PAYS DE LANGUE ALLEMANDE
Zufolge allzu großer Belastung des Berichterstatters mit anderen Aufgaben mußte im letzten Band dieser Zeitschrift der Literaturbericht für die deutschsprachigen Länder entfallen. Dies erklärt den größeren Umfang des diesjährigen Berichtes. Begonnen sei dabei, wie jedesmal, mit T e x te d itio n e n :
Zu den 1998 von Wilfried Hartmann publizierten Texten der fränkischen Synoden von 860 bis 874 (vgl. ALMA 56, S. 262) erschien vor kurzem ein Supplement mit Schriften Hinkmars von Reims — dessen Stellungnahme zur Ehescheidung Lothars II. wurde 1992 publiziert (vgl. ALMA 53, S. 216) — und seines ungeliebten Neffen und Suffragans, Hinkmars von Laon. Der Streit der beiden gab im Zeitraum 869/871 an Hoftagen und Synoden wiederholt zu reden. Davon zeugen die den Synoden als solchen zugehörenden Texte, aber eben auch separate Materialsammlungen und Memoranden. Es sind ihrer fünf Nummern, und sie werden, in chronologischer Folge, kritisch ediert in : Die Streitschriften Hinkmars von Reims und Hinkmars von Laon, 869-871. Heraus gegeben von Rudolf Sc h ie f fe r. (Monumenta Germaniae Histórica : Concilia 4, Supple- mentum 2). Hannover : Hahn, 2003. XV, 583 S. ISBN 3-7752-5355-6. — Zunächst geht es um fünf Zusammenstellungen von Materialien hauptsächlich aus Pseudo-Isidor, die Hinkmar von Laon anlegte. Ebenfalls von ihm stammt der ‘Pittaciolus’, eine Streit schrift, auf die sein Onkel mit dem weitläufigen ‘Opusculum LV capitulorunT antwor tete. Mit einer ‘Rotula prolixa’ nimmt wiederum der Neffe das Wort, ohne darin jedoch schon auf die umfangreiche Schrift seines Onkels zu reagieren. Nur wenige Seiten umfaßt eine weitere Streitschrift des Neffen, die man, nach dem Migne-Druck, mit ‘Collectio ex epistolis Romanorum pontificum’ bezeichnet. Dies stellt die letzte erhal tene Stellungnahme des Neffen in diesem Streit dar ; an der Synode von Douzy (August 871) wurde er seines Bischofsamtes entsetzt. Die gepflegte, auf umfangreichen Quellen studien beruhende Edition zeichnet sich auch durch einen detaillierten Wortindex aus.
Aus dem Umfeld der Erforschung der Kapitulariensammlung des Benedictus Levita stammt die folgende Arbeit, welche einen weiteren, verhältnismäßig kurzen Text Hink mars von Reims, ‘De presbiteris criminosis’, zum Gegenstand hat, eine wohl 876/77 abgefaßte, an den Papst gerichtete Denkschrift über die gerichtlichen Verfahren bei
Prozessen gegen Geistliche: Gerhard Sc h m it z. D e presbiteris criminosis. Ein Memo
randum Erzbischof Hinkmars von Reims über straffällige Kleriker. (Monumenta Germa niae Histórica: Studien und Texte 34). Hannover : Hahn, 2004. XI, 124 S. ISBN 3-7752- 5734-9. — Darin geht es in grundlegender Weise um verfahrensrechtliche Fragen, aber auch um manches andere, was aus der Sicht des Verfassers zumindest lose damit zusam menhängt. Das Werk enthält ausführliche Stellungnahmen gegen Pseudo-Silvester bezie hungsweise gegen Pseudo-Isidor ; der Schluß des Ganzen betrifft das Verhalten der Kleriker ganz allgemein. Die Schrift wird hier gründlich besprochen und kritisch ediert.
Zu den wichtigsten frühen Geschichtsquellen der Abtei Sankt Gallen gehört der
Galli’ genannt, geschrieben von dem Mönch und Lehrer Ratpert. Ratpert, von dem sich auch einige liturgische Dichtungen erhalten haben, geht es in seiner Hauschronik zunächst um die Vorgeschichte und die Gründung des Klosters, verbunden mit dem Namen des Kolumbanjüngers Gallus, der am Ort des späteren Klosters eine Eremiten klause bewohnt hatte, und des Gründers der Abtei, Otmar. Das Hauptinteresse des Geschichtsschreibers gilt den langwierigen Auseinandersetzungen, die das Kloster mit den weltlichen Mächten, vor allem aber mit den Bischöfen von Konstanz zu führen hatte. Sein Selbstbehauptungswille führte schließlich, nach vielen Erfolgen und Rück schlägen, zur Eigenständigkeit. Wenn es Ratpert um den Besitz und die Rechte des Klosters allgemein zu tun ist, so daneben noch in besonderer Weise um den Besitz an Büchern ; so rückt er eigentliche Bibliothekskataloge in seinen Text ein. Ratperts eigene Zeit wird, mit großem zeitlichem Abstand, jedoch in viel größerer Lebendigkeit, von seinem weit berühmteren Nachfolger, Ekkehart IV., geschildert. Ratperts Geschichts
werk (Ratpert. cas.), bisher zu benützen nach der Edition von Gerold Mey e r von
Knonau (St. Gallen 1872), hat vor kurzem die längst fällige Neuedition erfahren : Ratpert. St. Galler Klostergeschichten (Casus sancii Galli). Herausgegeben und übersetzt
von Hannes Stein er. (Monumenta Germaniae Histórica : Scriptores rerum Germani-
carum in usum scholarum separatim editi 75). Hannover : Hahn, 2002. X, 283 S. ISBN 3-7752-5475-7. — Im Zusammenhang mit dieser Edition hat der Bearbeiter nicht nur die text- und quellenkritischen Fragen gründlich studiert, sondern auch St. Gallens Früh geschichte überhaupt. In seiner einleitenden Studie geht er nebst anderm auf die prekären Anhaltspunkte für Ratperts Biographie, vor allem einzelne Nennungen in Urkunden, ein. Fest stehen dürfte, daß er das späteste datierbare Ereignis seiner Erzäh lung (Anfang 884) um Jahre überlebt hat. Seinen Text hat er „um oder bald nach 890“ abgefaßt. Der Herausgeber gibt seinem Editionstext nicht nur einen auf alle Einzelheiten eingehenden Sachkommentar bei, sondern auch eine deutsche Parallelübersetzung.
Zur Geschichte der Abtei Reichenau werden in einer gefällig gestalteten, von Walter Berschin herausgegebenen kleinen Buchreihe (s. zuletzt: ALMA 56, 1998, S. 261) immer wieder einzelne Texte in Neuedition, begleitet von einer deutschen Übersetzung, einer ausgebauten Einleitung sowie Illustrationen, vorgelegt : Publikationen, welche Fachleute wie auch Liebhaber ansprechen. Soeben ist die karolingische Vita des Grün
dungsheiligen der Abtei (VitaPirmin. I, ca. 850/880) in dieser Weise bearbeitet worden :
Richard An to ni. Leben und Taten des Bischofs Pirmin. Die karolingische Vita. Mit
einem Geleitwort von Münsterpfarrer Alfons We isse r. (Reichenauer Texte und Bilder 9).
Stuttgart : Thorbecke, 2002. 111 S., Abb. ISBN 3-7995-4409-7. — Das ansprechende Bändchen ist nicht nur ein Muster gelungener Aufbereitung lateinischer Texte für eine breitere Leserschaft, sondern besitzt auch wissenschaftlichen Eigenwert : Die hier gebo tene, von einem detaillierten Variantenapparat begleitete kritische Ausgabe beruht auf
der Kollationierung von 17 Handschriften ; in derjenigen von Ho ld e r- Egg er (MG SS
15, S. 21-31,1887) waren deren nur neun berücksichtigt worden. Als Leithandschrift gilt St. Gallen, Stiftsbibi. Hs. 577 ; mittels Sonderzeichen wird sogar deren rhetorische Inter punktion wiedergegeben. Einleitend wird, nächst einer biographisch-hagiographischen Einführung, eine eingehende Beschreibung jeder Handschrift geboten. Am Schluß ist der Titulus des Hrabanus Maurus für Pirmins Grab ( Hr a b a n. carm. 63) beigegeben.
Vor kurzem ist eine neue Ausgabe der Werke Lantberts von Deutz erschienen. Lam bert war, zu Anfang des 11. Jh’s, ungefähr zwanzig Jahre lang, Mönch in Saint-Laurent in Lüttich, seit 1026 unter dem Abbatiat seines Onkels Stephan. Wohl in den frühen 1040er Jahren trat er in das Kloster Deutz ein. Nach dem Tod seines Onkels, 1060, wurde er Abt von Saint-Laurent, wo er 1069 starb. Sein Hauptwerk ist die Vita des Kölner Erzbischofs Heribert (999-1021), der Otto III. nahegestanden hatte, und der
1002/03 das Kloster Deutz gegründet hatte, welches denn auch zu seiner Grablege werden sollte. Bald wurde er als Heiliger verehrt ; davon zeugt unter anderm das eben
falls von Lantbert stammende Mirakelbuch. (Die beiden Werke : La m b. Tuit. Herib.
