Schreiber Heinz Sentlinger zu ver- danken, dessen Vorbildung ihn zur Betreuung eines anspruchsvollen Bildpro- gramms befahigten. lm Westpalas dominieren die Darstellungen hüfisch-adliger Unterhaltung mit ihren umfangreichen Turnier-, Tanz-, Spiel- und Jagdszenen, mit modisch gekleideten Hoflingen und Paaren im galanten Gesprach oder ais Zuschauer, die den Betrachter der Bilder ais Beobachteten erscheinen und an der Grenze zwischen Kunst und Realitat zweifeln lassen. Überhaupt zeichnen sich diese Bilder durch einen hohen Grad an Beobachtungsgabe und realistischer De- tailfreudigkeit aus- ein Zug der ,internationalen Gotik' überhaupt. Wappen ais Herrschaftszeichen und Reprasentanten der politischen wie sozialen und kulturel- Ien Führungsschicht sind allgegenwartig und unübersehbar. lm jüngeren Som- merhaus, aber auch im heute weitgehend zerstorten ehemaligen Ostpalas ist es das Iiterarische Interesse, das zu dominieren scheint, mit Bilderzyklen zu hüfi- schen Liebes- und Ritterromanen des 13. Jahrhunderts, wovon die Malereien um ,Tristan und Isolde', ,Gare! vom bli.ihenden Tai' und ,Wigalois, dem Ritter vom Rade' noch am besten erhalten oder zumindest gut dokumentiert sind. Ihre Hel- den konnen ais Modelle einer adlig-hofischen Gnmdhaltung verstanden werden, welche die hofischen Szenerien des Westpalas (wo es ja um adligen Lebensstil und gutes Benehmen ging) um eine ethisch-moralische Komponente erganzen.

Die Darstellungen adlig-ritterlichen Lebens, Verhaltens und Ethos finden an der AuBenwand des Sommerhauses ideologische Verankerung in Geschichte, Wissen und Glauben. Die Helden hüfischer Romane und heroischer Dichtung treffen in den , Tri aden' des gedeckten Sollers auf exemplarische Führungspersonlichkeiten von Heiden-, Juden- und Christentum und werden so selbst zu historischen Figu- ren, die ihre Rolle in der Heilsgeschichte einnehmen. Direkt unter ihnen, an Wehrmauer und Arkadenwand, zieht diese Welt- und Heilsgeschichte, verkorpert durch einhundert gemalte romische und romisch-deutsche Kaiser, bis in die Ge- genwart hinein an dem Betrachter vorbei. Die Kaiser stehen in Runkelstein ihrer- seits buchstablich auf den Saulen des die Weltordnung durchschauenden wie stüt- zenden Wissens und der moralisch-ethischen Tugenden, die in den Laibungen der Arkaden durch die gemalten Frauenfiguren der sieben freien Künste (mit der Phi- losophia als ihrer Mutter) und wahrscheinlich der sieben Haupttugenden (nicht erhalten) personifiziert werden.

Die Bilder sind natürlich nicht- wie das Generationen von Runkelsteiner Bildbe- trachtern getan haben - als Ausdruck oder Spiegel des real en Lebens auf der Burg zur Zeit der Vintler zu interpretieren, sondern ais die Darstellung eines stimmigen und in sich logischen und geschlossenen hofischen Kosmos, wie er um die Wende zum 15. Jahrhundert Iangst erschüttert ist und nur im nostalgischen Rückblick ais Wunschbild wiederbelebt werden kann. Niklaus Vintler versucht seine Anni:ihe- rung an den adligen Stand dadurch zu festigen, daB er Hauptelemente des Welt- bilds, der Mentalitat und des kulturellen Wissenshorizonts dieser Schicht bildlich

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·'1 . . ld ntifikati n mit der Ade! kullur kundlllt, wei-

. ·t und dadUI G 1 tne . . . .··

reproduztet 1 ... · fïhlt Di Buro und ihre Bilder tragen tl1deuug tepta-

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her· ' st . 1 wollen na h aul3en wirk n. Die au gemalten ale b ten

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und musikaltsch-lltetmtsc e ' ' den Bildern erfahren konnten.

Die jiin P sten Restaurierungen der Wandgemiilde iln .

Son~nw ;:haus und in der Kapelle von Schloj3 Runkelstem

Verena Mumelter-Piller

ser Bericht versteht sich vor allem als Beitrag zur Geschichte der

za~lreichen

te . lgen ttnd Überarbeitungen der historischen Wandgemalde un Som-

Restaunenu .

h d .tl der· Burgkapelle Ohne die Beri.icksichtigung der Schadensmsa-

mer aus un 1 ·

chen und der sich dm·aus ergebenden Eingriffe in den

vergang~nen Jahrhundert~n w~tren

gezielte, erfolgversprechende MaBnahmen

zu~·

Konservterung und. »_Entt_e-

. " nt"cht moglich Im Untersuchungsbencht der Wandmaleteten un

staunerung ·

S ·h s" votl 1984 /85 befaBte sich der Schweizer Experte Oskar Emme-

ommet au . · d

· "k B"ld .·· · F1x1er- un del. ETH Zi.irich eingehend mtt Maltechm ' t ttagem,

negger von .. . · L ·

Bindemitteln, weist auf Schadensursachen und fri.ihere

Uberarbettu.nge~

hm. et- der beschranken si ch die wissenschaftlichen U ntersuchungen a:uf dte

Tn_ade.~

und

die Gemalde an den Wanden und am Kamin des Garelzimmers; aus Zettgrunden konnten die Untersuchungen nicht auf

das gesamte Sommerhaus ausgedehnt werden. Besonders wertvolle ergan- zencle Hinweise liefern Aufzeichnun- gen des Restaurators Adriano Salvoni, der in den Jahren 1989-1993 die Re- staurierung der Wandgemalde des Ga- rel- und des Tristanzyklus durchflihrte.

»Das sloss Runckelstain mit dem ge- mel (Gemalden) lassen zu vernewen von wegen der guten alten histori und clieselb histori in schrift zuwegen brin- gen«, !autet eine Aufzeichnung Kaiser Maximilians 1. von 1502 in seinem Notizbuch. 1508 erteilt er dem Maler Marx Reichlich den Auftrag, die

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