[bzw. vita / mirac. Herib.].) Diese beiden Prosatexte zeichnen sich formal dadurch aus, daß in ihnen zwei ganz unterschiedliche Schmuck- und Gliederungsmittel miteinander angewandt sind : Reimprosa wie auch Cursus. Vor kurzem ist, als überarbeitete Disser tation der Universität Bonn, eine Neuausgabe davon erschienen, die auch das — freilich schmale — dichterische Œuvre des Autors mit umfaßt : Lantbert von Deutz. Vita Heri- berti. Miracula Heriberti. Gedichte. Liturgische Texte. Herausgegeben von Bernhard Vo g e l. (Monumenta Germaniae Histórica : Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 73). Hannover : Hahn, 2001. 373 S. ISBN 3-7752-5473-0. — Zu den poetischen und liturgischen Stücken gehören : eine Sammlung von 23 Inschriften und Aufschriften, darunter Epitaphien, in Hexametern oder Distichen, sodann die von ihm selber auch in Musik gesetzte Liturgie zum Fest Heriberts : ein Offizium, Orationen zum Offizium und zur Messe, ferner zwei Hymnen und eine Sequenz. Hinzu kommen Elemente zum Offizium des maasländischen Lokalheiligen Hadalinus, und schließlich eine Sequenz auf den Namenspatron unseres Autors, auf den heiligen Lambert ; für sie steht seine Verfasserschaft allerdings nicht völlig fest.
Die Quedlinburger Annalen (An n a l. Quedl.) sind 1839, somit in den Anfangszeiten
der ‘Monumenta Germaniae Histórica’, letztmals ediert worden. Nun ist im Schöße dieser Institution eine gediegene Neuedition dieses wichtigen Geschichtswerkes erschienen, ursprünglich eine historische Dissertation der Universität München : Die
Annales Quedlinburgenses. Herausgegeben von Martina Giese. (Monumenta Germaniae
Histórica : Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 72). Hannover : Hahn, 2004. 680 S. ISBN 3-7752-5472-2. — Der eigentlichen Edition geht als Einleitung eine umfangreiche, nahezu 400 Seiten starke Monographie voran. Daraus nur kurz das Allerwichtigste : Dieses Annalenwerk stammt wohl aus dem Kanonis- senstift St. Servatius in Quedlinburg, welches dem ottonischen Herrscherhaus nahestand. Die Abfassung des Textes erstreckt sich ungefähr über den Zeitraum von 1008 bis 1030. Bis 1003 ist überwiegend nach Vorlagen gearbeitet worden : das gilt für den chronikali schen Anfangsteil, aber auch für den annalistischen Teil, worin sich von 852 an eigen ständige Einträge erkennen lassen. Der sprachliche Befund führt zu der Vermutung, daß nur eine einzige Person am Werk gewesen ist, einige Gründe sprechen dafür, daß es sich um eine Frau handelt. Bei der Niederschrift des Erzählten lassen sich einzelne Schübe unterscheiden. Die Überlieferung beruht heute einzig auf einer in Dresden liegenden Papierhandschrift des 16. Jh’s, die auf eine bereits verstümmelte Vorlage zurückgeht. Unter anderm ist der Schluß des Textes verloren. Aus der eigentlichen Edition ausge gliedert und ihr vorgeschaltet sind die Textrekonstruktionen der Bearbeiterin für die fest gestellten Lücken, dies anhand von Schwester- und Tochterquellen.
Zufolge eines bedauerlichen Versehens ist bisher die Nennung einer — mittlerweile schon nicht mehr ganz neuen — Arbeit unterblieben, die der Berichterstatter an sich sogar sehr genau kennt, ist sie doch in der von ihm herausgegebenen Buchreihe
erschienen : Sabine Gä b e. Otloh von St. Emmeram. ‘Liber de temptatione cuiusdam
monachi’. Untersuchung, kritische Edition und Übersetzung. (Lateinische Sprache und Literatur des Mittelalters 29). Bern : Lang, 1999. 384 S. ISBN 3-906759-45-8. — Otloh, dieser im Kloster St. Emmeram in Regensburg wirkende Gelehrte, Dichter und Schreib künstler (*ca. 1010, t nicht lange nach 1070) hinterließ eine stark autobiographisch eingefärbte Schrift, auf welche schon manche, mit dem Ziel, ein Bild von der dahinter stehenden Persönlichkeit zu gewinnen, ihre Aufmerksamkeit gerichtet hatten. Dieses um
erarbeiteten Dissertation — erstmals eine kritische Edition, im Wesentlichen nach Otlohs Autograph (München, clm 14756), begleitet von einer deutschen Übersetzung im Paralleldruck. In der vorangehenden Studie wird, von den Präliminarien zur Edition abgesehen, eine intensive Befragung des Textes selber vorgenommen. Untersucht werden Aufbau und Inhalt, die darin erkennbaren älteren Textschichten, sodann Sprache und Stil dieser Schrift sowie ihre Quellen. Vor allen Dingen aber geht es um die Erfas sung dessen, was der Autor im Theologisch-Geistigen gewollt hat. Der Bericht von den sittlich-spirituellen Erfahrungen, die der sich dabei nie Nennende gemacht hatte, von den Anfechtungen, die er durchzustehen hatte, wird hier vor dem Hintergrund bestimmter Traditionen geistlichen Schrifttums gewürdigt. Er wird nicht einfach im Sinne einer Lebensbeichte oder Selbstdarstellung, sondern, darüber hinaus, als mögli ches Identifikationsmodell für andere gesehen.
Die drei schwäbischen Fortsetzungen der Weltchronik Hermanns von der Reichenau, von denen zwei Bemold von der Reichenau, eine dritte Berthold von Konstanz zugehören, sind im letzten Bericht (ALMA 60, S. 263f.) erwähnt worden, dies aus Anlaß des Erschei nens einer zweisprachigen Gebrauchsausgabe. Ein Jahr danach ist, seitens desselben Her ausgebers, im Rahmen der ‘Monumenta Germaniae Histórica’ die — schon vor längerem auf den Weg gebrachte — editio maior dieser Texte erschienen : Die Chroniken Bertholds
von Reichenau und Bemolds von Konstanz, 1054-1100. Herausgegeben von Ian S. Ro b in
s o n. (Monumenta Germaniae Histórica: Scriptores rerum Germanicarum, Nova series 14). Hannover : Hahn, 2003. X, 645 S. ISBN 3-7752-0214-5. — Was die wichtigsten Angaben betreffend die beiden Verfasser und ihre drei Texte angeht, darf auf das an oben erwähnter Stelle Gesagte verwiesen werden. Die jetzt erschienene Ausgabe hat der editio
minor vieles voraus, so die ausführliche Einleitung, den detaillierten, wenn auch knapp gefaßten Sachapparat sowie das reichhaltige Wortregister. Die Arbeit, die schon vor geraumer Zeit in einstweiliger Form fertiggestellt worden war, ist inzwischen von Angehörigen des Instituts weiterbetreut und auf den neuesten Stand gebracht worden.
Gottfried (Godefroid) von Reims (um 1030-1095) wird, auch wenn sein Œuvre einen nur geringen Umfang aufweist, dem erlauchten Kreis französischer Dichter des Huma nismus des 12. Jh’s beigerechnet. Der Verfasser einer Bonner Dissertation von 2001 hat es unternommen, alles Überlieferte zu Person und Werk zu sammeln, zu sichten und aufzubereiten : Gottfried von Reims. Kritische Gesamtausgabe. Mit einer Untersuchung zur Verfasserfrage und Edition der ihm zugeschriebenen Carmina. Eingeleitet, herausge geben und kommentiert von Elmar Br o ec k er. Frankfurt am Main : Lang, 2002. 305 S. ISBN 3-631-38902-7. — Im Mittelpunkt steht die Edition und Kommentierung der sieben Gedichte, die für echt gelten dürfen — bisher nach Editionen von André Boutemy zu benützen — , nämlich : ‘Ad Ingelrannum archidiaconum de moribus eins’ (Walther, Initia 10512), das ‘Sompnium Godefridi de Odone Aurelianensi’ (166), die häufig edierte ‘Satyra de quadam puella virgine’ (13688), dann sein ‘ad episcopum Lingo- nensem libellas’ (12156) sowie drei Epitaphien. Ausgiebig behandelt wird ferner das hier Gottfried zugewiesene Gedicht De nuptiis Mercurii et Philologie’ (20338 / 2448) sowie die für unecht gehaltenen Stücke De rege Willelmo’ (14209), sodann das viel- gliedrige Gedicht, das mit ‘Inmutado dextere excelsi’ überschrieben ist (13406 / 19521), ein Streitgedicht zwischen dem Dichter und der G loria inanis. Die Arbeit enthält ausge dehnte Bemerkungen über Sprache, Metrik und Stil, die schätzenswert sind, auch wenn darin gewisse Unebenheiten und Merkwürdigkeiten Vorkommen. (Zum Beispiel wird streckenweise die Aufzählung irgendwelcher syntaktischer Beiläufigkeiten in lita
neimäßiger Monotonie von dem Vermerk „ Sto tz ohne Belege“ begleitet.) Manche
Besserungen zu der in gewissen Punkten etwas flüchtig geschriebenen Arbeit sind bereits von anderer Seite (Jan Öb er g, Mittellateinisches Jahrbuch 39, 1, 2004, S.
128-131) beigesteuert worden. Die im Gedicht 2 beim Umbruch ausgefallenen Verse 120 und
196 lauten nach der Edition von André Bo u tem y, Trois œuvres inédites de Godefroid de
Reims (Revue du moyen âge latin 3, 1947, S. 335-366) : et studeat vite tempora longa
dare bzw. si resecem vite stamina fata tue. — Ein willkommenes Nebenergebnis der
Beschäftigung des Bearbeiters mit diesem kleinen Gedichtkorpus ist die dazu verfertigte
(vollständige, jedoch nicht lemmatisierte) Konkordanz : Elmar Br o ec k er. Kritische
Konkordanz zu den Gedichten Gottfried [sic !] von Reims. Frankfurt am Main : Lang, 2003. 308 S. ISBN 3-631-50810-7.
Unter den Werken des Laurentius von Durham (ca. 1114-1154) ist das ‘Hypogno- sticon’, geschaffen in den 1130er Jahren, das umfangreichste : eine in Distichen abge faßte Großdichtung auf biblischer Grundlage. Den gewählten Namen (ypponosticón) erklärt der Verfasser als abbreviatus liber, und er will damit sein Werk durch Kürze dem Publikum empfehlen. Dieses stellt nicht nur eine Verdichtung, sondern auch eine Verflüssigung der biblischen Geschichte dar: In lockerer Form, seinem dichterischen Ingenium folgend, stellt Laurentius auf der Grundlage der erzählenden Bücher des Alten und des Neuen Testamentes dem Leser die Geschehnisse der historia sacra vor Augen. Immer wieder gibt er dabei eigenen Akzentuierungen Raum, stellt Reflexionen an, baut Deutungselemente ein oder ergänzt den biblischen Stoff mit Erzählungen aus dessen Umkreis, etwa dem Bericht, wie Alexander in Jerusalem dem Gott der Israeliten huldigt, oder mit der Septuaginta-Legende. In einem kurzen Ausblick am Schluß wird gar noch über die Zeit der Apostel hinausgegriffen und wird das seitherige Leben der Kirche berührt ; beispielsweise ist vom heiligen Cuthbert die Rede. Das Ganze ist in einen Rahmen von dreimal drei Büchern (freilich ganz unterschiedlicher Länge) gespannt ; die übergeordnete Triade entspricht den drei Heilszeiten : ante legem / sub lege / sub gratia. Das Werk wurde in der Zeit selber hoch geschätzt, fiel jedoch in der Folge der Verges senheit anheim. Vor kurzem ist nun dessen Erstedition erschienen : Gottes Heilsplan — verdichtet. Edition des Hypognosticon des Laurentius Dunelmensis. [Von] Susanne Da u b. Erlangen : Palm und Enke, 2002. [V], 255 S. ISBN 3-7896-0668-5. — Die Herausgeberin hat 23 Handschriften gebucht, von denen viele noch dem 12. Jh. angehören. Eine (beigegebene) Probekollationierung für insgesamt 600 Verse ließ sie zu dem Schluß gelangen, daß die zeitlich und örtlich automahe Handschrift Durham, Univ. Library, MS Cosin VIII. 1, als Grundlage der Edition ausreiche. Allerdings waren verschiedentlich Versehen zu berichtigen. Mit ediert sind die dem Text in dieser Hs. regelmäßig beigegebenen Randtitel.
Das 12. Jahrhundert ist die Zeit, in der man zu den großen Literaturwerken der Antike vermehrt umfangreiche Kommentare niedergeschrieben und verbreitet hat. Was Horaz betrifft, so zeigt sich gerade auch dabei, daß die Menschen des Mittelalters vor allem den Dichtlehrer und Satiriker zu schätzen wußten, während sich ihnen der Lyriker Horaz nicht gar so leicht erschloß. Zu den Satirenkommentaren gehört derjenige eines Anonymus, den man nach dem Incipit des zugehörigen Accessus (Sciendum est Hora-
cium non sine ratione tantam operum diversitatem, varietatem observasse) benennt, und
der sich in sechs Handschriften erhalten hat. (Dazu kommen drei Fragmente.) Die Mate rialien entstammen weitgehend den antiken, seit dem 3. Jh. faßbaren Horazerklärungen. Vor kurzem ist von diesem Kommentar die kritische Erstedition, eine überarbeitete Hamburger Dissertation von 2001, vorgelegt worden : Der Sciendum-Kommentai zu den
Satiren des Horaz. [Herausgegeben] von Roberta Marchio nn i. (Beiträge zur Altertums
kunde 172). München : Saur, 2003. XCVII, 342 S. ISBN 3-598-77721-3. — Es ist anzu nehmen, daß der Kommentar im Zeitraum 1130/1200 in Frankreich geschaffen worden ist. Und zwar handeltes sich nicht um einen Scholien-, sondern um einen Expositions kommentar, der somit weitgehend den Status eines kompakten Textes besitzt. So war es
denn der Bearbeiterin möglich, trotz der gattungsbedingt offenen Form, anhand von Trenn- und Bindefehlem zu einem stemma codicum zu gelangen. Als Leithandschrift für ihre Edition hat sie Paris BNF lat. 5137 gewählt. Ihren textkritischen Erörterungen stellt sie eine eingehende Untersuchung der sprachlichen Form des Textes voran ; was den Lautstand betrifft, so behandelt sie sogar jede der sechs Handschriften für sich. Beson ders den Neuerungen im Wortschatz widmet sie Beachtung ; man findet Erläuterungen etwa zu barra ‘Schranke, Stange’, claretum ‘Würzwein\fr u n c a r e ‘rümpfen, runzeln’,
maneria ‘Art und Weise’, merenda ‘Brotzeit’, rocinulus ‘Nachtigall’ oder spaciari ‘Spaß machen’.
Unter den Texten der Antike, für die man sich um ihres Nutzens willen interessierte, gab es einige, die wegen ihres großen Umfanges kaum zu bewältigen waren. Zu ihnen gehört die ‘Naturalis historia’ des älteren Plinius, ein Werk von erdrückender Weitläu figkeit, welches durch Kreise, denen es um die Anwendung der darin niedergelegten naturwissenschaftlichen Kenntnisse ging, bereits seit dem 4. Jh. verkürzende, rein auf die pharmazeutische Praxis ausgerichtete Bearbeitungen erfahren hatte ( ‘Medicina Plinii’ / ‘Physica Plinii’). Von ganz anderer Art ist der Auszug aus dem naturwissen schaftlichen Gesamtwerk des Plinius, den um die Mitte des 12. Jh’s der englische Augu stiner Robert von Cricklade (1141 zum Prior von Saint Frideswide in Oxford gewählt) angefertigt hat. Seine Arbeit hat er niemand geringerem als König Heinrich II. von England gewidmet. Dieser Querschnitt oder Abriß durch die ‘Naturalis historia’ hat sich in fünf Handschriften des 12. bis 14. Jh’s erhalten und ist vor kurzem — von einem Philologen aus Zürich, jedoch im Rahmen des Hamburger Graduiertenkollegs „Griechi sche und byzantinische Textüberlieferung, Wissenschaftsgeschichte, Humanismusfor schung und Neulatein“ — ediert worden : Roberti Krikeladensis Defloratio Naturalis
historie Plinii Secundi. Edidit Bodo Nä f. (Lateinische Sprache und Literatur des Mittel
alters 36). Bern: Lang, 2002. LXIX, 507 S. ISBN 3-906770-29-X. — Die (lateinisch geschriebene) einleitende Untersuchung erstreckt sich nebst anderm auf die Art, wie der Exzerptor den Pliniustext verändert hat, über die Fehler des Pliniusexemplars, das ihm vorlag, über seine eigenen Fehler (etwa in bezug auf Trennung oder Zusammenschrei bung von Wörtern), über Eigenheiten der Graphie wie auch der Grammatik, die in dem Text-Extrakt zutage treten. Die Einteilung sowie die Vergabe von Überschriften ist bei Robertas neu. Am Rande der Edition laufen die Buch- und Kapitelangaben des Plini- us’schen Werkes mit. Fragen in umgekehrter Richtung — welcher Plinius-Paragraph ist wo exzerpiert ? — beantwortet der Index locorum. Außerdem ist ein reichhaltiger Wort- und Namenindex beigegeben.
Gottfried von Viterbo (um 1125-1202), kaiserlicher Notar und Hofkapellan, war ein ausgesprochener Vielschreiber. Von seinen großen, nicht bis aufs letzte ausgearbeiteten historischen Werken sind die älteren teilweise Vorstufen der jüngeren. Insgesamt sind sie einstweilen erst ganz unbefriedigend erschlossen ; dies gilt auch für die große weltge schichtliche Summe ‘Liber universalis’, in prosimetrischer Form gehalten. Einen wesentlichen Schritt weiter führt die folgende, bei Bernhard Schimmelpfennig in Augs burg eingereichte Dissertation : Oliver Kil l g u s. Studien zum Liber universalis Gottfrieds von Viterbo. Diss. phil. Augsburg. Augsburg 1999. [Selbstverlag des Verfassers] 2001. 316 S. keine ISBN. — Über das Werk orientiert der Verfasser auf dem Netz : http://oliver.killgus.bei.t-online.de/index.htm. Der Gesamttext kann von dort im PDF- Format heruntergeladen werden ; die Buchausgabe kann über E-Mail beim Verfasser bestellt werden. Der Verfasser geht aus vom Befund der autographen Handschrift Paris BNF lat. 4894, einer aus losen Lagen und Blättern bestehenden Entwurfshandschrift, an welcher Gottfried zwischen 1185 und 1191 arbeitete. Besonders werden dann die verschiedenen, recht ausgedehnten sogenannten Introductiones in den Blick gefaßt,
danach die Überarbeitungen, die diesen zuteil wurden. Im Mittelteil widmet sich der Verfasser dem Bild dreier bedeutender Herrscher : dem damals bereits der Legende und der Heldenepik angehörenden Karl dem Großen, sodann Friedrich Barbarossa, vor allem jedoch Heinrich VI. Beim Letzteren spielen sibyllinische Texte eine große Rolle. Schließlich wird eine allgemeine Charakteristik Gottfrieds als Geschichtsschreiber gegeben. Interessant sind insbesondere die Kompilationsmethoden Gottfrieds sowie die Akzentverschiebungen in der Darstellung der einzelnen Personen und Geschehnisse. Wenn die Arbeit hier unter den Editionen eingereiht wird, so wegen ihres als Anhang bezeichneten, immerhin über hundert Seiten umfassenden Editionsteils. Darin wird ungefähr ein Viertel des gesamten Materials, das die genannte Handschrift enthält, kritisch ediert : zunächst die verschiedenen Introductiones zum ‘Liber universalis’, dann das Vorwort und ausgewählte kürzere Stücke aus diesem Werk, zugleich eine Vorform von Gottfrieds ‘Pantheon’ darstellend.
Bei den Editionsuntemehmungen der Diplomata-Abteilung der ‘Monumenta Germa- niae Histórica’ ist erneut ein Markstein gesetzt worden : Nachdem 1990 die Ausgabe der Diplome Friedrichs I. vollendet worden war (vgl. ALMA 52, S. 293), ist nunmehr der erste Band der Ausgabe derjenigen seines Enkels, Friedrichs II., vorgelegt worden : Die
Urkunden Friedrichs II., 1198-1212. Bearbeitet von Walter K o c h unter Mitwirkung von
Klaus H ö f l i n g e r und Joachim S p i e g e l und unter Verwendung von Vorarbeiten von Char
lotte ScHROTH-KöHLER(t). (Monumenta Germaniae Histórica : Diplomata regum et impe-
ratorum Germaniae / Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser 14, 1). Hannover : Hahn, 2002. LVI, 522 S., 16 Taf. ISBN 3-7752-2001-1. — Mit dieser Ausgabe wird nun die für ihre Zeit sehr verdienstliche Ausgabe von J.-L.-A. H u i l l a r d - B r é h o l l e s (1852- 1861) allmählich ersetzt. Das Unternehmen läuft seit 1978. Das Material ist doppelt so umfangreich wie dasjenige zu Barbarossa, und die Ausgabe wird auf mindestens acht Bände veranschlagt. Der vorliegende Band enthält die Urkunden des jungen rex Sicilie,
ducatus A pulie et principatus Capue bis zu seiner Ankunft in Deutschland als erwählter römischer Kaiser im Spätsommer 1212. An der gediegenen Ausgabe soll hier besonders das detaillierte Wort- und Sachregister hervorgehoben werden.
Zu den großen Erzählstoffen, die im Hochmittelalter aus dem Osten nach dem Abendland gelangt sind und hier, im Lateinischen wie in den Volkssprachen, zu mannig fachen Gestaltungen geführt haben, gehört der geistliche Roman von dem indischen Königssohn Josaphat und dem Eremiten Barlaam, der durch seine heimliche Unterwei sung nicht allein den Prinzen, sondern schließlich sogar dessen Vater Advennir (oder Abenner) und das ganze Königreich für das Christentum gewinnt. Seit der Mitte des 11. Jh’s kam die Legende in Übersetzungen aus dem Griechischen im Westen in Umlauf. Auf Grund der sogenannten Vulgatfassung, die seit dem 12. Jh. stark verbreitet war, schuf im 12. oder zu Anfang des 13. Jh’s ein uns unbekannter Dichter eine Versfassung in 1956 Hexametern. Sie hat sich in der Hs. Besançon, BM 94, erhalten. Kürzlich ist davon, als Freiburger Dissertation von 2001/02, die Erstedition erschienen : Matthias
F i s c h e r . Versus de sanctis Barlaam et Josaphat. Die anonyme Versifikation der Barlaam- und Josaphatlegende (12. Jhd.) in der Handschrift Besançon BM 94. (Lateinische Sprache und Literatur des Mittelalters 37). Bern: Lang, 2003. VIII, 229 S. ISBN 3- 03910-105-6. — Der Edition folgt ein Kommentar : im Wesentlichen ein Vergleich mit einer Prosafassung in den stofflichen, erzählerischen und gestalterischen Belangen. Doch als diese Kontrastfolie wird nicht ein Druck oder eine Handschrift der Vulgatfas sung gewählt, auf der die Dichtung doch beruht, sondern, aus nicht recht einleuchtenden Gründen, die viel jüngere, freilich bequem erreichbare Neuübersetzung durch Jacobus Billius (Jacques de Billy, 1533-1581) aus dem Griechischen (PL 73, Sp. 443-606). Anhangsweise werden zwei kürzere hagiographische Dichtungen, die sich in derselben
Handschrift finden, gedruckt, nämlich die ‘Versus de Malcho monacho’, inc. Sanctus
Ieronimus Malchum vidisse fatetur (Walther, Initia 17253), und die ‘Versus de vita sánete Eufrosine’, inc. Vir fit illustris Pannutius, inclitus, almus (Walther, Initia 20403), die, gewissen auffälligen Übereinstimmungen zufolge, vom Verfasser der Barlaam-Dich- tung stammen dürften.
In seinem grundlegenden Buch über „das Streitgedicht in der lateinischen Literatur des Mittelalters“ (München 1920, Nachdruck mit wertvollen Ergänzungen von Paul Gerhard Schmidt: Hildesheim 1984) gab Hans Walther manche Hinweise auf unbe kannte und unerschlossene Texte, unter anderem auch auf eine — teils in rhythmischen, teils in metrischen Versen gehaltene — Dichtung (inc. Salve, cultor salvator is, Walther, Initia Nr. 17090), die in der Hs. Paris BNF lat. 3718 überliefert ist. Darin ficht der wieder auferstandene Lazarus des Johannesevangeliums mit seiner Schwester Maria (identifiziert mit Maria Magdalena) einen eigentlichen Rechtsstreit um das Erbe aus, welches mit seinem Tode fällig geworden war, er aber, erneut ins Leben getreten, als Vermögen wieder für sich beansprucht haben soll. Die fiktive Darstellung dieses Rechts streites zweier biblischer Personen — die wenigsten heutigen Leser werden das Thema anziehend finden — ist zwar anonym überliefert, könnte jedoch Drogo de Altovillari (Dreux d’Hautvillers) zugehören, einem bisher wenig bekannt gewesenen Kanoniker, Scholaster und Offizial der Kirche von Reims im 13. Jh. Auf diesen lassen sich zahl reiche dichterische opuscula zurückführen. Das Streitgedicht sowie auch eine Anzahl
der Gedichte Drogos werden ediert und besprochen in : Michael Peter Bachmann. Drogo
de Altovillari, Discussio litis super hereditate Lazari et M arie Magdalene. Ein Streitge dicht des 13. Jahrhunderts. (Lateinische Sprache und Literatur des Mittelalters 34). Bern: Lang, 2002. 332 S. ISBN 3-906769-51-8. — Die erste Hälfte der Arbeit, eben falls einer überarbeiteten Dissertation der Universität Freiburg im Breisgau, gilt dem Erbschafts-Streitgedicht, das nach Form und Inhalt ausführlich besprochen wird ; dessen Edition ist von einer deutschen Übersetzung begleitet. Die zweite Hälfte umfaßt eine Auswahl der Drogo zuweisbaren, bisher unedierten Gedichte ; der Bearbeiter unterteilt sie in epitaphia, laudationes und diversa. Die edierten Texte sind von ausführlichen, meist das Personengeschichtliche betreffenden Sachanmerkungen begleitet. Eines der Stücke, Nr. 7, stellt einen ausgebauten tractatus a d honorem et laudem illustrissimi regis
Francorum Ludovici in Prosimetrumform dar. Gewichtig ist der Anhang, der ein Viertel
der ganzen Arbeit ausmacht : Es handelt sich um ein 397 Nummern umfassendes alpha betisches Incipitregister der Gedichte und Prosatexte für die genannte Pariser Hs., außerdem für die Hss. Reims, BM lat. 1271-1274 und Tours BM lat. 301. Bezweckt ist damit, die Grundlagen dazu bereitzustellen, das Œuvre Drogos de Altovillari gründlich zu sichten.
Zu den entsagungsvolleren Aufgaben unserer Wissenschaft gehört die Edition jener umfangreichen und nicht immer anziehenden Verifikationen von Wissensstoffen, die im reiferen Mittelalter geschaffen wurden und dazu bestimmt waren, im Unterricht Verwen dung zu finden und das zu Erlernende in einprägsamer Weise darzubieten. Einzelne dieser Lehrdichtungen haben ausgesprochen enzyklopädischen Charakter, umfassen also buchstäblich „Gott und die Welt“. Davon darf die Rede sein angesichts des Titels ‘Peri ton anthropon theopoieseos’, den Gregor von Montesacro seiner 13000 Hexameter umfassenden, in sieben Bücher gegliederten Großdichtung gab, die er 1231/36 vollendet hatte. Das Konzept von creatio und recreado, von der Neuschaffung und „Vergöttli chung“ des Menschen durch das Erlösungswerk, steht dahinter, bildet jedoch nicht das eigentliche Thema. Vielmehr geht es, nebst der Theologie, um Musik, Botanik, Zoologie, Medizin, Astronomie / Astrologie, jedoch auch um die Geschichte. Das Werk fand in der Zeit selber offenbar Interesse : Nicht nur, daß die erhaltenen beiden
Hand-Schriften Spuren nachträglicher Umarbeitungen zeigen, sondern der Text wurde auch mit Glossen und Randtiteln versehen. Allerdings hielt das Interesse daran nicht lange an, und nicht nur die Dichtung, sondern auch deren Urheber, Gregor, Abt von Montesacro (vgl. ALMA 48/49, S. 193), fielen der Vergessenheit anheim. Und dabei blieb es im Wesent lichen, bis vor kurzem (vgl. auch ALMA 60, S. 281) ein Forscher sich der Aufgabe unterzog, davon nicht nur eine gut abgestützte Textedition vorzulegen, sondern zugleich mit großer Gründlichkeit auf die sich stellenden inhaltlichen, Quellen- und darstelleri schen Fragen einzugehen, dies im Rahmen einer Kölner Habilitationsschrift vom Jahre
2000 : Bernhard Pabst. Gregor von Montesacro und die geistige Kultur Süditaliens unter
Friedrich II. Mit text- und quellenkritischer Erstedition der Vers-Enzyklopädie Peri ton
anthropon theopiisis (De hominum deificatione). Stuttgart : Steiner, 2002. 1046 S. ISBN 3-515-07909-2. — Im ersten, darstellenden Teil geht es um die historische Einordnung, die Überlieferungsgeschichte und die Aufbereitung des Textes für die Schule, sodann um dessen Titel, Inhalt und Gliederung. Detailliert wird dann auf die einzelnen Stoffe und deren Herkunft eingegangen. Weitere Kapitel gelten dem literarischen Profil des Werks, seiner sprachlich-stilistischen und versmäßigen Form sowie seinem Platz innerhalb des damaligen geistigen Umfeldes. Im Editionsteil läuft der in knappster Form gehaltene Quellenapparat am Rande Vers für Vers mit; weitere Anmerkungen dazu finden sich weiter hinten gesondert.
Eine Lehrdichtung weit geringeren Umfangs und Anspruchs, welcher jedoch — viel leicht gerade darum — gute Aufnahme zuteil geworden ist, ist das ‘Carmen de misteriis ecclesie’, das Johannes de Garlandia, nach eigenem Zeugnis, 1245 nebenher und in kurzer Zeit abfaßte, und das in Frankreich und England bald, und in verhältnismäßig konsistenter Textform, verbreitet worden ist. Später tritt eine deutsche Überlieferung hinzu ; hier ist das Werk tüchtig kommentiert worden. Dieses 666 Hexameter umfas sende liturgiekundliche Lehrgedicht, dem durch Randtitel eine übersichtliche Form gegeben ist, hat zum Inhalt : das Kirchengebäude und dessen Teile samt ihrer Symbolik, daran anschließend die Weihe der Kirche und des Altars, sodann das Stundengebet sowie das Kirchenjahr mit den in seinem Laufe vorgeschriebenen Lesungen. Hierauf werden die einzelnen kirchlichen Weihegrade, dazu die liturgischen Gewänder behandelt. Das Gedicht endet mit einer Beschreibung der Messe. Immer wieder werden Begründungen und allegorische Erklärungen gegeben. Das Ganze ist eine ziemlich getreue Umsetzung des Liturgietraktates ‘Speculum de mysteriis ecclesiae’ der oft (zu Unrecht) Hugo von Saint-Victor zugewiesen worden ist (PL 177, Sp. 335-380). Vor kurzem nun hat diese für die Schule bestimmte Lehrdichtung ihre editio princeps erhalten : Iohannes de Garlandia. Carmen de m isteriis ecclesie. Herausgegeben und übersetzt von Ewald
Könsgen. Mit einem Kommentar von Peter Dinter. (Mittellateinische Studien und Texte 32). Leiden : Brill, 2004. XIX, 92 S. ISBN 90-04-13953-2. — Von dem Text werden 37 Handschriften nachgewiesen, wozu noch kurze Fragmente sowie Nachrichten über verlorene Handschriften kommen. Die Textherstellung beruht großenteils auf neun Text zeugen. Mit dem lateinischen Text geht eine deutsche Übersetzung einher, dazu am Seitenfuß in Auszügen die versifizierte Prosavorlage. Beigegeben ist ein knapper, präziser Kommentar zu den beschriebenen kirchlich-liturgischen Realien.
Im Kampf der katholischen Kirche gegen die Katharer spielte nicht nur die Inquisi tion, sondern auch die publizistische Bekämpfung der Häresie eine Rolle, so etwa in Italien in einer Zeit, in der sich die unerbittliche Haltung, welche die Kirche in Südfrankreich einnahm, dort noch nicht festgesetzt hatte. Bevor die Dominikaner hier das Heft in die Hand nahmen, findet man erstaunlicherweise Laien am Werk. So hat ein gewisser Georg, vielleicht Notar in einer oberitalienischen Stadt, in der Zeit zwischen 1210 und 1234 in Dialogform eine Streitschrift gegen die italienischen Katharer, die
gewöhnlich Patareni bzw. Paterini genannt wurden, geschrieben. (Im Text selber ist der häretische Dialogpartner mit Manicheus benannt.) Die Schrift erfreute sich großer Verbreitung, so haben sich denn aus dem 13. bis 15. Jh. nicht weniger als 53 Hand schriften erhalten. Dieser kirchengeschichtlich wichtige Text war bisher nicht genügend gewürdigt worden, auch fehlte eine zuverlässige Edition. Diese Lücke wird jetzt ausge füllt durch : Disputatio inter catholicum et Paterinum hereticum. Die Auseinanderset zung der katholischen Kirche mit den italienischen Katharern im Spiegel einer kontro verstheologischen Streitschrift des 13. Jahrhunderts. Untersuchungen zum Text,
Handschriften und Edition von Carola Hoécker. (Edizione nazionale dei testi mediola
tini 4, Serie I, 3). Firenze : SISMEL, Edizioni del Galluzzo, 2001. CXCVII, 120 S., Abb. ISBN 88-8450-019-2. — Die Arbeit, die aus einer Dissertation bei Jürgen Miethke in Heidelberg hervorgegangen ist, umfaßt eine gründliche Aufarbeitung der Entstehungs geschichte sowie der Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte dieser Schrift. Aus der Untersuchung ergibt sich folgendes Bild: Einer italienischen Handschriftenredaktion steht eine spätere französische gegenüber, die heute nur mehr durch eine alte Edition
(Martène / Durand, Thesaurus novus anecdotorum 5, Paris 1717) zu erschließen ist. Die italienischen Handschriften lassen sich nach verschiedenen Gesichtspunkten differen zieren. Unter anderm ist einigen von ihnen ein ganz kurzer Anhang ‘De sacramento corporis et sanguinis Domini’ beigegeben. Die kritische Edition des Textes beruht auf fünf stemmatisch prominenten Handschriften, die zugleich zu den ältesten gehören. (Stellenweise wird eine sechste Handschrift sowie der genannte Druck beigezogen.) Anhangsweise werden ediert: ‘De sacramento corporis et sanguinis Domini’ (siehe oben), ferner das 8., der Eucharistie gewidmete Kapitel nach der französischen Hand schriftenredaktion, außerdem ein Text über die Exkommunikation, welcher in einer ‘Disputado’-Handschrift unmittelbar nach dem entsprechenden Kapitel eingeschoben ist.
Im Rahmen der kritischen Ausgabe der Werke des Albertus Magnus (s. zuletzt ALMA 58, S. 242) ist vor kurzem die Edition des Meteorologietraktates erschienen :
Alberti Magni Meteora edidit Paulus Hossfeld. (A’i M’i Opera omnia, tomus 6, pars 1 =
Numerus currens 25). Monasteri! Westfalorum : Aschendorff, 2003. XXVI, 348 S. ISBN 3-402-04749-7 / 04750-0 / 04751-9 (je nach Einband). — Diese große naturwissen schaftliche Abhandlung beruht, was die Bücher 1 bis 3 betrifft, auf der Übersetzung der ‘Meteora’ des Aristoteles aus dem Arabischen durch Gerhard von Cremona, für das 4. Buch auf der unmittelbar auf den griechischen Text zurückgehenden des Henricus Aristippus. Unter den Quellen zu Alberts Ausführungen sind, neben Averroes und ändern, vor allem die ‘Naturales quaestiones’ Senecas zu nennen, die — aber aus schließlich in den ersten drei Büchern — an weit über hundert Stellen herangezogen sind. Von der Schrift werden 61 Handschriften (eingeschlossen einige Fragmente und Exzerpte) gebucht ; die Edition selber beruht jedoch im Wesentlichen auf neun Hand schriften.
Neben den bekannten Heiligen gibt es, wie man weiß, auch manche nur örtlich verehrte Büßer oder Klausnerinnen, beispielsweise die heilige Wiborada von St. Gallen. Die fromme Inkluse Wilbirg, die 41 Jahre lang im oberösterreichischen Augustinerchor herrenstift St. Florian eingemauert lebte, bevor sie 1289 starb, ist so gut wie unbekannt geblieben. Es half nichts, daß ihr Beichtvater, mit Namen Einwik Weizlan, sich — wohl bald nach ihrem Tode — an die Abfassung eines Mirakel- und Visionenberichtes machte, den er in mehreren Etappen ausgestaltete und umarbeitete. Offensichtlich war dabei an ihre Kanonisiemng gedacht. Die fünf erhaltenen Handschriften dieses Textes stammen alle aus österreichischen Klöstern. Bemerkenswert sind die erst neulich entdeckten Frag mente einer weiteren Handschrift, welche die Spuren eines Umarbeitungsprozesses
zeigen, der Anfang des 14. Jh’s im Gange war und wahrscheinlich noch auf den Autor selber zurückgeht. Bereits 1995 ist an der Universität Wien als Dissertation die kritische Erstedition dieses Textes, begleitet von einer deutschen Übersetzung und einer ausführ lichen Einleitung, eingereicht worden. Sie wurde an etwas entlegener Stelle gedruckt, deshalb erfolgt die Anzeige ein wenig verspätet : Die Vita Wilbirgis des Einwik Weizlan.
Kritische Edition und Übersetzung von Lukas Sainitzer. (Forschungen zur Geschichte
Oberösterreichs 19). Linz: Oberösterreichisches Landesarchiv, 1999. 381 S. ISBN 3- 900-31365-2. — Was die Einleitung betrifft, wird darin vor allem der Darstellung und Aufarbeitung der Überlieferung große Aufmerksamkeit gewidmet. Bemerkenswert sind auch die Beobachtungen zu stilistischen Ingredienzien. Unter den Beigaben sei das Register der in den Erzählungen berührten Motive hervorgehoben.
Unter den vielen unterschiedlichen Typen liturgischer Handschriften sind die libri
ordinarii (vgl. ALMA 54, S. 250) für den Gottesdienst einer bestimmten Kirche im
Jahreslauf — und zwar für das Stundengebet wie für die Messe — so etwas wie Dreh bücher. Anhand ihrer Rubriken und der liturgischen Initien spiegelt sich die Zugehörig keit der Kirche zum Diözesan- oder zu einem Ordensverband. Bei der folgenden Neuer scheinung geht es um die Gottesdienstordnung des Verenastiftes in Zurzach (Aargau, Schweiz), eines seinerzeitigen Klosters, in welchem im 14. Jh. nicht-regulierte Chor
herren lebten : Peter W ittw e r. Der Zurzacher Liber Ordinariusund seine Beziehungen
zur Marbacher Liturgie. Aargauische Kantonsbibliothek Aarau, Handschrift Ms BNQ 52, um 1370. (Spicilegium Friburgense 40). Fribourg : Academic Press, 2004. 308 S. ISBN 3-7278-1382-2. — Die Untersuchung der in dieser Handschrift niedergelegten liturgischen Gepflogenheiten hat überraschenderweise ergeben, daß diese Stiftskirche in den Kreis der vielen, sich über weite Gebiete Europas verteilenden Chorherrenstifte gehört, welche die liturgische Praxis des reformierten Stiftes Marbach im Elsaß ange nommen hatten. Das Stift hatte sich also vermutlich irgendwann, im Gefolge der Grego
rianischen Reform, die Marbacher Consuetudines zu eigen gemacht, später jedoch
wieder aufgegeben ; einzig die entsprechende Liturgie war geblieben. Einzelne Ergeb nisse der quellenkundlichen Erforschung dieses Liturgiebuches hat der Bearbeiter bereits früher in Zeitschriftenaufsätzen publiziert. Immerhin wird hier im ersten, darstellenden Teil, nebst der Beschreibung der Handschrift auch deren Inhalt, namentlich eben die entscheidenden liturgischen Charakteristika, detailliert dargestellt. Als unmittelbare
Quellen dieses Liber Ordinariuskonnten ermittelt werden : 1] ein ‘Ur-Liber Ordinarius’,
der letztlich auf das Kloster Hirsau zurückgeht und dessen Abkömmlinge in Südwest deutschland wie auch in Skandinavien nachgewiesen werden können, sodann 2] ein Marbacher Antiphonar, welches durch die Straßburger Kathedralliturgie mit geprägt ist, und schließlich ein ‘Liber missalis’ ebenfalls aus der Sphäre von Marbach. Im zweiten Teil der Arbeit wird diese bemerkenswerte liturgiegeschichtliche Quelle kritisch ediert.
Die Handschrift Paris BNF lat. 15375 enthält nebst anderem den — noch unge druckten — Kommentar des Bona Fortuna zum ‘Viaticum’ des Constantinus Africanus. Teils in ihn eingefügt, teils daran angehängt, finden sich vier kurze medizinische Trak tate. In den Kommentar eingefügt sind die Traktate De conceptus impedimento’ und
De oculis’, letzterer gegen Ende des 13. Jh’s von einem 6 1jährigen — für uns namenlos bleibenden — Mönch verfaßt. Angeschlossen an den Kommentar ist das ‘Compendium regiminis acutorum’ von Bernard Gordon — dies eine Kurzfassung des hippokratischen ‘Regimen acutorum’ — sowie die Schrift ‘De visitatione infirmorum’. Diese vier bisher als solche unedierten Texte werden vorgestellt und ediert in: Hermann Grensemann.
Natura sit nobis sem per magistra.Über den Umgang mit Patienten, die Diät bei akuten
Erkrankungen, Sterilität von Mann und Frau, Augenleiden. Vier mittelalterliche Schriften. (Hamburger Studien zur Geschichte der Medizin 2). Hamburg : LIT Verlag,
2001, XVII, 238 S. ISBN 3-8258-5081-1. — Es erweist sich, daß ‘De visitatone infir-
morum’ identisch ist mit der von Charles Darembergin der ‘Collectio Salernitana (ed.
Salvatore de Renzi, Band 5, Neapel 1859) gedruckten Schrift ‘De instructione medi
corum’. Zum ‘Compendium regiminis acutorum’ werden zusätzlich Lesarten einer Erfurter Handschrift mitgeteilt.
Der ‘Institutio musica’ des Boethius, einem der wichtigsten Lehrbücher der Musik theorie im Mittelalter und darüber hinaus, ist eine ausgiebige Glossierung zuteil geworden (vgl. ALMA 55, S. 289f.). Aus verhältnismäßig später Zeit, nämlich aus der Mitte oder der 2. Hälfte des 14. Jh’s, stammt der in zwei nicht sehr viel jüngeren Oxforder Handschriften überlieferte Kommentar eines englischen Anonymus. Überlie fert ist, von Rahmenwerk abgesehen, nur die Partie bis 1, 17 und diejenige ab 4, 1 ; augenscheinlich war schon die Vorlage der beiden Handschriften unvollständig. Der Sache nach besteht dieser Kommentar weitgehend aus einem Mosaik von Quellen stellen. Herangezogen sind insgesamt natürlich vor allem musiktheoretische Schriften, von Augustin, ‘De musica’ an ; darunter finden sich ältere Glossierungen der Boethius- Schrift selber. Herangezogen sind sodann die bekannten Nachschlagewerke, unter anderm Uguccio und Johannes de Janua, ferner Schriften des Aristoteles und Kommen tare hierzu, einige englische Texte (z. B. der ‘Policraticus’ des Johannes von Salisbury) und schließlich die Lehrtexte der verschiedenen Artes und des universitären Unterrichts (etwa die ‘Parisiana poetria’ des Johannes de Garlandia). Soeben ist, als Dissertation der Universität Freiburg im Breisgau, eine vorbildliche kritische Edition dieses Textes vorgelegt worden : Commentum Oxoniense in musicam Boethii. Eine Quelle zur Musik
theorie an der spätmittelalterlichen Universität, ed. Matthias Hochadel. (Bayerische
Akademie der Wissenschaften : Veröffentlichungen der Musikhistorischen Kommission 16). München : Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, in Kommission bei dem Verlag C. H. Beck, München, 2002. XCVII, 476 S. ISBN 3-7696-6009-9. — Was die typographische Einrichtung betrifft, ist eine vorbildliche Lösung gefunden : Jeweils auf der linken Seite wird der Kommentar geboten, mit Hervorhebung der Grund text-Elemente in Halbfett. Auf der rechten Seite steht an der Spitze — und zwar voll ständig, im Zusammenhang — der boethianische Grundtext, dies als scribal version nach einer Cambridger Handschrift aus der Mitte des 12. Jh’s, die für die englische Fassung des Boethiustextes repräsentativ ist. Unterhalb davon werden, geordnet nach den Textzeilen des Kommentars, die Quellenstellen genannt, dies in ausführlichen Zitaten. Am Seitenfuß findet der textkritische Apparat Platz.
Der spätmittelalterlichen Schulsphäre entstammt ein Lehrbuch der Komputistik, das seinerzeit recht großen Erfolg hatte : der ‘Computus chirometralis’ des Johannes Alberi (früher auch einfach J. de Erfordia genannt). Dieser aus Thüringen stammende, im 2. Viertel des 14. Jh’s wirkende Erfurter Schulmann, zeitweilig Rektor an der Schule des Severistifts, verfaßte 1330 oder kurz zuvor ein Handbuch der Kalenderrechnung auf der Basis von rund 60 „Versen“ : geringerenteils Memorialversen in Worten, die einen Sinn ergeben, größerenteils bloßen Buchstaben- und Silbenfolgen, die sich nach der Devise „reim dich oder ich freß dich“ zu einem Hexameter zusammenzwingen ließen — mnemotechnisch ein gewaltiger Vorteil — und in der richtigen Reihenfolge die kompu- tistischen Leitbegriffe vergegenwärtigten. Inhaltlich gliedert sich das Werk in einen
computus minor — die angewandte Chronologie mit dem 28jährigen Sonnen- und dem
19jährigen Mondzyklus — und in einen computus m aior — die Behandlung astronomi scher Erscheinungen innerhalb des 76jährigen Mondzyklus. Dieser komputistische Prosatext hat sich in weit über hundert Handschriften erhalten ; außerdem gibt es davon einen Inkunabeldruck (Köln: Johann Koelhoff d. Ä., ca. 1480/85; GW 7280). Dieser Schultext ist auch kommentiert worden. Als Dissertation der Universität Tübingen
(Fakultät für Mathematik und Physik, 2003) ist ein Textdruck mit deutscher Übersetzung
und ausführlichem Kommentar vorgelegt worden : Karl Mütz. ‘Computus chirome-
tralis’. Spätmittelalterliches Lehrbuch für Kalenderrechnung, lateinisch und deutsch, mit
Kommentar. Mit einem Beitrag von Sönke Lorenz. (Tübinger Bausteine zur Landesge
schichte 3). Leinfelden-Echterdingen : DRW-Verlag Weinbrenner, 2003. IX, 190 S., Abb. ISBN 3-87181-703-1. — Der lateinische Text hat nicht eigentlich eine Edition erfahren, sondern nur einen seiten- und zeilengetreuen Abdruck der Inkunabelausgabe ; damit ist die deutsche Übersetzung zeilenmäßig genau koordiniert. Nach dem fachmännischen, mit Tabellen und Diagrammen versehenen Kommentar folgt im Anhang die Aufteilung der berühmten Cisiojanus-Merkverse auf alle Tage des Jahres, sodann die alphabetisch geordnete Zusammenstellung aller in dem Traktat herangezogenen „Verse“, ein Glossar mit Namenverzeichnis, sodann ein kurzer biographischer Beitrag zu Algeri, verfaßt von Sönke Lorenz, dem Erforscher des Erfurter Schullebens im 13. und 14. Jh.
Der Wiener Theologe und Historiker Thomas Ebendorfer (1388-1464) hatte in seinem Alter jene breit angelegte Papstgeschichte verfaßt, die vor etwa zehn Jahren kritisch herausgegeben worden ist (vgl. ALMA 55, S. 304f.). Voran ging, von der ‘Chro nica Austriae’ abgesehen, die Bearbeitung seiner noch weit umfangreicheren Kaiser chronik, von welcher nun, vom selben Bearbeiter betreut, die Edition erschienen ist:
Thomas Ebendorfer. Chronica regum Romanorum. Herausgegeben von Harald Zimmer
mann. 2 Teile. (Monumenta Germaniae Histórica: Scriptures rerum Germanicarum,
Nova series 18). Hannover : Hahn, 2003. CII, 1249 S. ISBN 3-7752-0218-8. — Eben dorfer schrieb dieses monumentale Werk in verhältnismäßig kurzer Zeit, 1449/50. Wie sich versteht, überwiegen besonders in den frühen Partien die aus ändern Autoren über nommenen Textpartien. Als Quellen dienen nicht nur die üblichen historischen Refe renzwerke wie Otto von Freising, Vinzenz von Beauvais, Martin von Troppau, ‘Flores temporum’ und dergleichen, sondern auch Francesco Petrarcas De viris illustribus’ sowie Giovanni Boccaccios De casibus virorum illustrimi und De mulieribus Claris’. Von dem Reichtum des von Ebendorfer verarbeiteten Materials kann man sich etwa anhand der Tatsache einen Begriff machen, daß das kleingedruckte Namenregister der Edition rund 240 Druckseiten umfaßt. Die Überlieferung beruht auf dem in Wien liegenden Autograph und dem heute in London befindlichen, seinerzeit Friedrich III. übereigneten Widmungsexemplar. Das Werk ist eine Universalchronik : Begonnen wird bei den Assyrem, Persern und Griechen ; verhältnismäßig viel Raum nimmt die römi sche Geschichte ein. Dann wird die Darstellung immer breiter, bis sie im sechsten Buch mit der Zeit Friedrichs III., dem Widmungsträger der Chronik, endet. Buch 7 enthält Zusammenfassungen der ersten sechs Bücher. Im Autograph finden sich am Schluß von Buch 6 und vor allem in Buch 7 ausgedehnte Nachträge zur allerjüngsten Geschichte ; der Bericht wird bis 1463 herabgeführt.
Was der Wolfenbütteier ‘Rapularius’ ist, läßt sich seit einigen Jahren der Monographie von Hildegund Hölzel entnehmen, die den ersten Teil einer Göttinger Dissertation von 1994/95 ausmacht (darüber ALMA 57, S. 331 f.). Verbunden damit ist der Name von Wilhelm Toke. Dieser deutsche Weltgeistliche (ca. 1395-1454) — der am Konzil von Basel teilnahm und sich in der Erzdiözese Magdeburg als Kirchenreformer betätigte — begann eine umfangreiche, inhaltlich recht bunte, alphabetisch geordnete Exzerpten- sammlung anzulegen, die in der genannten Arbeit bereits ausführlich behandelt worden ist. Nunmehr ist als zweiter Teil der seinerzeitigen Dissertation eine Teiledition dieses bil- dungs- und frömmigkeitsgeschichtlich bemerkenswerten Textkonglomerates erschienen :
Der Wolfenbütteier Rapularius. Auswahledition. Herausgegeben von Hildegund Hölzel-
Ruggiu. (Monumenta Germaniae Histórica: Quellen zur Geistesgeschichte des Mittel alters 17). Hannover : Hahn, 2002. VIII, 535 S. ISBN 3-7752-1017-2. — Darin werden
nach der Wolfenbütteler Handschrift die Eintragungen unter den Buchstaben A bis H kri tisch ediert ; großes Gewicht kommt dem Quellenapparat zu. In der Einleitung wird die komplexe Entstehungsgeschichte der Wolfenbütteler Handschrift nochmals aufgerollt und in einer knappen Übersicht zusammengefaßt. Tokes Anteil erweist sich übrigens als gerin ger, als bisher angenommen worden ist. Erneut wird die Schrift mit den ‘Rapiarien’ in Beziehung gesetzt, einer im Bereich der devotio moderna üblich gewesenen Form per sönlicher, zur ruminatio dienlicher Zitatensammlungen, die sich als Typus von den Flori- legien deutlich abheben. Ihrer Entstehung nach gliedert sich die Handschrift in drei Teile, von denen nun allerdings nur der dritte, von dem Kleriker und Arzt Thomas Comucervi- nus in den 1460/70er Jahren selbständig redigierte Teil — welcher verstärkt erbauliches Gepräge aufweist — in vollem Sinne ein ‘Rapiarium’ darstellt. Ediert ist hier der erste Teil, die Buchstaben A bis E umfassend, zu Beginn der 1450er Jahre von einem für Toke arbeitenden Schreiber angelegt und von Comucervinus später ergänzt, sodann für die Buchstaben F bis H die Teile 2 (Comucervinus im Raum der vorgezeichneten Kolumnen, nach einer Gesamtvorlage) und 3 (Comucervinus in selbständiger Weiterführung). Aller dings mußte dabei eine Auswahl getroffen werden ; einzig die Materialien der Buchstaben B und H sind vollständig wiedergegeben. An Beigaben finden sich außer einem Verzeich nis der Lemmata und der identifizierten Quellenstellen ein zusammenstellender Abdruck der aufgenommenen Verse und Sprüche ; dem Namenregister sind auch die Bezeichnun gen sozialer Gruppen und der Ämter eingegliedert.
Unter den Werken des — nicht sehr bekannten — italienischen Dichters Basinio Basini (1425-1457) ist das früheste von einigem Umfang die ‘Meleagris’, eine Dichtung, in welcher, auf der Grundlage von Ov. met. 8, 273-546, die kalydonische Eberjagd in epischer Breite, in nicht weniger als 2425 Versen, gegliedert in drei Bücher, dargestellt wird. Geschaffen wurde sie 1447/48 in Ferrara ; sie ist dem Marchese Leonello d’Este gewidmet, der selber ein passionierter Jäger war. Nachdem das Werk 1794 in Rimini seine editio princeps erfahren hatte, ist nunmehr, als Dissertation der Universität Würz burg, eine gründliche kritische Edition (auf der Basis der fünf bekannten Handschriften und dieses Drucks), mit deutscher Parallelübersetzung und einem ausführlichen philolo
gischen Kommentar, vorgelegt worden : Andreas Berger. Die M eleagris des Basinio
Basini. Einleitung, kritische Edition, Übersetzung, Kommentar. (Bochumer Altertums wissenschaftliches Colloquium 52). Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2002. 433 S. ISBN 3-88476-550-7.
Gewissen Äußerungen Ovids zufolge, die inhaltlich dem Umfeld seiner ‘Heroides’ zugehören, hätte sein Freund Sabinus Briefe von Helden an ihre Partnerinnen nicht so wohl selber geschrieben als vielmehr aus allen Teilen der Welt gesammelt, so auch einen Antwortbrief des Odysseus an Penelope. Seit 1477 wurden in vielen Ovidausgaben drei Versepisteln dieser Art unter dem Namen eines Sabinus mit abgedruckt. Lange wurden sie für antik gehalten, doch hat sich gezeigt, daß sie von dem humanistischen Dichter Angelus Sabinus und wohl aus dem Jahre 1467 stammen. In der italienischen Humani stenhandschrift Berlin Diez. B Sant. 41 (von etwa 1470) hat nun die Berliner Hand schriftenbibliothekarin Ursula Winter eine — bestimmt nicht viel ältere — Dichtung von 240 Distichen entdeckt, welche mit ‘Odyssea’ überschrieben ist und eine eigentliche Kurzfassung der Odyssee darstellt. Dem Untertitel zufolge würde sie ebenfalls auf Angelus Sabinus zurückgehen, was sich allerdings nicht bewahrheitet hat. Vor kurzem nun ist von berufener Seite die kritische Erstedition dieses Textes vorgelegt worden :
Odyssea. Responsio Ulixis ad Penelopen. Die humanistische Odyssea decurtata der
Berliner Handschrift Diez. B Sant. 41. Eingeleitet, herausgegeben, übersetzt und
kommentiert von Christina Meckelnborg und Bernd Schneider. (Beiträge zur Alter
latei-nische Text ist von einer deutschen Parallelübersetzung begleitet ; hinzu kommt ein detaillierter philologischer Kommentar.
In der italienischen Renaissance sind nicht nur die „kanonischen“ literarischen Genera, an die man gemeinhin zuerst denkt, wiederbelebt worden, etwa durch elegante Dichtungen oder Werke der Geschichtsschreibung, sondern auch jene wenig gegliederte, oft etwas schwerfällig daherkommende Buntschriftstellerei vergangener Tage hat Nach ahmung gefunden. Dies gilt für die umfangreiche Lehrschrift ‘De politia litteraria’ des Angelo Camillo Decembrio (um 1415- [nach] 1467), welche um 1463 abgeschlossen vorlag und sich im Autograph des Verfassers sowie in zwei Frühdrucken aus dem deutschsprachigen Raum erhalten hat. In dem Werk wird eine große Zahl an literarisch philosophischen, aber auch an sprachwissenschaftlichen Themen behandelt. Zum ersten Bereich gehören Fragen der Textkritik und der richtigen Interpretation umstrittener Text stellen ebenso wie Fragen der Verstechnik und der Dichtkunst. Der Poesie werden die Bildenden Künste gegenübergestellt. Hinzu kommen philosophische Erörterungen über das höchste Gut, die Zwecke des Lebens und die beste Staatsform. An sprachlichen Themen interessieren den gelehrten Autor Probleme der Phonologie, der Silbenquan titäten und der Orthographie, solche der griechischen Wortbildung, der Semantik, aber auch der Syntax. Wieder ins Philosophische erhebt sich die Diskussion des Sprachwan dels. Das Werk gliedert sich in sieben Bücher und 103 Kapitel. Sein Aufbau ist hybrid : Vier der Bücher sind in Form fiktiver Dialoge gehalten, unter Beteiligung einer insge samt recht großen Zahl italienischer Humanisten. Andere Bücher wiederum stellen im Wesentlichen nichts weiter dar als Glossare. Mit diesem weitläufigen und äußerlich viel leicht nicht gerade sehr anziehenden, jedoch geistes- und bildungsgeschichtlich aussa gekräftigen Werk werden wir durch eine gründlich gearbeitete Münsteraner Dissertation umfassend bekannt gemacht : Angelo Camillo Decembrio. De politia litteraria. Kritisch herausgegeben sowie mit einer Einführung, mit Quellennnachweisen und einem Regi
sterteil versehen von Norbert Witten. (Beiträge zur Altertumskunde 169). München :
Saur, 2002. 592 S. ISBN 3-598-77718-3.
Innerhalb der großangelegten Cusanus-Ausgabe (s. zuletzt ALMA 58, S. 245) ist eine Schrift zur mystischen Theologie erschienen, die Nikolaus von Kues 1453 abfaßte und dem Abt und Konvent des Klosters Tegernsee widmete : Nicolai de Cusa De visione Dei.
Edidit Adelaida Dorothea Riemann. (Nicolai de Cusa Opera omnia 6). Hamburgi :
Meiner, 2000. XXXI, 133 S. ISBN 3-7873-1368-0. — Nikolaus stellt seine Erörterung unter den Gesichtspunkt der visio D ei, wobei Gott sowohl als Objekt wie als Subjekt dieses Sehens zu denken ist : Ausgangspunkt ist die Bildrede von (konkret benannten) Porträts, auf denen der Dargestellte dem sich im Raum bewegenden Betrachter mit den Augen zu folgen scheint. Von dem Text sind 27 Handschriften und vier alte Drucke bekannt ; für die Textkonstitution wurden jedoch lediglich vier Handschriften herange zogen.
In den neusprachlichen Philologien werden immer wieder bemerkenswerte Beiträge zur volkssprachlichen Rezeption mittelalterlicher lateinischer Texte, etwa solcher aus der Sphäre von Schule und Wissenschaft, vorgelegt. An dieser Stelle können längst nicht alle derartigen Arbeiten gewürdigt werden. Im Folgenden jedoch ein kurzer Hinweis auf eine germanistische Arbeit, in der es um die handschriftliche Überlieferung mnemotechni
scher Traktate im 15. Jahrhundert geht: Sabine Heimann-Seelbach. Ars und scientia.
Genese, Überlieferung und Funktionen der mnemotechnischen Traktatliteratur im 15. Jahrhundert. Mit Edition und Untersuchung dreier deutscher Traktate und ihrer lateini schen Vorlagen. (Frühe Neuzeit 58). Tübingen: Niemeyer, 2000. IX, 551 S. ISBN 3- 484-36558-7. — Zunächst werden die Textgrundlagen — der lateinischen Lehrtexte und ihrer deutschsprachigen Bearbeitungen — bereitgestellt. Eingangs wird dabei eine